Pflegefachpersonen erkennen zunehmend ihr historisch geprägtes, selbstaufopferndes Rollenbild und beginnen aufzuwachen. Sie entwickeln ein neues, selbstbewusstes Berufsverständnis, achten auf ihre eigene Würde und Gesundheit und zeigen Mut zum Widerstand – etwa durch öffentliche Aktionen, Organisation in Berufsvertretungen und das bewusste Einfordern ihrer Rechte. Sie dienen damit sich selbst und der Gesellschaft, jedoch auf einer klaren, neuen Bewusstseinsebene.
Das dienende Erbe der Pflege
Neulich sagte mir eine Stationsleitung im Gespräch: „Wir arbeiten ständig am Limit. Jetzt sind wieder einige Kolleginnen krank – es macht keine Freude mehr.“ Spontan fragte ich: „Warum geht ihr denn nicht mal demonstrieren?“ Sie überlegte kurz und antwortete: „Das können wir nicht, wir müssen unsere Patienten versorgen.“
Welches berufliche Selbstverständnis zeigt sich darin? Ein Blick in die Pflegegeschichte gibt die Antwort. Seit Generationen verstehen sich beruflich Pflegende als dienende, sich unterordnende Berufsgruppe. Bis in die 1980er-Jahre wurde Pflege in Deutschland als Heil-Hilfsberuf bezeichnet. Dieses verinnerlichte Selbstbild des Dienens ist auch mir noch vertraut. Meine Ausbildung in den 1960er-Jahren war stark medizinisch geprägt, viele Krankenhäuser wurden von Ordensgemeinschaften getragen. Man war pflichtbewusst – und fragte nicht nach eigenen Bedürfnissen.
Auch die Gesellschaft hat das Bild der dienenden Krankenschwester verinnerlicht, so wird es kaum wahrgenommen, wenn Berufsangehörige sich aufopfern, physisch und psychisch belastet sind. Diese altruistische Zuschreibung ehrt den Beruf; ethisch steht er hoch im Kurs – oft verbunden mit Sätzen wie: „Gesundheit ist unser höchstes Gut.“ Doch kritisch betrachtet stellt sich die Frage nach der Verantwortung: Wer ist für meine Gesundheit verantwortlich? Übernimmt der Beruf auch Verantwortung für sich selbst?
Ein hohes Ethos führt zur Selbstaufgabe
Wir kennen die Realität: Pflege übernimmt enorme Verantwortung und arbeitet oft still, loyal und pflichtbewusst. Gleichzeitig weisen Pflegende überdurchschnittlich viele Burnout-Symptome auf, verlassen den Beruf und fühlen sich überfordert – alles zum Wohle der Kranken und Pflegebedürftigen. Doch wo bleibt das Wohl der einzelnen Pflegefachperson? Wo das Wohl des Berufs?
Gehen wir davon aus, dass jedes Verhalten immer „gute Gründe“ hat, so liegt einer davon möglicherweise in der kulturellen Belohnung der Selbstaufopferung. Wie oft hören Pflegende anerkennend: „Das könnte ich nicht – so ein schwerer Beruf.“ Und nicht selten sind wir selbst stolz auf symbolische Gesten wie den „Balkonapplaus“. Verantwortung für andere wird hoch geschätzt – Verantwortung für sich selbst dagegen manchmal als Egoismus betrachtet.
Wird dieses Muster nicht durchschaut, führt Vernachlässigung der Selbstfürsorge zwangsläufig zur eigenen Erkrankung – und eine „kranke“ Pflege macht sicher auch das Gesundheitssystem krank. Diesen kritischen Punkt haben wir erreicht. Nach dem Chaos folgt Ordnung – und nach der Dunkelheit das Licht.
Transformation
Nach dem Dienen beginnt ein Erwachen: ein Bewusstwerden der eigenen beruflichen Identität. Ein Blick in die letzten sieben Jahrzehnte zeigt den Wandel von einem unreflektierten zu einem reflektierten, von einem unbewussten zu einem bewussten Berufsverständnis. (Olbrich 2025)
Bis in die 1980er-Jahre pflegten wir, weil wir es immer so machten. Erst dann begannen wir uns zu fragen: Was ist Pflege? Wie lässt sie sich definieren, reflektieren, erforschen und verstehen? Welche Rolle haben wir als Pflegende? Unterstützt durch angloamerikanische Pflegetheorien formte sich unser Berufsverständnis – zunächst weiter stark patientenorientiert.
Heute vollzieht sich ein weiterer Bewusstseinswandel. Pflegefachpersonen treten selbstbewusster auf, haben den Zugang zu Hochschulen erkämpft und erkennen ihren Beitrag zur Gesundheitsförderung und Prävention von Pflegebedürftigkeit. Mit dem PflBG (2020) in Deutschland erhielten wir Vorbehaltsaufgaben.
Dieser Transformationsprozess erreicht nun eine neue Dimension: Pflege erkennt ihre historisch geprägte Verinnerlichung des Dienens – auch beeinflusst durch traditionelle Frauenrollen. Gedanken und Vorstellungen wandeln sich, daraus entstehen neue Bewertungen, Entscheidungen und schließlich mutige Handlungen. Damit verbunden ist die
Erkenntnis:
Nur wer für sich selbst sorgt, kann für andere in gesunder Weise sorgen. Dieses „Aufwachen“ bedeutet, die eigene Würde – persönlich und beruflich – zuerkennen und dafür einzutreten.
Mut zum Widerstand
Oft verändern sich festgefügte Vorstellungen erst durch Not oder äußeren Druck. Beides sind Zeichen der Zeit. Pflege braucht Mut – und muss innerlich wie äußerlich in den Widerstand gehen. Das kann und muss jetzt geschehen. Es gibt bereits starke Beispiele:
Am 4. November 2025 demonstrierten in Salzburg mehrere Tausend Pflegefachpersonen gegen die Streichung des Pflegebonus. Das war mutig – und wirkt als Vorbild.
Mit ausdauernder Konsequenz seitens der Pflegepolitik wurde die politische Entscheidung zur Kompetenzerweiterung in Deutschland gesetzlich verankert. „Ein wichtiger Schritt“, (Christine Vogler, Deutscher Pflegerat) Mit aller Deutlichkeit und mit Mut ist jetzt in weiteren öffentlichen Aktionen, die Umsetzung zu erkämpfen.
„Wir trommeln für die Pflege“, ein Projekt der Caritas, das für die Stärkung der Selbstverwaltung eintritt.
„Das „Manifest der Pflege – Mut zu Aktionen“ – eine Initiative der gleichnamigen Gruppe auf LinkedIn, die mit Aktionen in der Öffentlichkeit den Wert der Pflege bewusst macht und damit ihre Stärkung zum Ziel hat.
Der Deutsche Berufsverband für Pflege initiierte das Projekt zur Förderung der Berufspolitik in der Ausbildung.
Mit diesen wenigen Beispielen wird deutlich, Pflege geht in eine neue aktive Phase der Selbstermächtigung, sie erfährt Selbstwirksamkeit und stärkt dadurch ihre Entwicklung zur Profession, in der sie für sich selbst und für andere würdevoll sorgen kann. Damit verbunden ist ein Wandeln vom dienenden zum bewussten Berufsverständnis.
Dieser Prozess ist noch nicht zu ende, Pflegefachpersonen sind wach und weiterhin zielstrebig, sie:
Fazit
Pflege darf dienen – jedoch nicht mehr unbewusst aus historischer Tradition, sondern aus einem bewussten Berufsethos, das ihre besondere Rolle im Gesundheitswesen begründet.
Olbrich, C. (2025). Als wir nur tüchtige Mädchen waren. Wie wir die Seele der Pflege verstehen. Münster: Wermeling.
Olbrich, C. (2023). Pflegekompetenz. 4. Aufl., Bern: Hogrefe.
Prof. Dr. Christa Olbrich,
ist Krankenschwester und hat 50 Jahre in der Pflegepraxis und Pflegebildung gearbeitet. Als Professorin und Dekanin an der KH Mainz hat sie sich für Professionalisierung und Akademisierung der Pflege eingesetzt. Sie ist heute als Autorin, Referentin auf Fachkongressen und aus dem Fernsehen bekannt.
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