Das Isar Amper Klinikum führt seit 2018 das Modell Safewards in seinen klinischen Bereichen ein (Allgemeinpsychiatrie, Sucht, Forensische Psychiatrie, Gerontologie). Seit 2024 entwickelte sich zunehmend der Aspekt der Nachhaltigkeit. Dazu entwickelte das Projektteam die „Safewards-Visite“.
Safewards ist ein Modell zur Förderung eines sicheren und respektvollen Umfelds in psychiatrischen Einrichtungen. Das Modell beschreibt zehn konkrete Interventionen, die aufzeigen, wie Konflikte entstehen, und praxistaugliche Strategien anbieten, um diesen frühzeitig vorzubeugen. Ziel von Safewards ist es, konflikthafte Situationen sowie daraus resultierende Eindämmungs- und Zwangsmaßnahmen zu reduzieren. Das Safewards-Modell wurde von Professor Len Bowers entwickelt (Pflegewissenschaftler und Professor für Psychiatrische Pflege am King’s College London).
Safewards Visiten
Die Safewards-Visite kann als bewusst eingerichtetes, wiederkehrendes „Nachhaltigkeitsritual“ in der Implementierung verstanden werden: ein strukturiertes gemeinsames Innehalten auf Station, bei dem das Projektteam den Safewards-Ansatz im Alltag überprüft, auffrischt und weiterentwickelt.
Das Ziel ist, Kennzahlen, welche wir quartalsweise erheben, mit gelebter Praxis zu verbinden: Zahlen liefern Hinweise – Safewards Visiten erfassen die Erfahrungen und Perspektiven der Praktiker:innen vor Ort, sie machen sichtbar, was funktioniert – und wo Unterstützung notwendig ist. Wichtig ist uns dabei zu erfragen, ob und wie Projektleitung und duale Klinikleitung (Pflegedirektion/Ärztliche Direktion) die Stationen gezielt fördern kann.
Die Visiten finden in allen Fachrichtungen statt. Organisiert und durchgeführt werden die Visiten durch zwei Mitglieder der Projektleitung. Die Termine werden über einen Jahresplan mit den zuständigen dualen Führungen der Stationen (Stationsleitung/OberÄrzt:in) abgestimmt. Unsere Eindrücke werden später gemeinsam mit der zuständigen Pflegedienstleitung und dem Chefarzt/der Chefärztin besprochen.
In 2024 haben wir jeweils zwei Stationen pro Fachrichtung besucht (18 Visiten). Seit 2025 steigerten wir unsere Besuche auf 32 und 2026 auf 35.
Die Organisation und das Protokoll
Organisatorisch dauert jede Visite pro Station 60 Minuten und wird anhand eines standardisierten Protokolls dokumentiert. Dieses enthält eine Übersicht zu allen zehn Interventionen, wobei der aktuelle Stand und die konkrete Umsetzung skizziert wird, aber auch welche Berufsgruppen als Interventionsbeauftragte fungieren. Im zweiten Teil des Protokolls finden sich offene Leitfragen zu Nachhaltigkeit, multiprofessioneller Umsetzung, Auswirkungen auf Patient:innen und Mitarbeitende, sowie zu eventuellem Unterstützungsbedarf von außen. Abschließend wird die Reflexion mit der dualen Klinikleitung dokumentiert. Jedes Protokoll geht in einen großen Verteiler bestehend aus Stationsaccount, duale Stationsleitung, duale Klinikleitung, sowie zur Direktion. Die erworbenen Erkenntnisse fließen kontinuierlich in die weitere Umsetzung zurück.
Die Visite und auch die verschriftlichte Zusammenfassung hat neben dem Inhalt und den Erkenntnissen einen weitaus höheren Wert: Es ist auch ein Dankeschön, eine Wertschätzung an die Kolleg:innen, die viel Mühe in die Implementierung stecken.
Unsere Erlebnisse:
Wir sehen, wie Safewards auf den Stationen nicht nur implementiert wird, sondern auch „laufen lernt“ – sich mit vielen kreativen, passgenauen Ideen aus der Praxis weiterentwickelt. Wir erleben Kolleg:innen aus verschiedenen Berufsgruppen, die die Kompetenzen ihrer jeweiligen Profession nutzen, um Safewards-Interventionen mit anderen Angeboten und therapeutischen Maßnahmen zu verknüpfen. Wir erleben aber auch Teams, die durch die Einführung von Safewards feststellen, dass sie grundsätzliche Themen wie z.B. die Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team oder eine gemeinsame Haltung bzgl. der Versorgungskultur, bearbeiten müssen.
Gleichzeitig wird deutlich: Safewards ist kein Allheilmittel zur Reduktion von Zwang und Gewalt. Stationen sind aufgrund von personeller und räumlicher Ausstattung nicht direkt vergleichbar; jede braucht ihre eigene, respektierte Anpassung. Safewards ist weder Gesetz noch Therapie noch starre Vorgabe, sondern ein Modell, dessen Botschaften an die Bedingungen vor Ort angepasst werden müssen. Neben der Gewalt- und Zwangsreduktion eröffnet Safewards zudem zahlreiche Chancen für Teamentwicklung – auch, indem wir die Interventionen auf unser eigenes Miteinander übertragen.
Ebenfalls lässt sich durchweg feststellen, dass die Kommunikations-Interventionen letztlich mehr als die Festlegung ihrer Durchführung brauchen. Professionelle Kommunikation muss geschult und trainiert werden; es wäre trügerisch anzunehmen, dass sich durch die Einführung, Beschreibung und Reflexion der jeweiligen Interventionen für die Psychiatrie wichtige kommunikative Fähigkeiten „wie von selbst“ bei den Kolleg:innen festsetzen.
Thomas Auerbach B.A., Pflegepädagoge in der Strategischen Praxis- und Pflegeentwicklung
Irmi Breinbauer, Gesundheits- und Krankenschwester mit Weiterbildung Psychiatrie (DKG), Coaching und Mitarbeit:innenentwicklung
Kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München Ost
Kontakt: Thomas.Auerbach@kbo.de
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