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Cindy Steinhöfel, Sarah Fliesgen, Christina Wenzel
Pflege neu gedacht:
Profession, Vorbehaltsaufgaben und planetare Verantwortung

Kompetenzen stärken, Klimarisiken begegnen, Transformation aktiv gestalten

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Um den gesundheitlichen Risiken der Klimakrise wirksam zu begegnen, bedarf es neben dem Abbau klima- und umweltschädlicher Subventionen einer stärkeren sektorenübergreifenden Finanzsteuerung von Maßnahmen des Klima- und Umweltschutzes sowie der Klimaanpassung. Der Health-in-and-for-all-Policies-Ansatz muss dabei als gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe verstanden werden. Das deutsche Gesundheitswesen steht dabei unter erheblichem Transformationsdruck: Bereits 2019 verursachte es rund sechs Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig verschärfen Personalmangel, demografischer Wandel, steigende Krankheitslast und ressourcenintensive Versorgungsstrukturen die Problemlage. Fehlanreize begünstigen einen hohen Ressourcenverbrauch und erschweren nachhaltige Reformen.

Trotz der engen Verflechtung von Klima- und Gesundheitsfragen fehlt es bislang sowohl in der Politik als auch in der öffentlichen Wahrnehmung an ausreichendem Problembewusstsein und Dringlichkeit. Dabei bieten Gesundheitsförderung und insbesondere verhältnispräventive Maßnahmen mit Co-Benefits – etwa in den Bereichen Luftqualität, aktive Mobilität und gesunde Ernährung – ein erhebliches Potenzial. Voraussetzung dafür ist eine Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sodass gesunde und nachhaltige Entscheidungen im Alltag erleichtert werden („Make the healthy and sustainable choice the easy choice“).

Bedeutung der Nachhaltigkeit für die Pflege

Mit der Aktualisierung der Definition von Nurse und Nursing hat der International Council of Nurses (ICN) die Verantwortung der Pflegeprofession für planetare Gesundheit ausdrücklich betont. Pflegefachpersonen tragen demnach Verantwortung dafür, sichere Versorgungsumgebungen zu schaffen und ihre berufliche Praxis so zu gestalten, dass sie nachhaltig für Mensch und Umwelt ist. Damit werden globale Gesundheitsfragen, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und öffentliche Gesundheit untrennbar miteinander verbunden.

Der ICN verpflichtet Pflegefachpersonen seit 2021 im Ethikkodex ausdrücklich dazu, als zentrale Akteur:innen zur Erreichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (SDGs) beizutragen. Auch nationale Fachverbände wie der Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) betonen, dass der Schutz der planetaren Gesundheit integraler Bestandteil professioneller Pflege ist.

Abbildung 1: Kachelbild 17 SDGs (Quelle: ©die Bundesregierung)

 

Die Erreichung der SDGs erfordert eine enge, interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Dazu gehört die Anerkennung der jeweiligen Kompetenzen aller Gesundheitsberufe sowie der Betroffenen und ihrer An- und Zugehörigen. Traditionelle hierarchische Strukturen, insbesondere die Dominanz ärztlicher Berufsgruppen, stehen einer nachhaltigen und personenzentrierten Versorgung entgegen und müssen überwunden werden. Gleichzeitig ist die Pflegeprofession selbst gefordert, ihre bestehenden und erweiterten Kompetenzen sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln.

Neue Rollen und Aufgaben der Pflege

Für die Umsetzung planetarer Gesundheit in der Praxis sind neue Rollenbilder und Aufgabenprofile notwendig. Insbesondere zur Erreichung von SDG 3 „Gesundheit und Wohlergehen“ braucht es eine starke, hochqualifizierte Pflegeprofession, die auch in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (DNS) systematisch berücksichtigt werden muss. Dafür sind ausreichende personelle, finanzielle und infrastrukturelle Ressourcen sowie gezielte Fort- und Weiterbildungen erforderlich.

Abbildung 2 neue Rollen und Aufgaben von Pflegefachpersonen

 

Pflegefachpersonen begleiten Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg und können in unterschiedlichen Settings wirksam werden: Kinder und Familien können zu gesundheits- und klimarelevanten Schutzmaßnahmen beraten werden, etwa im Umgang mit Hitze oder Luftschadstoffen. In Schulen können Pflegefachpersonen frühzeitig klimasensible Gesundheitskompetenzen vermitteln, beispielsweise zu nachhaltiger Ernährung, Hitzeprävention oder Bewegung. In der Versorgung von Menschen mit Multimorbidität und in der Langzeitpflege bieten klimafreundliche Maßnahmen nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch gesundheitliche Co-Benefits und eine potenzielle Entlastung des Personals.

Darüber hinaus sind Pflegefachpersonen gefordert, ihre eigene berufliche Praxis klimafreundlicher zu gestalten, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren und sich auf Extremwetterereignisse sowie Katastrophenlagen vorzubereiten. Entscheidend ist dabei ein Wandel des professionellen Selbstverständnisses: weg von einer primär reaktiven Versorgung hin zu stärkerer Prävention, Gesundheitsförderung und struktureller Mitgestaltung.

Was bleibt zu tun?

Besonders stark vom Klimawandel betroffen sind Menschen in sozial benachteiligten Lebenslagen. Schlechte Wohnverhältnisse, Umweltbelastungen, Armut und fehlende Grünflächen verstärken gesundheitliche Risiken wie Hitzeerkrankungen oder Atemwegserkrankungen. Klimaschutz und Nachhaltigkeit können daher nur gelingen, wenn Prävention und Gesundheitsförderung gesellschaftlich priorisiert werden.

Ein nachhaltiges Gesundheitswesen erfordert eine langfristige Perspektive, die über kurzfristige ökonomische Effekte hinausgeht. Notwendig sind finanzielle Anreize für nachhaltiges Wirtschaften, Investitionen in erneuerbare Energien, energetische Sanierungen sowie eine Stärkung interprofessioneller Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Das bestehende Wirtschaftlichkeitsgebot sollte durch ein verbindliches Nachhaltigkeitsgebot ergänzt werden, um klimafreundliches Handeln zu erleichtern.

In den zentralen Handlungsfeldern der Pflege – Beziehungsgestaltung, Bildung und Forschung sowie Gesundheitspolitik und Interessenvertretung – müssen nachhaltigkeitsbezogene Strategien systematisch verankert werden. Pflegefachpersonen sollten an allen relevanten Gremien und Krisenstäben beteiligt sein, um ihre Expertise einzubringen. Die Transformation bietet zugleich eine Chance: Durch die stärkere Anerkennung pflegerischer Kernkompetenzen kann die Handlungsautonomie der Berufsgruppe gestärkt und der Beruf für engagierte, klimabewusste Personen attraktiver werden.

Fazit

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Die professionelle Pflege nimmt aufgrund ihrer Nähe zu Menschen in allen Lebenslagen eine Schlüsselrolle ein. Nur durch die konsequente Integration pflegerischer Expertise kann das deutsche Gesundheitssystem resilienter, gerechter und nachhaltiger werden. Voraussetzung dafür ist ein weiterentwickeltes Pflegeverständnis, das die Klimakrise als zentrale gesundheitliche Herausforderung begreift und Prävention in den Mittelpunkt stellt. Gelingt dies, kann die Pflege entscheidend dazu beitragen, die gesundheitlichen Folgen der ökologischen Krisen abzumildern und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck des Gesundheitswesens zu reduzieren.

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Literatur

Das vollständige Literaturverzeichnis kann bei den Autorinnen angefordert werden.

Zur Person

Cindy Steinhöfel, Krankenschwester, Diplom-Pflegewirtin (FH), Mitglied der AG Nachhaltigkeit in der Pflege beim DBfK, Vorstandsmitglied der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), (steinhoefel@dbfk.de)

Sarah Fliesgen, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Berufspädagogin Pflege B.A, Versorgungsforschung und -gestaltung M.Sc., Referentin für Nachhaltigkeit und Klimaschutz beim DBfK, (fliesgen@dbfk.de)

Christina Wenzel, Altenpflegerin, B.A. Sozial- und Kulturanthropologie, M.Sc. cand. Pflege (ANP), Sprecherin der AG Nachhaltigkeit in der Pflege beim DBfK, (christina.wenzel@haw-hamburg.de)

 

(2026, May 18).
Pflege neu gedacht:
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/pflege-neu-gedacht

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