Die Schaffung sozial nachhaltiger Pflege und Betreuung soll vor allem an der Gestaltung von Arbeitsbedingungen ansetzen, die emotionale Anteile und psycho-soziale Bedürfnisse von Klient*innen als auch Mitarbeiter*innen zu gleichen Teilen beachtet FN 1. Dazu werden mit Bezugnahme auf das Konzept des subjektivierenden Arbeitshandelns zentrale Prinzipien einer sozial-aktivierenden Arbeitsgestaltung vorgestellt.
Im Zentrum steht dabei eine Beziehungs- und Emotionsorientierung in Form authentisch reflexiven und emotional tragfähigen beruflichen Handelns. Dies kann dadurch erreicht werden, indem emotionale Anteile und psycho-soziale Bedürfnisse von Klient*innen und Mitarbeiter*innen beachtet werden. Menschliche Grundbedürfnisse wie Autonomie, Würde, Sinn und soziale Eingebundenheit stehen dabei im Fokus. Abgebildet sind diese Bedürfnisse in einem ganzheitlichen Pflegebegriff und einem diesem innewohnenden selbstbestimmten Handlungs- und Gestaltungsbereich FN 2. Die beruflichen Tätigkeiten sollten subjektive Faktoren wie Gespür, Erleben und Empfinden einschließen und als zwischenmenschliche Zuwendung keinen „Zusatzaufwand“ darstellen, sondern Qualität und Effizienz der Arbeit erhöhen und zugleich helfen, subjektive Belastungen zu reduzieren FN 3.
Konzept des subjektivierenden Arbeitshandelns
Abgebildet sind diese subjektiven Faktoren im Konzept des subjektivierenden Arbeitshandelns FN 4 als Ausdruck einer beruflichen Haltung, die Subjektivität und Selbstbestimmung der involvierten Personen in den Mittelpunkt stellt. Beziehungsarbeit wird hier als Modus verstanden, in dem Empathie und Mitgefühl sowie dazu angemessene kommunikative Haltungen und Strategien eine Grundlage der Tätigkeiten bilden. Dabei wird auf die Bedeutung intuitiven Handelns und einem situativ dialogisch-explorativen Vorgehen mit einem auf Empathie beruhendem, subjektiven Nachvollziehen fokussiert.
Modell einer sozial-aktivierenden Arbeitsgestaltung
Kern des Modells stellt das Konzept des subjektivierenden Arbeitshandelns dar, das diesen Zugang auf systemisch-organisationaler Ebene abbildet, indem es soziale Zusammenhänge und organisationale Haltungen wie psychologische Sicherheit, kollegiale Unterstützung und kooperative Problemlösung in gute Interaktions- und Beziehungsarbeit sowie günstige Emotionsregulation integriert. Es wurde bereits im November 2024 im Pflegenetzmagazin vorgestellt (Zwischenmenschliche Arbeit in Pflegewohnheimen – selbstorganisiert gestaltet – magazin.pflegenetz.at) und setzt bei individualisierten Leistungen FN 5 an, mit denen die Bearbeitung sozialer und emotionaler Bedürfnisse unterstützt und die Beziehung zu Klient*innen und ihren An- und Zugehörigen gepflegt wird.
Zentraler Inhalt ist, dass durch eine Klient*innen-Orientierung psycho-soziale Themen und Menschlichkeit, die selbstorganisierte Arbeitsweisen unterstützen, in den Arbeitsalltag integriert werden FN 6. Mittels (kommunikativer) Haltung in Form professioneller Anteilnahme durch Empathie und Abgrenzung FN 7 kann die Erbringung dieser Leistungen erleichtert werden, weil damit fallweise verbundene emotionale Irritationen verhindert, abgeschwächt oder gar aufgelöst werden (können).
Ergänzt wurde das Modell zwischenzeitlich um Funktionsprinzipien als indirekte Stellschrauben bzw. Katalysatoren. Diese umfassen Überlegungen zur Schaffung von
Zentrale Prinzipien einer sozial-aktivierenden Arbeitsgestaltung
Zur Herstellung einer sozial-aktivierenden Arbeitsgestaltung gilt es, sich unter anderem in Anlehnung an Böhle FN 8 an den Prinzipien der Partizipation und Mitbestimmung zu orientieren. Durch Teamarbeit werden Möglichkeiten eines informellen, wechselseitigen Erfahrungsaustauschs eröffnet. Dies erlaubt den Aufbau eines gemeinsamen Erfahrungshintergrunds, eine gegenseitige Überprüfung und die Weiterentwicklung von Erfahrungswissen, zusätzlich wird kollegiale Unterstützung begünstigt. Mit Blick auf Humankriterien lern- und persönlichkeitsförderlicher Arbeitsgestaltung gilt es, hohe Handlungsspielräume hinsichtlich Disposition, Entscheidungen und Zeitaufwand sowie eine prozessbezogene Zeit-Bewertung zu gewährleisten bzw. diese ggf. zu erweitern. Außerdem muss ein situatives und informelles – kooperatives – Handeln ermöglicht und unterstützt werden. Führung hat hier vor allem eine autonomiefördernde strategische Funktion. Die bedeutsamsten Erfolgsfaktoren bilden dabei empathisches Verstehen und Achtsamkeit der Führungskräfte in Bezug auf psycho-soziale und emotionale Inhalte des sozialen Miteinanders des Personals untereinander und mit Klient*innen FN 9.
Anwendungskontext
Es besteht die Möglichkeit, mit dem Autor zwecks informellen Austauschs in Kontakt zu treten. Im Fokus sollten weniger die besonderen Arbeitsanforderungen und -belastungen, sondern vor allem Ressourcen und die diese bedingenden Faktoren stehen. Ziel könnte es sein, wesentliche Ansätze, (Funktions-)Prinzipien und Wirkmechanismen der Arbeitsgestaltung zu erörtern und zu konkretisieren, die (auch) auf emotionale Anteile und psycho-soziale Bedürfnisse von Klient*innen und Mitarbeiter*innen fokussieren FN 10.
FN 1
Eckerstorfer, P. (2024). Der Mehrwert zwischenmenschlich gestalteter Arbeit in Pflegeheimen. Pflege Professionell – Das Fachmagazin. 34/2024. S. 87-97. https://markusgolla.at/wp-content/uploads/2024/04/ausgabe-pp34.pdf
FN 2
Mayer, B & Köberl-Hiebler, I. (2023, June 15). Rehabilitationspflege – Begleitung zu Autonomie und Lebensqualität magazin.pflegenetz.at https://magazin.pflegenetz.at/artikel/rehabilitationspflege-begleitung-zu-autonomie-und-lebensqualitaet
FN 3
Weishaupt, S. (2017). Perspektiven für Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik. In: F. Böhle (Hrsg). Arbeit als Subjektivierendes Handeln. Handlungsfähigkeit bei Unwägbarkeiten und Ungewissheit. S. 691-699. Berlin: Springer. DOI 10.1007/978-3-658-14983-3.
FN 4
Böhle, F. (Hrsg.). (2017). Arbeit als Subjektivierendes Handeln. Handlungsfähigkeit bei Unwägbarkeiten und Ungewissheit. Berlin: Springer. DOI, 10.1007/978-3-658-14983-3
FN 5
Schalek, K. (2022). Pflegebedarf. Working Paper der AK Wien. https://wien.arbeiterkammer.at/service/studienundzeitschriften/studien/gesundheitundpflege/Working-Paper_Pflegebedarf_2020-12.pdf
FN 6
Kleve, H. (2020). Die Rückkehr des „Menschlichen“: Integration des Psycho-Sozialen, Emotionalen und Elementaren als Voraussetzung für gelingende Selbstorganisation. In: O. Geramanis & S. Hutmacher (Hrsg.). Der Mensch in der Selbstorganisation. uniscope. Publikationen der SGO-Stiftung. Springer Gabler. S. 247-260. https://doi.org/10.1007/978-3-658-27048-3_16
FN 7
Lampert, B & Hornung, S. (2024). Detached concern. In. P. Matthijs Bal (Ed). Elgar Encyclopedia of Organizational Psychology. S. 145-150. DOI: https://doi.org/10.4337/9781803921761.00030
FN 8
Böhle, F., Stöger, U. & Weihrich, M. (2015): Interaktionsarbeit gestalten. Vorschläge und Perspektiven für humane Dienstleistungsarbeit. Berlin: Sigma. Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, 168. doi.org/10.5771/9783845268279
FN 9
Eckerstorfer, P. (2024). Zwischenmenschliche Arbeit – selbstorganisiert gestaltet am Beispiel des Pflegewohnheims Peter Rosegger Graz. Sichere Arbeit. 6. S. 36-39. Wien: ÖGB-Verlag. https://www.sicherearbeit.at/content/dam/sicherearbeit/downloads/2024/SIA_6_24_BF.pdf
FN 10
Schalek, K. (2024). Qualität in der stationären Langzeitbetreuung und -pflege – Beitrag zur Entwicklung eines Qualitätskonzepts. Working Paper der AK Wien. https://emedien.arbeiterkammer.at/viewer/api/v1/records/AC17259210/files/source/AC17259210.pdf
Peter Eckerstorfer
arbeitet als fachkundiges Organ für Arbeitspsychologie und -soziologie in der Präventionsabteilung der AUVA-Hauptstelle und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Gestaltung von Arbeitsbedingungen, überwiegend in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens.
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