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Tina Liebthal, Gerlinde Winter
Die erweiterte Kontinenzexpertise: Pflegekompetenz als Strategie für optimierte Versorgungsstrukturen

Inkontinenz ist eine Volkskrankheit die mit Einschränkungen der Lebensqualität und hohen Ausgaben einhergeht.

Pflegefachpersonen, insbesondere mit erweiterter Kontinenzexpertise, agieren hierbei als strategische Schlüsselakteure. Um eine evidenzbasierte Versorgung sichern zu können, müssen sie über vielfältige Kompetenzen verfügen.

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Hintergrund

Harninkontinenz ist laut Deutsche Kontinenz Gesellschaft (DKG) (vgl. 2025a) in Deutschland eine Volkskrankheit und betrifft schätzungsweise über zehn Millionen Menschen, was etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung entspricht. Zusätzlich leiden rund fünf Millionen Menschen an Stuhlinkontinenz. Frauen sind mit einem Verhältnis von etwa 3:1 deutlich häufiger betroffen als Männer (vgl. AOK Baden-Württemberg, 2025).

Trotz der hohen Prävalenz wird Inkontinenz nach wie vor tabuisiert. Viele Betroffene nehmen erst spät oder gar keine medizinische Hilfe in Anspruch. Ursachen hierfür sind insbesondere Schamgefühle, soziale Stigmatisierung, fehlerhafte Annahmen über Inkontinenz als normale Alterserscheinung (vgl. Dräger et al., 2023). Lediglich etwa 15 bis 20 Prozent der Betroffenen erhalten eine angemessene Versorgung (vgl. O.A., 2025) und nur etwa jeder fünfte Betroffene sucht professionelle medizinische Hilfe (vgl. Kälble, 2024). Die Folgen sind häufig erhebliche psychosoziale Belastungen bis hin zur sozialen Isolation (vgl. Dräger et al., 2023). Zudem stellt Inkontinenz einen der häufigsten Gründe für den Umzug in eine Pflegeeinrichtung dar (vgl. DKG, 2025b).

Die DKG (vgl. 2025b) betont, dass eine frühzeitige Behandlung in 80 bis 90 Prozent der Fälle zu einer Heilung oder deutlichen Verbesserung führen kann. Ohne therapeutische Intervention verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Betroffenen kontinuierlich. Neben den individuellen Auswirkungen entstehen erhebliche gesamtgesellschaftliche Kosten: Die wirtschaftliche Belastung durch unbehandelte Inkontinenz belief sich 2023 europaweit auf 69,1 Milliarden Euro, mit einer prognostizierten Zunahme bis 2030 (vgl. DKG 2025c).

Rolle und Kompetenzen von Pflegefachpersonen mit erweiterter Kontinenzexpertise

Medizinische Fachgesellschaften (vgl. z.B. DKG 2025b; DGU 2024) und Patientenvertretungen fordern die Entwicklung einer nationalen Strategie zur Verbesserung der Versorgung und Aufklärung von Menschen mit Inkontinenz.

Es besteht Konsens darin, dass im Rahmen der interdisziplinären Versorgung von Menschen mit Kontinenzproblemen Pflegefachpersonen mit erweiterter Kontinenzexpertise ein wesentliches Versorgungsinstrument darstellen (vgl. z.B. DNQP, 2024; DGG, 2024; DGU, 2025).

Die DGG (2024, S. 108) schreibt: „Der Einsatz einer spezialisierten Pflegefachkräfte für Kontinenzstörungen / Kontinenzberater(innen) ist mit nichtpharmakologischen Interventionen wirksam in der Reduktion von Inkontinenzereignissen und des Vorlagenverbrauches bei geriatrischen Patienten.“

Die DGU (2025, S.5) führt aus: „Wünschenswert wäre eine Begleitung dieses Prozesses [der Hilfsmittelberatung Anmerk. d. Verf.] durch eine spezialisierte Pflegefachperson, welche in Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen besondere Kenntnisse in der Versorgung von Personen mit Harn- und Stuhlinkontinenz erworben hat […].“

Das DNQP und führende Fachgesellschaften wie die DGU und die DGG kritisieren die qualitativen Unterschiede bei bestehenden Fortbildungen zum Thema (In-)Kontinenz und Stoma. Als Lösung schlagen sie einheitliche Merkmale und klare Verantwortungsbereiche vor, um die Rolle der Pflegefachperson als spezialisierte Kontinenzexpert*in zu stärken. Diese Vorschläge sind in Tabelle 1 aufgeführt.

Pflegefachpersonen mit einer erweiterten Kontinenzexpertise müssen über die Grundqualifikation einer examinierten Pflegefachperson hinaus spezialisierte fachliche, beratende, steuernde und edukative Kompetenzen vorweisen. Basierend auf den Vorgaben des Expertenstandards Kontinenzförderung in der Pflege (DNQP, 2024), der aktuellen S2k-Leitlinie Hilfsmittelberatung bei Harninkontinenz (DGU, 2025) und der S2k-Leitlinie Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten (DGG, 2024) lässt sich das Kompetenzprofil wie folgt konkretisieren:

  1. Pflegefachpersonen mit einer erweiterten pflegerischen Kontinenzexpertise verfügen über vertiefte fachliche und diagnostische Kompetenzen

Diese Kompetenzen vereinen fundiertes theoretisches Fachwissen mit spezialisierten praktischen Fertigkeiten, um eine evidenzbasierte und eigenverantwortliche Versorgung bei Kontinenzfragen zu gewährleisten.

Sie haben ein tiefgreifendes theoretisches Grundlagenwissen…:

  • … in den wesentlichen rechtlichen Rahmenbedingungen
  • … in der funktionellen Anatomie und Physiologie des Urogenitaltraktes und Darmtraktes sowie der neurologischen Steuerung und beteiligten Muskulatur

1.2… in der differenzierten Erhebung einer Anamnese mittels Gespräch, Befragung und Vorbefundanalyse dies umfasst zusätzlich folgende Kenntnisse:

  • über die Bedeutung eines generellen Screenings auf Inkontinenz (z.B. mittels Einstiegs- und Nachfragen (vgl. DNQP 2024, S.37) sowie die allgemeine Aufklärung über Inkontinenz
  • der Symptome von Harn- und Stuhlinkontinenz und erfragen deren bisherige Versorgung mit Hilfsmitteln und etwaige Kompensationsstrategien
  • der Pathophysiologie neurogener, urologischer, gynäkologischer und Darmerkrankungen und Verletzungen sowie Erkrankungen, die sich auf die Kognition oder Beweglichkeit und damit die Ausscheidungsfunktion auswirken
  • der Red Flags
  • über den Einfluss von Medikamenten auf die Ausscheidungsfunktion
  • von Trink- und Ernährungsgewohnheiten auf die Ausscheidungsfunktion
  • zu weiteren Risikofaktoren, die die Ausscheidungsfunktion beeinträchtigen (z.B. Belastungen des Beckenbodens durch Adipositas, schwere körperliche Belastung, Geburt und Geburtsumstände, Folgen sexualisierter Gewalt, pathologische Verhaltensweisen, ungünstige Umgebungsfaktoren, usw.)

Sie verfügen über weiterführende Methoden- und Handlungskompetenzen…:

1.3 … in der Anwendung differenzierter Assessments, dies umfasst Kenntnisse:

  • zur Anwendung und Analyse von Assessmentinstrumenten zur strukturierten Erhebung und Dokumentation von Inkontinenzart und -schweregrad sowie den individuellen Auswirkungen auf die Lebensqualität und psychische Gesundheit (z.B. „ICIQ-SF“-Fragebogen (DGU 2025, S.10); King Health Questoinnaire; Cleveland-Clinic-Score)
  • und Anwendung spezifischer diagnostischer Methoden (z.B. körperliche Untersuchung, Miktionsprotokoll, Stuhlbeobachtung, Vorlagengewichtstest, Restharnbestimmung)
    • …in der Durchführung spezifischer, evidenzbasierter nichtmedikamentöser Interventionen zur Kompensation einer Inkontinenz bzw. zur Kontinenzförderung

(z.B. Flüssigkeitszufuhr und Ernährung, Blasen-, Darmentleerungs-, Toilettentraining)

  • … in der Hilfsmittelversorgung zur Beseitigung, Verhinderung oder Kompensation von Inkontinenz in Abhängigkeit von der Inkontinenzform, vom Schweregrad und von Lebensumständen, Mobilität und individuellen Zielen (vgl. DGU 2025, S. 8ff.) sowie der Abwägung zwischen Wirtschaftlichkeitsgebot und qualitativ hochwertiger Versorgungsstandards
  • … in der Prävention und fachgerechten Versorgung von Komplikationen bei Inkontinenz (z.B. Hautreinigung und -pflege)
  • …in der Stomatherapie: Kompetenz zur (postoperativen) Versorgung sowie zur Begleitung von Menschen mit Stomata
  • … in der Evaluation und Qualitätssicherung, dazu gehört die kritische Reflexion und Bewertung der eigenen Praxis (z.B. Evaluation der Einschätzung, der verordneten Hilfsmittel, der vereinbarten Interventionen)
  1. Pflegefachpersonen mit einer erweiterten pflegerischen Kontinenzexpertise verfügen über vertiefte Kompetenzen in der Planung und Steuerung von kontinenzfördernden Interventionen und/ oder zur Kompensation der Inkontinenz

Sie haben tiefgreifende Kompetenzen im evidenzbasierten Fallmanagement:

  • … in der aktiven Mitgestaltung interprofessioneller Behandlungspläne durch die Planung geeigneter, evidenzbasierter Pflegeinterventionen, die bedarfsgerecht und individuell auf die ermittelten Voraussetzungen zugeschnitten sind
  • … in der Koordination der einzelnen Schritte in der interdisziplinären Zusammenarbeit in allen pflegerischen Settings (Schnittstellenmanagement)
  • … im Versorgungsmanagement mit Kenntnis über die regionale Versorgungslandschaft und die Fähigkeit, Betroffene gezielt in Netzwerke (z. B. Selbsthilfegruppen, spezialisierte Fachärzte oder Sanitätshäuser) überzuleiten

Sie haben weiterführende Kompetenzen in den spezifischen Steuerungsaufgaben der verschiedenen Pflegesettings entsprechend der versorgungs- und einrichtungsspezifischen Besonderheiten:

  • Standard-Transfer: koordinative Steuerung der Implementierung des Expertenstandards Kontinenzförderung in die Pflegepraxis
  • Mitarbeit an einrichtungsinternen Verfahrensregelungen
  • Aufbau von Beratungsstrukturen in Einrichtungen
  • Krankenhaus: Aufnahme- und Entlassungsmanagement als Basis für eine adäquate nachstationäre Versorgung
  • Stationäre und ambulante Langzeitpflege: Koordination der Zusammenarbeit von Pflegefachpersonen und Assistenz(fach)personen
  • Ambulante Pflege: Aufbau eines Versorgungsnetzwerkes und Beratung zu Hilfsmitteln sowie deren Beschaffung
  1. Pflegefachpersonen mit einer erweiterten pflegerischen Kontinenzexpertise verfügen über vertiefte Kompetenzen in der Information und Beratung

Als dialogorientierter und ergebnisoffener Prozess zur gemeinsamen Problemlösung schließt die Beratung unmittelbar an die diagnostische Phase an. Sie erfordert eine geschützte Atmosphäre, die dem besonderen Belastungsempfinden der Betroffenen Rechnung trägt. Da das Beratungsgespräch hochsensible und intime Lebensbereiche berührt, stellt dies besondere Anforderungen an die Interaktionsgestaltung und die Gesprächsumgebung. Auf diese wird im Folgenden der Fokus gelegt.

3.1 Pflegefachpersonen mit einer erweiterten pflegerischen Kontinenzexpertise kennen die Anforderungen an die Gestaltung von Beratungssituationen:

Teilnehmende Personen:

  • sind Betroffene und/ oder ggf. deren Vertrauenspersonen, (gesetzliche*r) Betreuer*in, Angehörige, deren Beziehung zum Betroffenen sollte erfragt werden (vgl. DGU 2025, S. 18)
  • insbesondere bei hochbetagten oder kognitiv eingeschränkten Betroffenen empfiehlt die DGU (vgl. ebda.) die Anwesenheit einer Begleitperson

Beratungsort:

  • ein ausreichend großer, separater Raum ohne Publikumsverkehr mit ausreichenden Sitzgelegenheiten, der die Diskretion durch Sicht- und Schallschutz ermöglicht
  • das häusliche Umfeld
  • es besteht ein Konsens, dass moderne Telekommunikationsmethoden zur Kontinenzberatung mit Vertrauens- u./o. Betreuungspersonen ergänzend eingesetzt werden können, wenn dies vom Betroffenen gewünscht wird u./o. eine persönliche Beratung nicht durchgeführt werden kann

Beratungszeit:

  • Die Beratung erfolgt individuell und bedarfsgerecht ohne starres Zeitlimit
  • bei Notwendigkeit sind wiederholte Termine zur Vertiefung und Anleitung anzubieten (Initial- und Nachberatung)

Gesprächssteuerung:

  • die beratende Person hat eine respektvolle, emphatische Grundhaltung in der Kommunikation und
  • verwendet eine verständliche, zielgruppenorientierte Sprache

3.2 Pflegefachpersonen mit einer erweiterten pflegerischen Kontinenzexpertise haben tiefgreifende Kompetenzen in der Gestaltung der Informations- und Beratungsinhalte

Die professionelle Beratung setzt unmittelbar bei der Information des Betroffenen über das Ergebnis der pflegerischen Einschätzung (z.B. zu Risikofaktoren, Ursachen, Folgen, Symptomen einer Funktionsstörung) an. Sie orientiert sich konsequent an den individuellen Ressourcen, Bedürfnissen und Zielen des Betroffenen – wie z.B. dem angestrebten Kontinenzprofil – sowie an dessen Leidensdruck und Einschränkungen der Lebensqualität (vgl. DNQP 2024, S. 55; DGU 2025, S. 17). Da Inkontinenz oft fälschlich als unausweichliche Alterserscheinung trivialisiert wird, bildet die fachliche Entmystifizierung durch gezielte Information und Aufklärung ein zentrales Element.

Ziel ist es, die Betroffenen zur eigenständigen Entscheidungsfindung zu befähigen und sie bei der Bewältigung spezifischer Situationen im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen. Hierbei folgt die pflegerische Intervention dem Grundsatz, fördernden und kurativen Maßnahmen (die ärztliche Abklärung einer Inkontinenz ist immer erforderlich) stets vor kompensierenden Maßnahmen den Vorrang zu geben. Die DGU (2025, S.6) führt dazu aus: „Eine Versorgung einer Harninkontinenz mit Hilfsmitteln ist begleitend zu einer kurativen Therapie sinnvoll, bis diese zu dem erwünschten Therapieerfolg geführt hat, bzw. […] in eine palliative Versorgung einer residuellen Harninkontinenz übergeht.“

Weitere zentrale Inhalte der Information und Beratung sind:

  • Aufklärung zu Komplikationen der Inkontinenz (z.B. Hautschäden wie IAD)
  • Erläuterung und ggf. Demonstration von zur Auswahl stehenden Kontinenz fördernden und kompensierenden Maßnahmen als Entscheidungsgrundlage

Die Beratung bildet die Basis für den weiteren Pflegeprozess: Sie leitet direkt zur Interventionsplanung sowie Steuerung über und wird durch bedarfsgerechte Anleitungen und Schulungen ergänzt.

  1. Pflegefachpersonen mit einer erweiterten pflegerischen Kontinenzexpertise verfügen über vertiefte edukative Kompetenzen in Schulung und Anleitung

4.1 Sie besitzen die Expertise, individuelle Schulungsprozesse für Betroffene und ihr soziales Umfeld zu gestalten und diese zur aktiven Mitwirkung an der Kontinenzförderung zu befähigen

Aufbauend auf der in der Beratung gewählten Strategie erfolgt ein strukturierter Schulungsprozess. Dieser dient der gezielten Vermittlung von Fachwissen sowie praktischen Fertigkeiten, um den Wissenserwerb zu sichern, spezifische Techniken einzuüben und eine nachhaltige Handlungssicherheit bei den Betroffenen aufzubauen.

Zur Vermittlung der erforderlichen Fertigkeiten kommen vielfältige didaktische Mittel zum Einsatz. Neben dem Demonstrieren und dem gezielten Üben unter Anleitung – etwa bei der Anwendung von Hilfsmitteln – unterstützen visuelle Medien, Fallbeispiele sowie das Self-Monitoring z.B. mittels Miktionsprotokollen den Lernerfolg und fördern die Selbstmanagement-Kompetenz.

Die Gestaltung der Schulung kann je nach individuellem Bedarf als Einzel- oder Gruppenschulung erfolgen. Während die Einzelschulung, unter den in 3.1 genannten Voraussetzungen, eine individuelle Betreuung erlaubt, bietet das Gruppenformat den Vorteil eines moderierten Erfahrungsaustauschs. Hierbei können Betroffene von Lösungsansätzen Gleichgesinnter profitieren.

Die inhaltlichen Schwerpunkte der Schulung korrespondieren mit den im Beratungsprozess (siehe 3.2) aufgeführten Inhalten.

4.2 Sie besitzen die Expertise, Beratungs- und Schulungsprozesse für Pflegefachpersonen zu gestalten

Das umfasst:

  • die Multiplikatorenfunktion: Kompetenz zur fachlichen Anleitung und Schulung von Pflegefachpersonen und Teams in den unter Punkt 1 aufgeführten Inhalten (Transfer von Expertenwissen in die Praxis)
  • die Fachliche Supervision: Durchführung kollegialer Beratung zur Lösung komplexer Pflegesituationen und bei Komplikationen
  • die Beratung zur interdisziplinären Koordination zwischen Medizin, Therapie und Hilfsmittelversorgung zur Sicherung eines durchgängigen Behandlungspfades
  • die edukative Multiplikation: Nach dem Train-the-Trainer-Prinzip erwerben Pflegefachpersonen sowohl die fachliche Tiefe als auch das didaktische Instrumentarium, um Betroffene und deren soziales Umfeld zu beraten und zu schulen

Ausblick

Die Kombination aus fundierter Qualifikation und einer perspektivischen Erweiterung der heilkundlichen Tätigkeiten auch im Bereich (In)Kontinenz ebnet spezialisierten Pflegefachpersonen den Weg in mehr Eigenverantwortung. Auf dem Fundament gesicherter medizinischer Diagnosen ermöglicht die Ausweitung von Entscheidungsbefugnissen künftig eine autonome pflegerische Steuerung. Dies umfasst nicht nur die bedarfsgerechte Hilfsmittelversorgung, sondern auch die eigenständige Gestaltung von Präventions-, Therapie- und Versorgungskonzepten, was nicht nur die Rolle der Pflege im interdisziplinären Team nachhaltig stärkt, sondern gleichzeitig ärztliche Kapazitäten entlastet, ohne die Versorgungsqualität zu gefährden.

Fazit

Inkontinenz bleibt trotz hoher Prävalenz und massiver Auswirkungen auf die Lebensqualität ein Tabuthema. Pflegefachpersonen, insbesondere solche mit spezialisierter Kontinenzexpertise, agieren hierbei als strategische Schlüsselakteure.

Die Analyse zeigt, dass spezialisierte Pflegefachpersonen eine entscheidende Schnittstelle sind, um die Versorgungslücke bei Inkontinenz zu schließen. Durch ihre Kompetenzen in Aufklärung, Beratung, Schulung, Steuerung und Konzeptentwicklung sichern sie eine evidenzbasierte Versorgung und Prävention. Damit können Pflegefachpersonen mit erweiterter Kontinenexpertise zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen und einer Kostenreduktion für das Gesundheitssystem beitragen.

Um das volle Potenzial dieser Expertenrolle auszuschöpfen und den Weg für mehr Eigenverantwortung und Autonomie durch erweiterte Entscheidungsbefugnisse zu ebnen, ist eine fundierte akademische oder fachliche Höherqualifizierung unerlässlich.

🔷

Tabelle 1 führt die zentralen Merkmale der erweiterten pflegerischen Kontinenzexpertise des Expertenstandards Kontinenzförderung in der Pflege und der medizinischen Leitlinien im Kontext des Pflegeprozesses auf

Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege (DNQP, 2024, S.44)

 

S2k-Leitlinie Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten (DGG, 2024, S. 107f.) S2k-Leitlinie Hilfsmittelberatung bei Harninkontinenz (DGU, 2025, S. 29f.)
Expert*innenbezeichnung erweiterte pflegerische Kontinenzexpertise qualifizierte Pflegefachkraft für Kontinenzstörungen Urotherapeut*in
Erweitertes Grundlagenwissen Spezifisches Wissen zur (Patho-)physiologie des Urogenital- und Darmtraktes Gewährleistung klinischer Kompetenz und Expertise bei komplexen pflegerischen Fragestellungen zu Kontinenzstörungen

 

·   Basisqualifikation in Diagnostik und Therapie der Harninkontinenz

·   Grundkenntnisse der relevanten Anatomie und Physiologie

·   Grundkenntnisse der Pathophysiologie der Harninkontinenz

Diagnostik

Anamnese Assessment

 

Spezifisches Wissen zur differenzierten Einschätzung […] einer Harn- und Stuhlinkontinenz [auch in Bezug auf Lebensqualität, Anmerk. d. Verf.], wie auch zu deren Begleiterkrankungen/ Komorbiditäten, die einen Einfluss auf den Kontinenzerhalt haben können Grundkenntnisse:

·   der Inkontinenzterminologie, Inkontinenzformen und – Schweregraden

·   von Red flags (z.B. roter/trüber/übelriechender Urin; Brennen beim Wasserlassen; Schmerzen im Unterleib; Fieber; usw. vgl. S. 22f.)

·   von Komplikationen als Folge einer Harninkontinenz und deren Versorgung

Planung

von Interventionen

Spezifische Kompetenzen zur Mitgestaltung, Anwendung, Anpassung und Koordination von interprofessionellen Behandlungsplänen Zusammenarbeit mit Ärzten in Diagnostik, Therapie und Management von Kontinenzstörungen
Steuerung Umfassende Kenntnisse zu regional verfügbaren Ansprechpartner*innen sowie (Unterstützungs-)Netzwerken in unterschiedlichen Versorgungsbereichen zu Aspekten der Kontinenzförderung bzw. zur Versorgung und Kompensation einer Inkontinenz
Planung und Durchführung von Interventionen Spezifische Kompetenzen zur Information, Schulung und Beratung zu spezifischen Aspekten der Kontinenzförderung bzw. Kompensation einer Inkontinenz Betroffenen- und Angehörigenberatung (z.B. Führen eines Miktionsprotokolls, Umgang mit und Handhabung von Hilfsmitteln, Toilettentraining) Basiswissen der Gesprächsführung und Kommunikation

 

Spezifische Kompetenzen zur Schulung und Beratung von Pflege(fach)kräften zu spezifischen Aspekten der Kontinenzförderung bzw. Kompensation einer Inkontinenz Pflege-Teamberatung und Schulung im Umgang mit Kontinenzproblemen
Spezifische Fertigkeiten zur Durchführung spezifischer Maßnahmen zur Kompensation von Inkontinenz bzw. zur Kontinenzförderung Grundkenntnisse zu therapeutischen Alternativen zur Hilfsmittelversorgung
Spezifisches Wissen zum Einsatz von Hilfsmitteln zur Vorbeugung, Beseitigung, Verhinderung oder Kompensation von Inkontinenz Steuerung einer angemessenen, ressourcenorientierten Hilfsmittelberatung
Evaluation Spezifisches Wissen zur differenzierten […] Evaluation einer Harn- und Stuhlinkontinenz, wie auch zu deren Begleiterkrankungen/ Komorbiditäten, die einen Einfluss auf den Kontinenzerhalt haben können
Sonstiges Die Qualifikation der Beratungsperson sollte dem Ratsuchenden transparent dargestellt werden.

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Literatur

AOK Baden-Württemberg, Südlicher Oberrhein (2025): Pressemitteilung. Wenig gefragt – ungern beantwortet. Die eigene Inkontinenz mag kaum jemand besprechen. Abgerufen am 04.01.2026 von https://www.aok.de/pp/bw/suedlicher-oberrhein/pm/inkontinenz/#

Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) (2024). S2k-Leitlinie Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten – Diagnostik und Therapie. Version 7.1. AWMF-Register Nr. 084/001. Abgerufen am 5.6.2025 von https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/084-001

Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) (2024). EU-weite Kampagne „An Urge to Act“ für eine bessere Kontinenz-Gesundheit: Deutsche Gesellschaft für Urologie fordert politisches Gehör auf nationaler Ebene. Abgerufen am 08.01.2026 von https://www.urologenportal.de/pressebereich/pressemitteilungen/aktuell/wissen-evidenz-und-innovation-in-der-urologie-praesident-gschwend-setzt-schluesselthemen-auf-dem-76-dgu-kongress-07032024-1-1-1-2.html#:~:text=EU%2Dweite%20Kampagne%20%E2%80%9EAn%20Urge,nationaler%20Ebene%20(13.06.2024)

Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) (2025). S2k-Leitlinie Hilfsmittelberatung bei Harninkontinenz. AWMF-Registernummer 043-054. Version 2.0. Abgerufen am 05.01.2026 von https://register.awmf.org/assets/guidelines/043-054l_S2k_Hilfsmittelberatung-Harninkontinenz_2025-02.pdf

Deutsche Kontinenz Gesellschaft (DKG) (2025a). Flyer INKONTINENZ BEHANDELN. LEIDEN LINDERN. GESUNDHEITSWESEN ENTLASTEN. Abgerufen am 04.01.2026 von https://www.kontinenz-gesellschaft.de/wp-content/uploads/2025/02/FLYER-Inkontinenz-behandeln-Leiden-lindern-Gesundheitswesen-entlasten.pdf

Deutsche Kontinenz Gesellschaft (DKG) (2025b): Landesweite Aktionswoche Welt Kontinenz Woche 2025 gestartet! Abgerufen am 04.01.2026 von https://www.kontinenz-gesellschaft.de/welt-kontinenz-woche-2025-gestartet/

Deutsche Kontinenz Gesellschaft (DKG) (2025c). Pressemitteilung Inkontinenzversorgung in Deutschland: Versorgungslücken gefährden Millionen Betroffene. Abgerufen am 26.01.2026 von www.kontinenz-gesellschaft.de/inkontinenzversorgung-in-deutschlandversorgungsluecken-gefaehrden-millionen-betroffene/

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (Hrsg.) (2024). Expertenstandard „Kontinenzförderung in der Pflege. Aktualisierung 2024. Schriftenreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Osnabrück

Dräger, D. L., Lackaja, J. „ …“ Hakenberg, O. (2023). Psychosoziale Folgen der Harninkontinenz – tabuisiert und unterversorgt – eine systematische Übersichtsarbeit. Aktuelle Urologie 54(06), 468–474. doi: 10.1055/a-2113-6127

Kälble, T. (2024): Harninkontinenz. Hessisches Ärzteblatt Ausgabe 12/2024. Abgerufen am 05.01.2026 von https://www.laekh.de/heftarchiv/ausgabe/artikel/2024/dezember-2024/harninkontinenz.

o.A. (2025). Inkontinenz ist Tabu und Volkskrankheit. Abgerufen am 24.01.2026 von Deutsches Ärzteblatt (abgerufen am 24.01.2026) https://www.aerzteblatt.de/news/inkontinenz-ist-tabu-und-volkskrankheit-1aafb290-b416-491b-8b96-c8fdae916d6a

Zur Person

Tina Liebthal

Krankenschwester, Diplom Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin und Pflegesachverständige

 

Gerlinde Winter

Krankenschwester, Geprüfte unabhängige Pflegesachverständige im Gesundheitswesen

(2026, April 29).
Die erweiterte Kontinenzexpertise: Pflegekompetenz als Strategie für optimierte Versorgungsstrukturen
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/die-erweiterte-kontinenzexpertise-pflegekompetenz-als-strategie-fuer-optimierte-versorgungsstrukturen

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