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Thomas E. Dorner
Hitze und Klimawandel – eine neue Herausforderung für die Pflege älterer Menschen
Der Klimawandel stellt das Gesundheits- und Pflegesystem vor neue Herausforderungen. Besonders zunehmende Hitzeperioden gefährden ältere und pflegebedürftige Menschen. Altersbedingte Veränderungen der Thermoregulation, Multimorbidität, Frailty, funktionelle Einschränkungen und soziale Isolation erhöhen die Vulnerabilität. Hitze kann nicht nur zu Dehydratation und Hitzschlag führen, sondern auch Delir, Stürze und akute funktionelle Verschlechterungen begünstigen. Pflegepersonen kommt daher eine zentrale Rolle bei Prävention, Früherkennung und Intervention zu. Gleichzeitig müssen Pflegeeinrichtungen und häusliche Versorgungsstrukturen baulich und organisatorisch an zunehmende Hitze angepasst werden.

Hitze als neue Herausforderung für die Pflege

Der Klimawandel ist längst keine ausschließlich ökologische oder zukünftige Herausforderung mehr. Steigende Temperaturen sowie häufigere, länger andauernde und intensivere Hitzeperioden wie beispielsweise im Sommer 2026 mit fast täglichen Rekordwerten wirken sich unmittelbar auf die Gesundheit aus. Besonders betroffen sind ältere Menschen. Altersbedingte Veränderungen der Thermoregulation und des Flüssigkeitshaushalts, chronische Erkrankungen, Multimorbidität, Frailty und funktionelle Einschränkungen vermindern die Fähigkeit des Körpers, auf hohe Temperaturen zu reagieren. Hinzu kommen soziale Faktoren wie Alleinleben, eingeschränkte Mobilität und fehlende Unterstützung (Fastl et al., 2024; Bunker et al., 2016; Rhoades et al, 2018).

Für die Pflege ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Pflegebedürftige ältere Menschen sind häufig besonders gefährdet und gleichzeitig auf Unterstützung angewiesen, um geeignete Schutzmaßnahmen umzusetzen. Dies gilt sowohl für Menschen, die zu Hause durch Angehörige oder mobile Dienste versorgt werden, als auch für Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen (Schmidt et al., 2026). Pflege wird damit zu einem zentralen Bestandteil der Anpassung an den Klimawandel.

Hitze zeigt sich bei älteren Menschen oft anders

Die gesundheitlichen Folgen von Hitze werden häufig mit Dehydratation, Kreislaufproblemen oder Hitzschlag verbunden. Gerade bei älteren Menschen können sich hitzebedingte Belastungen jedoch unspezifischer äußern. Veränderungen von Aufmerksamkeit und Kognition, Delir, Müdigkeit, reduzierte Flüssigkeitsaufnahme, Stürze oder zunehmende Immobilität können erste Hinweise auf eine gesundheitliche Verschlechterung sein (Bunker et al., 2016). Bei hochaltrigen und multimorbiden Menschen können solche Veränderungen fälschlicherweise leicht als normale Schwankungen des Gesundheitszustands missinterpretiert werden.

Ältere Menschen haben zudem häufig ein vermindertes Durstempfinden. Erkrankungen und Medikamente können die Regulation des Flüssigkeitshaushalts zusätzlich beeinträchtigen. Insbesondere Diuretika, bestimmte blutdrucksenkende, anticholinerge und psychotrope Medikamente können das Risiko unter Hitze erhöhen (Bunker et al., 2016). Auch kognitive Einschränkungen oder Demenz können dazu führen, dass Menschen nicht selbstständig ausreichend trinken oder Schutzmaßnahmen ergreifen.

Für Pflegepersonen bedeutet dies, Veränderungen von Befinden und Verhalten während Hitzeperioden besonders aufmerksam zu beobachten. Besonders gefährdet sind sehr alte Menschen, Personen mit Frailty, Demenz oder eingeschränkter Mobilität sowie Menschen mit Herz-Kreislauf-, Nieren- oder Lungenerkrankungen (Bunker et al., 2016). Eine Person, die plötzlich weniger trinkt, ungewöhnlich müde oder akut verwirrt erscheint, stürzt oder weniger mobil ist, sollte daher auch unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Hitzebelastung beurteilt werden.

Pflege als Frühwarnsystem

Hier liegt eine zentrale Stärke professioneller Pflege: Pflegepersonen erleben Patient*innen und Bewohner*innen häufig über längere Zeiträume und kennen deren individuellen Ausgangszustand. Sie können dadurch auch geringe Veränderungen wahrnehmen. Hitzeperioden sollten daher Anlass für eine systematische Beobachtung besonders gefährdeter Personen sein.

Dazu gehören die Beobachtung von Flüssigkeitsaufnahme bzw. Flüssigkeitsbilanzierung, Assessment von Vitalwerten, Funktionalität, Allgemeinzustand und Mobilität, die Kontrolle von Raumtemperatur und Aufenthaltsort sowie Unterstützung bei geeigneter Kleidung und Kühlung. Ebenso wichtig sind klare Eskalationswege: Pflegepersonen müssen wissen, welche Veränderungen eine engmaschigere Beobachtung erfordern, wann eine ärztliche Beurteilung notwendig ist und wann eine akute Intervention erforderlich wird. Hitzeaktionspläne können hierfür einen organisatorischen Rahmen schaffen (Dorner et al., 2026).

Nicht nur trinken und kühlen

Prävention von Gesundheitsbeeinträchtigungen infolge von Hitze wird häufig auf ausreichendes Trinken und Abkühlung reduziert. Beide Maßnahmen sind wichtig, greifen für pflegebedürftige ältere Menschen aber zu kurz. Hitzebedingte Gesundheitsrisiken werden wesentlich durch Wohnbedingungen, soziale Ressourcen und die Organisation der Versorgung mitbestimmt.

In der häuslichen Pflege sollte deshalb auch die Wohnsituation berücksichtigt werden: Welche Räume heizen sich besonders stark auf? Gibt es Verschattung und einen kühlen Aufenthaltsbereich? Kann nachts ausreichend gelüftet werden? Wer stellt Getränke bereit und unterstützt gegebenenfalls beim Trinken? Auch soziale Isolation ist relevant. Niedrigschwellige kommunale Angebote und Nachbarschaftsnetzwerke können deshalb eine wichtige Ergänzung professioneller Pflege darstellen (Dorner et al., 2026; Schmidt et al., 2026; Beyer et al., 2026).

Pflegeeinrichtungen müssen hitzeresilient werden

Eine besondere Verantwortung liegt bei stationären Pflegeeinrichtungen. Dort leben Menschen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Erkrankungen und ihrer Pflegebedürftigkeit besonders vulnerabel sind. Gleichzeitig verbringen sie einen großen Teil ihres Tages in Innenräumen. Das Gebäude selbst wird damit zu einem wichtigen Gesundheitsfaktor (Ansah et al., 2024).

Klimagerechte Pflegeeinrichtungen müssen daher bereits bei Planung, Sanierung und Betrieb auf zunehmende Hitze vorbereitet werden. Dazu gehören Außenverschattung, geeigneter baulicher Wärmeschutz, ausreichende Lüftungsmöglichkeiten und, wo erforderlich,  energieeffiziente technische Kühlung. Auch die Luftfeuchtigkeit beeinflusst die thermische Belastung (Ansah et al., 2026; Beyer et al., 2026; Dorner et al., 2026).

Der Umgang mit Hitze sollte auch Bestandteil des regulären Risiko- und Qualitätsmanagements von Pflegeeinrichtungen werden. Ein Hitzeaktionsplan kann festlegen, ab welchen Bedingungen besondere Maßnahmen ausgelöst werden, welche Bewohner*innen besonders gefährdet sind, wer für die Umsetzung verantwortlich ist und wie die Kommunikation erfolgt (Dorner et al., 2026; Beyer et al., 2026).

Dazu gehört auch die Schulung von Pflege- und Betreuungspersonal. Klimakompetenz bedeutet dabei nicht nur Wissen über den Klimawandel, sondern vor allem die Fähigkeit, gesundheitliche Folgen im eigenen Arbeitsbereich zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren [Dorner et al. 2026]. Gleichzeitig muss die Belastung der Pflegepersonen selbst berücksichtigt werden: Hohe Temperaturen können Konzentration, körperliches Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Pflege zwischen Klimaanpassung und Klimaschutz

Die Aufgabe der Pflege beschränkt sich nicht auf die Anpassung an den Klimawandel. Auch das Gesundheits- und Pflegesystem trägt zu den Treibhausgasemissionen bei. Energieeffizienz, nachhaltige Beschaffung, Mobilität und Abfallvermeidung können deshalb zum Klimaschutz beitragen und teilweise gleichzeitig die Versorgungssicherheit erhöhen (Dorner et al., 2026). Auch eine gute Verschattung reduziert beispielsweise die sommerliche Überhitzung und kann gleichzeitig den Energiebedarf für Kühlung senken. Prävention kann langfristig Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit reduzieren und zugleich die Ressourcenintensität des Gesundheitssystems vermindern (Mashallahi et al., 2022). Auch bei alltäglichen Entscheidungen und im Lebensstil – sowohl von pflegebedürftigen Menschen als auch von Pflegepersonen selbst – gibt es Möglichkeiten, gesundheitliche und ökologische Vorteile miteinander zu verbinden. Dazu zählen beispielsweise eine regionale und stärker pflanzenbasierte Ernährung sowie körperlich aktive Formen der Mobilität anstelle motorisierter Fortbewegung, sofern dies möglich ist (Haas et al., 2026).

Eine Zukunftsaufgabe für die Pflege

Der Klimawandel verändert damit die Anforderungen an professionelle Pflege. Pflege wird künftig stärker darauf ausgerichtet sein müssen, klimabedingte Gesundheitsrisiken frühzeitig zu erkennen, vulnerable Menschen gezielt zu schützen und die Versorgungsumgebung an veränderte Bedingungen anzupassen.

Dabei darf die Verantwortung nicht auf einzelne Pflegepersonen oder ältere Menschen übertragen werden. Eine Pflegeperson kann Hitzebelastung erkennen und Maßnahmen einleiten, sie kann aber kein überhitztes Gebäude sanieren, fehlende personelle Ressourcen kompensieren oder soziale Isolation allein verhindern. Klimaanpassung erfordert deshalb Zusammenarbeit zwischen Pflege, Medizin, Angehörigen, Trägerorganisationen, Gemeinden, Bauplanung und Politik (Stein et Dorner, 2024; Beyer et al., 2026; Schmidt et al., 2026).

Für ältere Menschen bedeutet dies nicht nur, akute Hitzeschäden zu verhindern, sondern Selbstständigkeit, Mobilität, kognitive und funktionelle Fähigkeiten sowie Lebensqualität auch unter veränderten klimatischen Bedingungen möglichst lange zu erhalten. Damit wird Klimaanpassung zu einem genuinen Thema der Pflege und zu einer wichtigen Zukunftsaufgabe professioneller Gesundheitsversorgung.

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Literatur

Ansah, E. W., Amoadu, M., Obeng, P., & Sarfo, J. O. (2024). Health systems response to climate change adaptation: A scoping review of global evidence. BMC Public Health, 24, 2015. https://doi.org/10.1186/s12889-024-19459-w

Beyer, R., Dorner, T. E., Fastl, C., & Wochele-Thoma, T. (2026). Climate protection and climate change adaptation in residential and nursing homes: Perspectives and fields of action from expert interviews. Gesundheitswesen. https://doi.org/10.1055/a-2886-3048

Bunker, A., Wildenhain, J., Vandenbergh, A., Henschke, N., Rocklöv, J., Hajat, S., & Sauerborn, R. (2016). Effects of air temperature on climate-sensitive mortality and morbidity outcomes in the elderly: A systematic review and meta-analysis of epidemiological evidence. EBioMedicine, 6, 258–268. https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2016.02.034

Dorner, T. E., Schmidt, A. E., Capatu, M., Sackl, A., Spagl, S., Lichtenecker, R., & Hutter, H.-P. (2026). Adaptation to climate change and climate protection in geriatric care for older people: Strategies, infrastructure, and good practice examples. Gesundheitswesen. https://doi.org/10.1055/a-2886-3229

Haas, W., Gotsmy, L., Baumgart, A., Hutter, H.-P., Fastl, C., & Dorner, T. E. (2026). Integrated climate and health policy interventions into everyday life can foster co-benefits for healthier aging and the climate. Gesundheitswesen.https://doi.org/10.1055/a-2903-6433

Mashallahi, A., Ardalan, A., Nejati, A., & Ostadtaghizadeh, A. (2022). Climate adaptive hospital: A systematic review of determinants and actions. Journal of Environmental Health Science and Engineering, 20, 983–1013. https://doi.org/10.1007/s40201-022-00810-5

Rhoades, J. L., Gruber, J. S., & Horton, B. (2018). Developing an in-depth understanding of elderly adults’ vulnerability to climate change. The Gerontologist, 58, 567–577. https://doi.org/10.1093/geront/gnw167

Schmidt, A. E., Paulinger, G., Dohr, S., Kellerberger, S., Ernst, M., Goldgruber, J., Kratky, W., Lampl, C., Maurer, D., Pflegerl, J., Plunger, P., Turk, E., Dorner, T. E., & Gallistl-Kassing, V. (2026). Niemanden zurücklassen in Zeiten des Klimawandels und der Digitalisierung? Barrieren für ein gesundes und klimafreundliches Leben bei pflegenden Angehörigen. Gesundheitswesen. https://doi.org/10.1055/a-2898-4159

Stein, K. V., & Dorner, T. E. (2024). From health-in-all-policies to climate-in-all-policies: Using the synergies between health promotion and climate protection to take action. International Journal of Environmental Research and Public Health, 21, 110. https://doi.org/10.3390/ijerph21010110

Zur Person

Univ.-Prof. Priv-Doz. Dr. Thomas E. Dorner, MPH

Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit und Medizinische Universität Wien, Zentrum für Public Health

(2026, September 15).
Hitze und Klimawandel – eine neue Herausforderung für die Pflege älterer Menschen
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/hitze-und-klimawandel-eine-neue-herausforderung-fuer-die-pflege-aelterer-menschen

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