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Rocío Villena Luna
Wenn Pflege an Grenzen kommt: Warum Gewaltprävention nicht warten darf

Es gibt Tage in der Pflege, da läuft alles rund. Das Team arbeitet Hand in Hand, Bewohner:innen sind stabil, man spürt: Heute hat es gepasst. Und dann gibt es diese anderen Tage. Tage, an denen man schon beim Betreten der Station merkt: Heute wird es schwer. Eine Kollegin fällt aus. Zwei Bewohner:innen sind unruhig. Angehörige sind angespannt. Und irgendwo im Hintergrund läuft diese leise Dauerbelastung mit, die viele Pflegekräfte kennen: zu viel in zu wenig Zeit.

In genau solchen Momenten passiert Gewalt nicht plötzlich „aus dem Nichts“. Sie entsteht, wenn Angst, Überforderung oder Stress hochgehen, bei Bewohner:innen genauso wie bei Mitarbeitenden. Und ja: Gewalt ist ein hartes Wort. Aber es ist wichtig, dass wir es aussprechen. Nicht, um jemanden an den Pranger zu stellen, sondern umhinzuschauen.

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Gewalt sieht nicht immer aus wie Gewalt

Viele denken bei Gewalt sofort an Schläge oder sichtbare Verletzungen. In der Pflege ist es oft subtiler. Gewalt kann auch sein, wenn jemand angeschrien wird. Wenn jemand absichtlich ignoriert wird. Wenn Grenzen überschritten werden. Oder wenn Pflege „schnell-schnell“ passiert, weil das System drückt und dabei Würde verloren geht.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt Gewalt als den absichtlichen Gebrauch von körperlicher Kraft oder Macht, angedroht oder tatsächlich, der zu körperlichem oder psychischem Schaden führen kann. Das klingt sehr sachlich, aber dahinter steckt etwas sehr Menschliches: Schmerz, Angst, Stress und Hilflosigkeit.

Die Zahlen sind klar, und trotzdem bleibt vieles unausgesprochen

Viele Vorfälle werden nicht gemeldet. Manche Mitarbeitende denken: „Das gehört halt dazu.“ Andere haben keine Kraft, es noch zu dokumentieren. Dabei zeigen aktuelle Auswertungen der BGW (2023) deutlich, wie prekär die Lage ist:

Rund 80 % der Versicherten in der Pflege und Betreuung gaben an, innerhalb eines Jahres Gewalt oder Aggression erlebt zu haben. Unter den Betroffenen berichteten 94 % von verbaler Gewalt (Beleidigungen, Drohungen) und sogar 70 % von körperlichen Übergriffen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Gewalt im Gesundheitswesen kein Einzelfallrisiko, sondern eine strukturelle Herausforderung ist.

Ein Gewaltschutzkonzept ist kein Ordner, es ist ein Versprechen

Für mich ist ein Gewaltschutzkonzept nicht einfach ein Dokument. Es ist ein Versprechen: Wir schauen nicht weg. Wir nehmen Mitarbeitende ernst. Wir schützen Bewohner:innen. Und wir lassen niemanden allein. Ein Konzept hilft nur dann, wenn es im Alltag spürbar ist in Abläufen, in der Sprache, in der Haltung.

Der wichtigste Punkt: Schulung, Schulung, Schulung

Niemand ist „einfach so“ perfekt vorbereitet auf Gewalt. Pflegekräfte sind stark, aber sie sind auch Menschen. Wenn der Stress über Wochen hoch ist, wird es schwerer, empathisch zu bleiben. Deshalb müssen Mitarbeitende regelmäßig geschult werden. Nicht einmalig, sondern so, dass es im Kopf und im Körper abrufbar ist, wenn es zählt.

Schulungen helfen dabei:

  • Warnzeichen früh zu erkennen (Deeskalationsstufen),
  • Grenzen zu setzen, ohne zu verletzen,
  • Herausforderndes Verhalten (z. B. bei Demenz) besser zu verstehen,
  • und sich selbst psychisch zu schützen.

Gewaltprävention funktioniert nicht ohne BGM

Seit Mai 2025 verantworte ich gemeinsam mit der Fachbereichsleitung für die stationäre Pflege die Weiterentwicklung unseres Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM). Wir sehen BGM nicht als „Zusatzangebot“, sondern als das Fundament, das unsere Teams trägt.

Um Belastung messbar zu machen, haben wir intern im Rahmen meines Masterstudiums den PHQ-4 eingesetzt, ein Kurzscreening zu Angst- und Depressionssymptomen. Die Ergebnisse waren ein starker Moment: Sie zeigten schwarz auf weiß, was das Team braucht. Mitarbeitende wissen sehr genau, wo der Schuh drückt – man muss ihnen nur den Raum geben, es zu sagen.

„gesund + gewaltfrei“: Ein Weg in die Zukunft

Wir sind Teil des Projekts „gesund + gewaltfrei“, dass Prävention und Gesundheitsförderung verzahnt. Mein Ziel ist es, das Know-how, das wir in unserer ersten Einrichtung gewinnen, Schritt für Schritt auf den gesamten Träger zu übertragen. Denn wenn etwas wirkt, sollte es wachsen.

Was oft vergessen wird: Was passiert nach einem Vorfall? Es bleibt oft Unsicherheit, Scham oder Wut zurück. Hier entscheidet sich die Stabilität eines Teams. Es braucht Nachbesprechungen und eine Führung, die Rückhalt bietet, statt Schuld zuzuweisen.

Gewaltprävention ist Pflegequalität. Punkt. Sie schützt Bewohner:innen und sie schützt Mitarbeitende. Sie bewahrt das, was Pflege im Kern ausmacht: Menschlichkeit.

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Literatur

  • WHO: World report on violence and health.
  • BGW (2023): Gewalt und Aggression in den Branchen der BGW. Forschungsbericht, 2. Auflage.
  • WHO/ILO/ICN/PSI: Workplace Violence in the Health Sector. Framework Guidelines.
  • Kroenke et al. (2009): The PHQ-4 (Patient Health Questionnaire for Anxiety and Depression).
  • Projekt „gesund + gewaltfrei“: Strategische Verzahnung von Gewaltprävention und BGM.

Zur Person

Rocío Villena Luna,

BGM-Expertin, Gewaltschutzbeauftragte, Masterstudentin M.Sc. Public Health (FOM Hochschule)

(2026, February 15).
Wenn Pflege an Grenzen kommt: Warum Gewaltprävention nicht warten darf
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/wenn-pflege-an-grenzen-kommt-warum-gewaltpraevention-nicht-warten-darf

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