Anzeige
Michael Weißmann
Pflege aufs Podium
Warum die Profession Pflege mehr Mitsprache braucht

Pflegeprofis sind die größte Berufsgruppe im deutschen Gesundheitswesen – und dennoch bleiben sie oft ohne politischen Einfluss (Statista 2024; Igl et al., 2026) Viele erleben ihren Berufsalltag als Empfänger von Vorgaben, sind frustriert oder resigniert. Die Pflege hat in Deutschland „kein tragfähiges Sprachrohr, um ihre Interessen wirksam in politische Entscheidungsprozesse einzubringen.“ (Igl et al., 2026) In der Politik reden und entscheiden Menschen über die Pflege, die noch nie in der Pflege gearbeitet haben.

Anzeige

Laut dem Fachbuch Politische Partizipation in der Pflege liegt ein Grund darin, dass die Pflege bislang nicht ausreichend organisiert und geschlossen als Berufsgruppe auftritt. (Igl et al., 2026) „Dabei haben politische Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen auf die Pflege: Personalmangel, demografische Entwicklung, fortschreitende Ökonomisierung und Verteilungsfragen im Gesundheitssystem bestimmen das Tun jeder einzelnen Pflegeperson. Um sich diesen Herausforderungen stellen zu können, wird berufspolitisches Engagement und politische Teilhabe der Pflegenden als Berufsgruppe immer bedeutender.“ (Igl et al., 2026, 15)

Genau hier setzt die Initiative #TrommelnFürDiePflege des Caritasverbandes für die Diözese Regensburg e.V. an: Pflegeprofis sollen sichtbar werden, ihre Expertise einbringen und selbstbewusst für ihre Anliegen eintreten. Denn wer Pflege täglich lebt, wer Menschen in Krankheit, Alter und Krisen begleitet, bringt eine Perspektive mit, die in Politik und Gesellschaft unverzichtbar ist. (Caritas Regensburg, 02/2026) Pflegeprofis verfügen über enormes Fachwissen, ethische Kompetenz und unmittelbare Erfahrung in der Versorgung. (Caritas Regensburg, 9/2025)

Pflege ist deshalb mehr als Ausführung medizinischer Anordnungen: Sie ist ein eigenständiger Heilberuf mit gesellschaftlicher Verantwortung. (Giese et al., 2024) Diese Verantwortung wird auch international betont. Der ICN-Ethikkodex beschreibt Pflege als eigenverantwortliche Profession mit dem Auftrag, Gesundheit zu fördern, Leiden zu lindern und Menschen in allen Lebensphasen zu begleiten. (ICN-Ethikkodex, 2021) Daraus ergibt sich zwangsläufig ein Anspruch auf Mitsprache. Wer Verantwortung für die Versorgung trägt, muss auch an Entscheidungen beteiligt werden, die Pflege betreffen. (Giese et al.; 2024)

Genau daran mangelt es. Der Deutsche Pflegerat kritisiert, dass Pflegefachpersonen in Deutschland noch immer zu selten verbindlich in gesundheitspolitische Entscheidungen eingebunden sind. Ohne berufliche Selbstverwaltung drohe der Pflege „strukturelle Ohnmacht“. (DPR, 2026) Pflege müsse mitentscheiden können, wenn es um Kompetenzen, Personalbemessung oder die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems gehe. Die Zukunft der Versorgung dürfe nicht „über die berufliche Pflege hinweg gestaltet werden“. (DPR, 2026)

Ein zentraler Baustein dafür sind Pflegekammern. Sie gelten international seit Jahrzehnten als Ausdruck professioneller Selbstverwaltung. Die Pflegewissenschaftlerin Edith Kellnhauser verweist darauf, dass Pflegekammern in Großbritannien oder den USA wesentlich dazu beigetragen haben, Pflege als eigenständige Profession sichtbar zu machen. (Kellnhauser, 2014) Pflegekammern sichern Qualitätsstandards, fördern Fortbildung, vertreten berufliche Interessen und stärken die politische Stimme der Berufsgruppe. Gleichzeitig schützen sie die Bevölkerung, indem sie professionelle Standards verbindlich machen. (Kellnhauser, 2014)

Auch aus ethischer Perspektive wird die berufliche Selbstverwaltung als gesellschaftliche Notwendigkeit verstanden. Die Stellungnahme von Giese et al. betont, dass Pflegekammern wesentlich dazu beitragen, menschenwürdige, qualitativ hochwertige und sichere Versorgung zu gewährleisten. (Giese et al., 2024) Pflegekammern seien nicht Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, dass pflegefachliche Expertise verbindlich in die Gestaltung des Gesundheitswesens eingebracht werde. (Giese et al., 2024)

Wie schwierig dieser Weg in Deutschland bis heute ist, zeigt der Beitrag „Störfall Pflegekammer“ von Michael Bossle und Pascale Hilberger-Kirlum. Sie beschreiben die Geschichte der Pflegekammern in Deutschland als Emanzipationsprozess – aber auch als Geschichte der Verhinderung. (Bossle et al., 2024) Pflege werde politisch oft noch immer fremdbestimmt, obwohl sie die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen darstellt. Ohne starke Selbstverwaltung bleibe die gleichberechtigte Teilhabe am politischen Prozess erschwert. Gleichzeitig kritisiert das Autorenteam, dass berufspolitische Bildung in der Pflege noch zu wenig Raum einnimmt. Gerade deshalb brauche es mehr Sensibilisierung dafür, dass Pflegefachpersonen politische Akteure sind und ihre Expertise aktiv einbringen müssen. (Bossle et al., 2024)

Diese Erkenntnis wurde zum Wesenskern der Initiative #TrommelnFürDiePflege. Erstmals fördert ein Trägerverband in der deutschen Pflege die berufspolitische Aufklärung und Schulung seiner Mitarbeitenden während der Arbeitszeit. (Bossle, 2026) In Workshops, die der Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V. finanziert, lernen Pflegende, wie berufspolitische Mitgestaltung funktioniert und warum ihre Stimme wichtig ist. Entwickelt haben die Workshops in Kooperation mit der TH Deggendorf Hannah Igl und Johannes Lichtenegger, beide sind selbst Pflegefachpersonen sowie ausgebildete Pflegepädagogen. (Caritas Regensburg, 11/2025). Die Initiative bietet zudem eine Plattform, auf der Pflegefachpersonen öffentlich formulieren, wofür sie trommeln und welche Rahmenbedingungen gute Pflege braucht: www.trommeln-fuer-die-pflege.de.

Die Vorsitzende des Bayerischen Landespflegerates, Claudia Hauck, unterstützt die Initiative #TrommelnFürDiePflege und bringt es auf den Punkt: „Bei allen Themen, bei denen es um Pflege geht, muss die Profession Pflege automatisch und selbstverständlich mit am Tisch sitzen.“ (Caritas Regensburg, 9/2025). Sie verweist auf neue Rollenprofile wie Community Health Nurses oder Advanced Practice Nurses, die zeigen, welches Entwicklungspotenzial in der Profession steckt. Gleichzeitig macht sie deutlich: Gute Versorgung wird nur gelingen, wenn Pflege ihre Expertise selbstbewusst vertritt und politische Mitgestaltung einfordert. (Caritas Regensburg, 9/2025)

Berufspolitisches Engagement ist deshalb keine Nebensache mehr. Es gehört zur professionellen Verantwortung von Pflegefachpersonen. Die Herausforderungen des demografischen Wandels, der Fachkräftemangel und die zunehmende Komplexität der Versorgung verlangen nach einer starken, sichtbaren und selbstbewussten Pflege. Pflege muss laut sein. Pflege darf stolz sein. Und Pflege muss sich zeigen.

Diesen Artikel weiterempfehlen.

Literatur

  1. Bossle M., Hilberger-Kirlum P. (2024): „Störfall Pflegekammer“ – Bildungspolitische Reflexion zur systematischen Verhinderung von Pflegekammern in Deutschland. G+S 3/2024, 21 – 29.
  2. Bossle M. (2026): Politische Partizipation in der Pflege. Ein Bildungsangebot und Weckruf für Pflegefachpersonen zur Notwendigkeit und Relevanz einer echten Pflegekammer in Bayern – Vorwort. Springer. Open Access. (Vorabexemplar; Erscheinungsdatum 12.08.2026)
  3. Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V. (2025): Caritas trommelt für die Pflege. Pressemitteilung vom 3.11.2025. Caritas trommelt für die Pflege
  4. Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V. (2025): „Pflege braucht Pflege!“. Pressemitteilung vom 24.9.2025. „Pflege braucht Pflege!“
  5. Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V. (2026): Pflege trommelt. Pressemitteilung vom 5.2.2026. Pflege trommelt
  6. Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V. (2025): Pflege aufs Podium – Warum ein Arbeitgeber seine Mitarbeitenden dazu aufruft, sich beruflich zu organisieren. Pressemitteilung vom 18.9.2025. Pflege aufs Podium
  7. Deutscher Pflegerat (2026): Berufliche Selbstverwaltung der Pflege stärken. Pressemitteilung vom 30.04.2026. Pressemitteilungen | Deutscher Pflegerat
  8. Giese C., Hofmann I., Kuhn A. et al. (2024): Pflegekammern und die berufliche Verantwortung von Pflegefachpersonen – Bedeutung für Mensch und Gesellschaft. Ethik in der Medizin.
  9. ICN-Ethikkodex für Pflegende (2021) (deutschsprachige Übersetzung): ICN_Ethikkodex_2021.pdf
  10. Igl H., Lichtenegger J., Bossle M. (2026): Politische Partizipation in der Pflege. Ein Bildungsangebot und Weckruf für Pflegefachpersonen zur Notwendigkeit und Relevanz einer echten Pflegekammer in Bayern. Springer. Open Access. (Vorabexemplar; Erscheinungsdatum 12.08.2026)
  11. Kellnhauser E. (2014): Pflegekammern international – „Die Historie der anderen sollte uns Mut machen“. Bibliomed Pflege. Pflegekammern international – „Die Historie der anderen sollte uns Mut machen“
  12. Weißmann M. (2026): Politische Partizipation in der Pflege. Ein Bildungsangebot und Weckruf für Pflegefachpersonen zur Notwendigkeit und Relevanz einer echten Pflegekammer in Bayern – Geleitwort. Springer. Open Access. (Vorabexemplar; Erscheinungsdatum 12.08.2026)

Zur Person

Michael Weißmann,
ist Geschäftsführer und Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Regensburg e.V., Diakon und examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger
Weißmann, M.
(2026, July 6).
Pflege aufs Podium
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/pflege-aufs-podium

unser infoservice

Mit unserem Newsletter informieren wir Sie
1x monatlich über Aktuelles, Neues und Wissenswertes aus dem Gesundheits-, Pflege- und Sozialbereich.

Weitere Artikel dieser Ausgabe

No data was found
Anzeige
Anzeige

pflegenetz.­newsletter

Mit unserem Newsletter informieren wir Sie
1x monatlich über Aktuelles, Neues und Wissenswertes aus dem Gesundheits-, Pflege- und Sozialbereich.

© pflegenetz 2026