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Sven Keitel
Leitlinie für die Planung, Durchführung und Auswertung von Trainings im Aggressions-,  Deeskalations- und Sicherheitsmanagement im Gesundheits- und Sozialwesen

Aggression und Gewalt im Gesundheits- und Sozialwesen erfordern systematische, evidenzbasierte Prävention. Die Leitlinie definiert zentrale Qualitätskriterien für Planung, Durchführung und Auswertung von Trainings im Aggressions-, Deeskalations- und Sicherheitsmanagement.

Herausgegeben von: NAGS Österreich, NAGS Deutschland e.V., NAGS Schweiz

Unter Mitarbeit von:

Arbeitsgruppe NAGS AT, D, CH:

Gernot Walter, Harald Stefan, Tieni Moser, Jürg Dinkel, Barbara Dreier, Simone Hanff, Sven Keitel, Karin Krempl, Elisabeth Obermayer, Fabienne Roth, Rainer Sablotny, Martin Schriebl, Ilse Stefan

Braucht es das?

Nationale und internationale Studien belegen, dass Aggression und Gewalt im Gesundheits- und Sozialwesen regelmäßig vorkommen. Am Arbeitsplatz erscheinen sie in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen, häufig subtil, zum Teil bedrohlich und auch verletzend. Betroffen davon sind Mitarbeitende, Nutzer*innen und Angehörige. (Callaghan, Almvik, Fluttert, Hahn, Hatling et al., 2022). Aggression und Gewalt hat körperliche, seelische und soziale Folgen für die involvierten Personen (Richter, 2019b). Sie gefährden die Arbeits- und Lebensqualität, führen oftmals zum Ausscheiden aus dem Beruf und zum Abbruch von Betreuung und Beziehung (Camerino, Estryn-Behar, Conway, van Der Heijden & Hasselhorn, 2008). Dies erzeugt erhebliche, auch monetäre Folgekosten für Betroffene, Organisationen und letztendlich die Gesellschaft (Camerino et al., 2008; National Health Service – Security Management Service, 2010; National Institute for Clinical Excellence (NICE), 2005; Speroni, Fitch, Dawson, Dugan & Atherton, 2014).

Bei Aggression und Gewalt im Gesundheits- und Sozialwesen sind Auslöser, Ursachen und Interaktionen sehr komplex ineinander verwoben (Walter, Nau & Oud, 2019a). Auf Grundlage einer strukturierten Risikoanalyse und Planung sollen spezifische Interventionsebenen der primären, sekundären und tertiären Prävention berücksichtigt werden. Trainings beinhalten theoretische und praktische Inhalte als zentrale Bausteine des systemischen Ansatzes zur Gewaltprävention (Walter, Nau & Oud, 2019c). Es gibt jahrzehntelange empirische Erfahrung für die Wirksamkeit von Trainings (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN), 2018; Paterson, Leadbetter & Miller, 2005). Für Umfang, Inhalte und Methoden von wirksamen Trainings wurden im deutschsprachigen Raum bisher noch keine ausreichenden evidenzbasierten Qualitätskriterien in umsetzbaren Empfehlungen zusammengefasst.

Die Vorstände der Vereine NAGS Austria (AT), NAGS Deutschland (D) und NAGS Schweiz (CH) beauftragten eine Arbeitsgruppe mit der Erarbeitung von gemeinsamen Empfehlungen. Auf der breit abgestützten gut recherchierten Grundlage der «Restraint Reduction Network Training Standards» (RRN-Standards) (Cross, Kay, Johnston, Paterson, Reid et al., 2022; The Restraint Reduction Network, 2022) sollten adaptierte Empfehlungen für den deutschsprachigen Bereich erarbeitet werden.

In Deeskalationstrainings geht es nicht nur um Techniken in der nonverbalen, verbalen und paranonverbalen Ebene und Techniken („Was tue ich?“) sondern vor allem um Haltung („Wie sehe ich den andern Menschen?“). Diese beiden Ebenen Haltung und Menschbild sind entscheidend dafür, ob Deeskalation glaubwürdig und wirksam ist.      Alle Menschen haben den gleichen Wert! Dies ist ein Grundkonsens, welcher am 10. Dezember 1948 von der Vollversammlung der UNO verabschiedet wurde und in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Vereinte Nationen, 1948) Ausdruck findet. Mit dieser Erklärung wird zum Ausdruck gebracht, dass die Würde des Menschen auch in herausfordernden Situationen, in krisenhaften Situationen und in Situationen wo sich Menschen in Abhängigkeit und/oder in Betreuung von Menschen oder Organisationen befinden geachtet und respektiert wird. Würde kann durch die Art, wie persönlich anderen Menschen begegnet wird, welche Regeln für das Zusammenleben definiert werden oder wie soziale Prozesse und Organisationen gestaltet werden, respektiert und gefördert oder missachtet und verletzt werden.

Die Trainer*innen und Berater*innen für Aggressions-, Deeskalations- und Sicherheits-management engagieren sich für respektvolle und achtsame Verhaltensweisen, Interaktionen, Strukturen und Prozesse, durch welche die Würde aller Beteiligten beachtet wird und sie sich respektiert, akzeptiert, begleitet, unterstützt und angenommen fühlen. Konflikte gehören zum zwischenmenschlichen Zusammenleben. Nicht alle Konflikte lassen sich vermeiden oder lösen. Begegnung auf Augenhöhe sowie ein respektvolles Verhalten ermöglichen ein Austragen von divergierenden Meinungen, ohne die Würde der Beteiligten zu verletzen. Diese Haltung ist die Grundlage für eine wirksame Gewaltprävention. Es kann hier nicht darum gehen, eine Gruppe auf Kosten einer anderen zu schützen. Es muss vielmehr darum gehen, Bedingungen und Situationen zu schaffen, bei denen Rechte und Bedürfnisse aller Beteiligten möglichst geschützt sowie etwaige Einschränkungen reflektiert und begründet werden.

Die Auswirkung von Aggression und Gewalt für Mitarbeitende im Gesundheits- und Sozialwesen sowie für deren Patienten, Klienten, Bewohner etc. sowie deren Angehörige sind erheblich, wirken sich auf Gesundheit und Sicherheit sowie Behandlung und Betreuung aus. Es ist ethisch und rechtlich geboten, diese Auswirkungen zu vermeiden bzw. möglichst gering zu halten. Die Schulung von Mitarbeitenden – und perspektivisch die Schulung von Patienten/Klienten und deren Angehörigen in bestimmten Bereichen – ist anerkanntermaßen ein wichtiger Beitrag, ein zentrales Element in der systematischen Gewaltprävention. Es gibt ein breites und zunehmendes Angebot an Schulungskonzepten (Trainings), die aus unterschiedlichen Zusammenhängen entstanden sind. Dass Trainings als Baustein einer systemischen Gewaltprävention notwendig sind, ist mittlerweile weitgehend in allen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens anerkannt und wird von Berufsverbänden, Gewerkschaften, Unfallversicherungsträgern gefordert. Doch bislang gibt es im deutschsprachigen Bereich keine breit anerkannten Kriterien, was solche Trainings erreichen sowie welche Methoden und Inhalte angewendet werden sollen. Der Fokus soll auf die Bedarfsorientierung gerichtet sein. Trainings sollen darauf abgestimmt sein, was die Beteiligten benötigen. Um hier Entscheidungen zu treffen, benötigen Entscheidungsträger Orientierungspunkte zur besseren Einschätzung.

Diese Praxisempfehlung möchte diese Orientierung in möglichst kompakter Form geben, ohne die dahinterliegenden Begründungen und Nachweise zu vernachlässigen. Ziel dieser Praxisempfehlung bietet sowohl den Auftraggeber*innen als auch den Trainer*innen eine fachliche und ethische Orientierung für Trainings im Aggressions-, Deeskalations- und Sicherheitsmanagement. Zusätzlich dienen diese Empfehlungen der Information von politischen und institutionellen Entscheidungsträgern, den Medien sowie der Öffentlichkeit.

Sie richtet sich an alle Personen die in die Planung, Durchführung, Nachbearbeitung und Auswertung von Trainings im Deeskalations- und Sicherheitsmanagement involviert oder davon betroffen sind.

Die Praxisempfehlung

  • bietet operationalisierte Kriterien für Prozesse und Maßnahmen, die vor, während und nach den Trainings eine hohe Qualität bezüglich des Trainingsbedarfs und dessen Einbettung und Transfer in die Praxis sicherstellen.
  • integriert die ethischen Leitlinien der relevanten Fachgesellschaften. Die europäische Menschenrechtskonvention (EMRK), sowie UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UNO-BRK) bilden eine zentrale Orientierung.
  • bezieht sich auf aktuelle fachliche Leitlinien und Empfehlungen für eine bestmögliche Praxis in den jeweiligen Settings.
  • berücksichtigt die Bedürfnisse und Anliegen der relevanten Anspruchsgruppen. Der aktive Einbezug der Bedürfnisse und Rechte von Nutzer*innen, Angehörigen und Mitarbeitenden im Gesundheits- und Sozialwesen bildet einen Schwerpunkt.
  • stellt eine Grundlage zur Weiterentwicklung von Gewaltprävention im Gesundheits- und Sozialwesen mit dem Schwerpunkt Training der Mitarbeiter*innen dar

Gewaltprävention als gemeinsame systemische Aufgabe in Organisationen muss ein essentieller integrativer Baustein sein um Wirksam zu sein und nachweisbare Effekte für alle Beteiligten zu erzielen. Aggression und Gewalt entstehen im wechselseitigen Spannungsfeld zwischen Beteiligten und unter dem Einfluss der Umgebungsfaktoren inklusive der vorhandenen Ressourcen (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN), 2018; Richter, 2019a; Wahl, 2012; Walter et al., 2019a). Diese Faktoren beeinflussen die Entstehung und den Verlauf von Konflikten in eine eskalierende oder deeskalierende Richtung (Walter et al., 2019a; Walter, Oud & Nau, 2023; Walter, Stefan & Moser, 2022) Gewaltprävention ist als gemeinsame systemische Aufgabe anzugehen (Paterson et al., 2005). Dies bedeutet, dass einzelne Maßnahmen nicht ausreichen. Jede Organisation soll ein umfassendes Konzept entwickeln, in das primäre, sekundäre und tertiäre Präventionsmaßnahmen integriert sind, in denen alle Ebenen und Adressaten berücksichtigt sind (McKenna & Paterson, 2006; Ridley et al., 2019).

Es bleibt festzuhalten das Deeskalationstrainings und die Schulung von Mitarbeitenden nicht „nice to have“, sind, sondern zentral für einen funktionierenden Alltag in der Versorgung, Betreuung und Begleitung von Menschen in unterschiedlichen Settings und unabhängig vom Alter. Die Anforderungen in diesen Bereichen steigen stetig und sind dort speziell, dass normales Verhalten in Konflikten oft nicht ausreicht. Es geht nicht nur darum Konflikte zu vermeiden, sondern Sicherheit, Qualität und Professionalität systemisch zu gewährleisten in allen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens. Organisationen profitieren sehr direkt und messbar von Deeskalationstrainings nicht nur „moralisch“, sondern auch organisatorisch und wirtschaftlich bei gleichzeitiger Verbesserung der Versorgungsqualität und Arbeitsqualität für Mitarbeitende.

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Literatur

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Zur Person

Sven Keitel
Geschäftsführer Katholisches Bürgerhospital Mannheim
1. Vorsitzender NAGS Deutschland e.V.

Keitel, S.
(2026, September 7).
Leitlinie für die Planung, Durchführung und Auswertung von Trainings im Aggressions-,  Deeskalations- und Sicherheitsmanagement im Gesundheits- und Sozialwesen
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/leitlinie-aggressions-deeskalationsmanagement

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