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MMag. Dr. Elisabeth Rappold, Mag. Inge Köberl Hiebler, Vera Lux, Präsidentin, Roswitha Koch, MPH
Was bleibt nach Helsinki?
Die neue ICN-Definition und ihre Bedeutung für die Pflege im DACH-Raum

Die neue Definition des International Council of Nurses (ICN) für „Pflege“ und „Pflegefachperson“, die beim ICN‑Kongress in Helsinki verabschiedet und 2025 erneut im globalen Kontext diskutiert wurde, setzt einen international abgestimmten Rahmen, der Pflege als autonome und wissenschaftsbasierte Profession beschreibt. Für den DACH‑Raum schafft die gemeinsame Übersetzung von DBfK, ÖGKV und SBK erstmals eine einheitliche Grundlage. Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen zeigen die Stellungnahmen ähnliche Herausforderungen und Entwicklungsrichtungen. Der Beitrag fasst zusammen, was von Helsinki bleibt – und welche Impulse die neue ICN‑Definition für die Profession im deutschsprachigen Raum setzt.

Österreich – Perspektive von Elisabeth Rappold (GÖG)

Elisabeth Rappold beschreibt Helsinki als Moment eines veränderten beruflichen Selbstverständnisses. Pflege wird zunehmend als gestaltende Kraft verstanden, die Verantwortung für Versorgung, Qualität und Systementwicklung übernimmt. Die ICN‑Definition bestätigt diese Entwicklung und erweitert nationale Rahmenwerke um Aspekte wie kulturelle Sicherheit, Nachhaltigkeit, Planetary Health und Advocacy.

Ein Schwerpunkt ist die Weiterentwicklung des Berufs in Richtung Advanced Nursing Practice. Diese erweiterten Rollen sind im ICN Kontext klar verankert, in Österreich jedoch noch zu entwickeln und auszuarbeiten. Dafür braucht es höhere Ausbildungsstandards und einen systematischen Kompetenzaufbau.

Rappold betont zudem die Bedeutung politischer Wirksamkeit: Pflege müsse öffentlich Position beziehen, Advocacy betreiben und stärker in Entscheidungsstrukturen vertreten sein.

Fazit: Die ICN‑Definition wird nur wirksam, wenn sie konsequent in Bildung, Organisation, Praxis und Berufspolitik umgesetzt wird.

Österreich – Perspektive von Inge Köberl-Hiebler (ÖGKV)

Für Inge Köberl-Hiebler ist die neue ICN‑Definition ein grundlegender Schritt: Sie beschreibt Pflege als eigenständige, wissenschaftlich fundierte Profession mit klarer Entscheidungsverantwortung – ein Verständnis, das in Österreich strukturell erst teilweise abgebildet ist.

Damit die Definition nachhaltig wirksam wird, braucht es einen koordinierten Implementierungsprozess. Dazu gehören ein nationaler Plan, der ICN‑Definition, ÖSG, Masterplan Pflege und Fachkräftestrategie verbindet, die Entwicklung pflegerischer Qualitätsindikatoren sowie Pilotregionen für pflegegeleitete Versorgungsmodelle.

Für die Erfolgsmessung nennt sie u. a. Sturz‑, Dekubitus‑ und Rehospitalisationsraten, patientenberichtete Erfahrungen (PREMs), patientenberichtete Behandlungsergebnisse (PROMs) sowie Autonomie‑ und Beteiligungsgrade.

Zudem bietet die Definition einen starken narrativen Rahmen, um das öffentliche Bild der Pflege zu verändern – durch Kommunikationsarbeit, Medienpräsenz und evidence‑basierte Advocacy.

Fazit: Die ICN‑Definition schafft eine international anerkannte Grundlage für Berufsrecht, Bildung, Versorgung und Identität. Ob sie im Alltag ankommt, hängt von politischer Umsetzung, Bildungsreformen und strukturellen Innovationen ab.

Deutschland – Perspektive von Vera Lux (DBfK)

Vera Lux betont die historische Rolle des DBfK, dessen Vorgängerorganisation bereits 1904 Gründungsmitglied des ICN war und seitdem die Interessen der deutschen Pflege international vertritt. Der Verband war aktiv in den globalen Erarbeitungsprozess eingebunden und hat die neue Definition 2025 in Helsinki mitverabschiedet.

Die Überarbeitung sei nach 40 Jahren notwendig gewesen, um die Begriffe „Pflege“ und „Pflegefachperson“ an heutige Strukturen im Gesundheitswesen, an Entwicklungen in Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie an gesellschaftliche Veränderungen anzupassen. Die neue Definition macht die Vielfalt pflegerischer Rollen sichtbar. Die gemeinsame deutschsprachige Übersetzung von DBfK, ÖGKV und SBK betont menschenzentrierte, kulturell sichere und nachhaltige Pflege.

Pflegefachpersonen übernehmen laut Lux eine einzigartige Rolle in allen Sektoren und Altersgruppen. Grundlage ist eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung und die Philosophie der professionellen Pflege. Für Deutschland ist die Neudefinition besonders bedeutsam, da sie als Basis für das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (BEEP) sowie für die Ausgestaltung des Scope of Practice dient. Dieser regelt Tätigkeiten, Verantwortungsbereiche und den Umfang heilkundlicher Ausübung. Festgelegt wird er durch GKV‑Spitzenverband und DKG, wobei die Pflege beteiligt ist. Die ICN‑Definition bietet dafür eine wissenschaftlich fundierte, international konsentierte Grundlage.

Der DBfK hat gemeinsam mit ÖGKV und SBK eine autorisierte Übersetzung veröffentlicht. Ein zentraler Auftrag besteht darin, die Definition in Deutschland bekannt zu machen. Pflegewissenschaft, Berufsverbände, Pflegekammern, Pflegemanagement und Pädagogik müssen den Transfer in die Praxis organisieren und die Definition strukturell verankern. Dazu gehören Curricula, Qualifikationsniveaus (DQR‑Level) und die Schulung von Praxisanleitenden. Ein klar definierter Scope of Practice ist zudem entscheidend für transparente interprofessionelle Zusammenarbeit.

Schweiz – Perspektive von Roswitha Koch (SBK / alliance care)

Roswitha Koch betont die zentrale Bedeutung der neuen ICN‑Definition für das berufspolitische Eintreten des SBK und die strategische Weiterentwicklung der Pflege in der Schweiz. Die ICN‑Mitgliedschaft ist für den SBK verbindlich und von hoher Relevanz. Die neue Definition bildet die Entwicklungen der letzten Jahre und die zunehmende Autonomie der professionellen Pflege gut ab.

Durch die Reorganisation des SBK wurden nationale und kantonale Herangehensweisen harmonisiert, sodass die ICN‑Definition auf allen Ebenen relevant ist. Sie stärkt die Position des Verbandes und fließt in nationale Bildungsvorgaben und Grundlagendokumente ein. Für die Weiterentwicklung des Profils der Pflegeexpertin APN sind neben der Pflegedefinition auch die Definitionen des ICN‑APN‑Netzwerks bedeutsam.

Koch hebt hervor, dass der SBK die Definition dank seiner Mitwirkung an nationalen Bildungsprojekten settingunabhängig einbringen kann. Sie macht Anliegen wie kulturelle Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und pflegerische Autonomie sichtbar. Über Formate wie das DACH‑Webinar oder den Schweizer Pflegekongress 2026 sollen Pflegefachpersonen, Bildungsanbieter und Forschende angeregt werden, diese Konzepte aktiv aufzugreifen.

Unmittelbare Auswirkungen auf die interprofessionelle Zusammenarbeit erwartet Koch nicht, da diese im Rahmen der SBK‑Strategie Pflege 2030 bereits intensiv bearbeitet wird – durch Mitgestaltung gesetzlicher Rahmenbedingungen und durch die tägliche Zusammenarbeit mit Ärzteschaft, Berufsverbänden, Arbeitgebenden und Versicherern. Die neuen Definitionen wirken hier vor allem als innere Stärkung.

Abschließendes Fazit

Die neue ICN‑Definition ist mehr als eine sprachliche Aktualisierung. Sie bietet einen international abgestimmten Referenzrahmen, der die Pflegeprofession in ihrer Breite, Tiefe und Verantwortung beschreibt. Für den DACH‑Raum schafft sie eine gemeinsame Grundlage, Entwicklungen zu bündeln, strukturelle Lücken sichtbar zu machen und die Profession weiter zu stärken.

Was von Helsinki bleibt, ist ein klarer Auftrag: Die Definition muss in Bildung, Praxis, Politik und beruflicher Identität verankert werden. Erst dann wird das Outcome für die Pflegeprofession klar erkennbar sein.

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Zur Person

MMag. Dr. Elisabeth Rappold, Abteilungsleiterin „Gesundheitsberufe und Langzeitpflege“, Gesundheit Österreich GmbH (GÖG)

Mag. Inge Köberl Hiebler, stellvertretende Vizepräsidentin, Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV)

Vera Lux, Präsidentin, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)

Roswitha Koch, MPH, Leiterin Abteilung Pflegeentwicklung und Internationales, Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK / alliance care)

Kathrin Kurrle, pflegenetz

(2026, April 27).
Was bleibt nach Helsinki?
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/was-bleibt-nach-helsinki-die-neue-icn-definition-und-ihre-bedeutung-fuer-die-pflege-im-dach-raum

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