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Martina Kuttig
Community (Health) Nursing in Österreich: Vom Pilotprojekt zur nachhaltigen Versorgung – aber wie?

Community (Health) Nursing ist in Österreich nach Abschluss der Pilotphase gesetzlich verankert, die konkrete Ausgestaltung liegt jedoch bei den Bundesländern. Der Beitrag diskutiert Voraussetzungen für eine nachhaltige Etablierung: ein klares Rollenprofil und die Abgrenzung zu mobilen Pflege- und Betreuungsdiensten ebenso wie die Verbindung individueller und populationsbezogener Arbeit. Zudem wird der Frage nachgegangen, welche Berufserfahrung und Qualifikation dieses Tätigkeitsfeld erfordert.

Von Beginn an mehr als Beratung

Community (Health) Nursing war in Österreich von Beginn an breiter angelegt als eine zusätzliche Beratungs- oder Koordinationsstelle. Bereits die Sonderrichtlinie aus dem Jahr 2021 weist Aufgaben in den Bereichen Monitoring und Erhebung, Information, Beratung und Edukation, Pflegeintervention, Koordination und Vernetzung sowie Fürsprache und Interessensvertretung zu. Hervorgehoben werden auch die Gemeindeorientierung und das Ziel eines bundesweit einheitlichen Verständnisses (BMSGPK, 2021).

Gerade an diesem Anspruch sollte sich die weitere Entwicklung messen lassen. Die Stärke von Community (Health) Nursing liegt aus meiner Sicht nicht darin, bestehende Angebote unter einer neuen Bezeichnung fortzuführen. Sein Potenzial entsteht dort, wo die Arbeit mit Einzelpersonen und Familien mit Gesundheitsförderung, Prävention und einem systematischen Blick auf die gesundheitlichen Bedarfe einer Community verbunden wird. Auch international umfasst das Tätigkeitsfeld neben Beratung und Edukation populationsbezogene, koordinierende, interprofessionelle und systembezogene Aufgaben (Iversen et al., 2023).

Vor dem Hintergrund etablierter mobiler Pflege- und Betreuungsdienste ist daher eine klare Profilierung erforderlich. Beide Angebote sind im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen tätig und können sich in Beratung, Bedarfserhebung und Koordination überschneiden. Der spezifische Beitrag von Community (Health) Nursing sollte nicht primär in einer zusätzlichen individuellen Versorgungsleistung liegen, sondern in der Verbindung der Arbeit mit Einzelpersonen und Familien mit Gesundheitsförderung und Prävention, populationsbezogener Bedarfserhebung und der Entwicklung gesundheitsfördernder Strukturen in der Community.

Die Community darf nicht aus Community (Health) Nursing verschwinden

Scheydt und Hegedüs unterscheiden zwischen Community-based Nursing und Public/Community Health Nursing. Während Community-based Nursing vor allem die Versorgung von Einzelpersonen und Familien in ihrem Lebensumfeld fokussiert, erweitert Public/Community Health Nursing die Perspektive auf Bevölkerungsgruppen, Communities und die Systemebene (Scheydt & Hegedüs, 2023).

Diese Unterscheidung ist für Österreich wesentlich. Die Beratung und Begleitung einzelner Menschen sowie ihrer An- und Zugehörigen ist ein wichtiger Teil der Tätigkeit. Community (Health) Nursing sollte darin jedoch nicht aufgehen. Wiederholt sichtbare soziale Isolation, Überforderung pflegender An- und Zugehöriger oder Versorgungslücken können beispielsweise auf strukturelle Bedarfe einer Gemeinde oder Region hinweisen.

Eine populationsbezogene Perspektive fragt daher zusätzlich, welche Bevölkerungsgruppen mit bestehenden Angeboten nicht erreicht werden, welche gesundheitlichen Problemlagen gehäuft auftreten und welche präventiven oder gesundheitsfördernden Maßnahmen daraus abzuleiten sind.

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Vernetzung bedeutet mehr als Weitervermittlung

Auch Vernetzung sollte sich nicht darauf beschränken, Personen an bestehende Angebote weiterzuvermitteln. Community (Health) Nursing kann Akteur*innen miteinander verbinden, gemeinsame Problemlagen sichtbar machen und die Entwicklung lokaler Strukturen unterstützen.

Watanabe et al. zeigen am Beispiel der Zusammenarbeit von Public Health Nurses und allgemeinmedizinisch tätigen Personen, wie dadurch neue Perspektiven auf eine Community entstehen können. Die Beteiligten verstanden sich als unterstützende Akteurinnen und Katalysatorinnen für Veränderungen (Watanabe et al., 2023). Wenngleich die Ergebnisse der kleinen qualitativen Studie nicht verallgemeinerbar sind, verdeutlichen sie einen wichtigen Gedanken: Professionelle Unterstützung kann auch darin bestehen, vorhandene Ressourcen und Eigeninitiative einer Community zu stärken.

Ein anspruchsvolles Rollenprofil braucht eine entsprechende Qualifikation

Mit einem breiten Rollenprofil stellt sich die Frage nach der erforderlichen Qualifikation. Für die österreichische Pilotierung wurden neben der Berufsberechtigung im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege und der Registrierung im Gesundheitsberuferegister mindestens zwei Jahre Berufserfahrung in einem facheinschlägigen Bereich vorausgesetzt. Mindestens fünf Jahre Berufserfahrung, Kenntnisse der regionalen Versorgungslandschaft sowie eine Weiterqualifizierung mit systemischer Perspektive wurden als wünschenswert angeführt (GÖG, 2021).

Gerade diese zusätzlichen Empfehlungen sind angesichts des Aufgabenprofils bemerkenswert. Sie zeigen, dass bereits zu Beginn der Pilotierung Anforderungen gesehen wurden, die über die Mindestvoraussetzung hinausreichen. Die Verbindung einschlägiger Praxiserfahrung mit spezifischer Weiterqualifizierung erscheint aus meiner Sicht für ein weitgehend selbstständig ausgeübtes Tätigkeitsfeld wesentlich.

Warum die Dauer der Berufserfahrung allein nur begrenzt Auskunft über Handlungskompetenz gibt, lässt sich anhand des Kompetenzentwicklungsmodells von Patricia Benner verdeutlichen. Benner unterscheidet fünf Stufen: Novice, Advanced Beginner, Competent, Proficient und Expert. Kompetenz entwickelt sich dabei durch Erfahrungen mit konkreten und vergleichbaren Praxissituationen. Mit zunehmender Erfahrung werden komplexe Situationen ganzheitlicher wahrgenommen (Benner, 1984).

Für Community (Health) Nursing ist dieser Grundgedanke bedeutsam. Zwei Jahre facheinschlägige Berufserfahrung bedeuten nicht zwangsläufig, dass bereits Erfahrungen mit einer weitgehend selbstständigen, gemeindenahen und populationsorientierten Tätigkeit vorliegen.

Community (Health) Nursing erfordert die Einschätzung gesundheitlicher, pflegerischer und sozialer Faktoren, das Erkennen und Priorisieren von Risiken sowie Entscheidungen über weitere Interventionen. Hinzu kommen Kompetenzen in Gesundheitsförderung und Prävention, Beratung und Edukation, evidenzbasierter Entscheidungsfindung, interprofessioneller Kooperation, Case und Care Management, Community Assessment sowie populationsbezogener Planung und Evaluation. Bei einem stärker Public-Health-orientierten Rollenverständnis gewinnen auch Datenanalyse, Programmentwicklung, Leadership und gesundheitspolitische Interessenvertretung an Bedeutung (Scheydt & Hegedüs, 2023).

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob zwei Jahre Berufserfahrung grundsätzlich „zu wenig“ sind. Zu klären ist vielmehr, welche einschlägige Berufserfahrung und welche spezifische Aus- und Weiterbildung erforderlich sind, um die mit dieser Rolle verbundenen Kompetenzen sicherzustellen. Ein verbindliches Qualifikationsprofil erscheint dafür aussagekräftiger als eine primär zeitlich definierte Mindestanforderung.

Ein gemeinsames Profil – mit regionalem Gestaltungsspielraum

Auch strukturell entwickelt sich Community (Health) Nursing unterschiedlich. Kärnten überführte Projekte in die Pflegenahversorgung, Niederösterreich kündigte eine Vereinheitlichung des Aufgabenprofils und die Definition von Kernleistungen an; andere Bundesländer wählten andere Formen der Weiterführung (Eberle et al., 2024).

Regionale Unterschiede sind nicht grundsätzlich problematisch. Eine ländliche Gemeinde benötigt andere Lösungen als ein städtischer Raum. Problematisch wird Vielfalt dort, wo unklar wird, wofür Community (Health) Nursing fachlich steht. Konzeptuelle Klarheit gilt als wesentliche Voraussetzung für eine langfristige Etablierung (Scheydt & Hegedüs, 2023).

Für Österreich erscheint daher ein verbindlicher fachlicher Kern mit regionalem Gestaltungsspielraum sinnvoll. Die konkreten Schwerpunkte können sich am Bedarf einer Community orientieren, während Kernaufgaben, Kompetenzen und Qualitätsanforderungen österreichweit nachvollziehbar bleiben. Dazu gehört auch ein entsprechendes Qualifikationsprofil.

Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt jetzt

Community (Health) Nursing hat in Österreich eine gesetzliche Grundlage. Wenn daraus mehr als eine zusätzliche Beratungs- oder Koordinationsstelle werden soll, müssen Rollenprofil, Kompetenzen, Qualifikation und strukturelle Rahmenbedingungen zusammenpassen. Sein besonderes Potenzial liegt in der Verbindung individueller und familienbezogener Pflege mit Prävention, Gesundheitsförderung, populationsbezogener Bedarfserhebung und regionaler Vernetzung.

Die Zukunft von Community (Health) Nursing entscheidet sich deshalb nicht allein daran, ob einzelne Projekte weiterfinanziert werden. Sie entscheidet sich daran, ob aus den Erfahrungen der Pilotphase eine qualitätsgesicherte professionelle Rolle und tragfähige Versorgungsstrukturen entstehen – und ob die Community darin tatsächlich mehr ist als nur der Ort, an dem Pflege stattfindet.

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Literatur

Benner, P. (1984). From Novice to Expert: Excellence and Power in Clinical Nursing Practice. Menlo Park, CA: Addison-Wesley.

Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz [BMSGPK] (2021). Sonderrichtlinie für den österreichischen Aufbau- und Resilienzplan – Maßnahme Community Nursing. Wien.

Eberle, L., Edtmayer, A., Rappold, E. & Sackl, A. (2024). Weiterführung von Community Nursing 2025. Umsetzungsstrategien der Bundesländer. Gesundheit Österreich, Wien.

Gesundheit Österreich GmbH [GÖG] (2021). Fördercall Community Nursing. Wien: Gesundheit Österreich GmbH.

Iversen, L., Wolf-Ostermann, K. & Petersen-Ewert, C. (2023). Welche Aufgaben hat eine Community Health Nurse? Ein Scoping Review zu Tätigkeitsfeldern am Beispiel der Versorgung von chronisch Erkrankten. Prävention und Gesundheitsförderung, 18, 299–307.

Scheydt, S. & Hegedüs, A. (2023). Dimensionen und konzeptuelle Merkmale des Community Health Nursing. Eine narrative Literatursynthese. HBScience, 14, 9–18.

Watanabe, F., Kita, K., Kobayashi, N., Kuroiwa, M., Shimizu, Y., Sekijima, A., Yamashiro, S. & Son, D. (2023). What was happening in the collaboration between general practitioners and public health nurses in the community: A qualitative study. Journal of General and Family Medicine, 24, 288–293.

Zur Person

Martina Kuttig,

ist Pflegewissenschaftlerin und Studienleiterin des Bachelorstudiums Clinical and Community Health Nursing an der Universität für Weiterbildung Krems. Sie leitet den Fachbereich Pflegewissenschaft und ist stellvertretende Leiterin des Departments für Demenzforschung und Pflegewissenschaft.

martina.kuttig@donau-uni.ac.at

Kuttig, M.
(2026, September 15).
Community (Health) Nursing in Österreich: Vom Pilotprojekt zur nachhaltigen Versorgung – aber wie?
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/community-health-nursing-in-oesterreich-vom-pilotprojekt-zur-nachhaltigen-versorgung-aber-wie

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