Die Pflege steht doppelt im Zeichen des Alterns: Patientinnen und Patienten werden älter, und zugleich altern die Teams. Das bedeutet für Führungskräfte, die Versorgungsqualität und die Arbeitsfähigkeit gleichermaßen zukunftsfähig zu gestalten – in einer Kultur, die aktiv gegen Ageismus vorgeht.
Am Institut für Pflege- und Gesundheitswissenschaften der Medizinischen Universität Graz beschäftigen wir uns seit einigen Jahren mit den Themen der Einstellung zum Alter sowie der Einstellung zur Pflege von alten Menschen.
Als wissenschaftstheoretischer Hintergrund fungieren mehrere Theorien auch aus nicht pflegewissenschaftlichen Disziplinen, die an dieser Stelle nur aufgezählt werden. Aus der Sozialpsychologie sind dies die soziale Kategorisierung, die Theorie von Konflikten innerhalb von Gruppen, das stereotype Denken sowie Fishbein und Ajzen’s Theorie des vernünftigen Handelns. (Fishbein & Ajzen, 1975, 2010; Rhodes & Baron, 2019; Tajfel, 1978)
Der Begriff des Ageismus wurde erstmals 1969 von Robert Butler definiert und bezieht sich auf Vorurteile einer Altersgruppe gegenüber anderen Altersgruppen und beinhaltet das denken, fühlen und handeln gegenüber Menschen aufgrund ihres Alters (Butler, 1969). Eine aktuellere Definition gibt es von der WHO beschrieben 2021 im globalen Report zu Ageismus. Ageismus wird dort definiert als steretoypes denken, Vorurteile (fühlen) und Diskriminierung (handeln) gegenüber Menschen auf Grund ihres Alters (World Health Organization, 2021).
Im Gesundheitswesen spielt Ageismus eine besondere Rolle, weil sehr viele alte Menschen im Gesundheitswesen versorgt werden und weil Ageismus sowohl einen Einfluss auf die Gesundheitsergebnisse der Patientinnen und Patienten hat als auch auf die Arbeitszufriedenheit und den Verbleib im Beruf von älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern (Chang et al., 2020; Weber et al., 2019).
Über die letzten 5 Jahre wurde diese Thematik mittels unterschiedlicher Forschungsfragen von uns adressiert. 2021 wurden die Einstellungen von Pflege- Medizin- und Geisteswissenschaftsstudierenden gegenüber Menschen ≥80 erhoben. Gemessen wurden die Einstellungen mit der deutschen Version der Ageing Semantic Differential Skala (ASD-Skala). Die Skala misst mit 26 semantischen Begriffen (gegensätzliche Adjektivpaare) die Einstellungen zum Alter (Gluth et al., 2010) Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Einstellungen zwischen den Studierendengruppen unterschieden. Die positivsten Einstellungen hatten Studierende der Geisteswissenschaften, die negativsten Einstellungen zeigten Medizinistudent*innen. Zudem zeigte sich das jene Studierenden, die gute Gesprächskontakte, bei welchen sie persönlichen Dinge mit einem alten Menschen besprechen können, positivere Einstellungen zeigten. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass es sich um eine sehr kleine Stichprobe und um eine Querschnittsstudie handelt. (Schüttengruber et al., 2021). 2022 fand die nächste Erhebung zu den Einstellungen gegenüber dem Alter unter 1177 Pflegekräften in unterschiedlichsten Settings statt. Bei dieser Erhebung wurde auch gemessen, wie die Pflege von alten Menschen wahrgenommen wird. Als Messinstrument wurde die „Percpective on Caring for Older People Scale (PCOP Scale) heran gezogen. In dieser Studie zeigte sich, dass die befragten österreichischen Pflegekräfte neutrale bis positive Einstellungen haben, wie auch die Pflege von alten Menschen überwiegend als positiv gesehen wurde. Als mit den Einstellungen assoziierte Faktoren zeigten sich hier eine höhere Ausbildungsgrad und, wie bereits in der ersten Studie, ein guter persönlicher Kontakt mit einem alten Menschen (Lampersberger et al., 2023).
2024 konnten aus dieser Online-Befragung (N = 1179) 149 narrative Freitextbeiträge qualitativ analysiert werden. Drei Hauptthemen traten hervor: (1) Meinungen zu pflegebedürftigen Personen, (2) Reputation des Pflegeberufs, (3) Kritik an der aktuellen Pflegepraxis. Häufige Subthemen waren ein Idealbild professioneller Pflege und positive Haltungen, zugleich aber deutliche Hinweise auf Personalmangel, Zeitdruck und belastende Rahmenbedingungen als Attraktivitätshemmnisse (Lampersberger et al., 2024). Ebenfalls wurde 2024 ein Mapping Review mittels des Nurse Executive Capability Frameworks (NECF) erstellt (ACN, 2019). Es konnte gezeigt werden, dass ältere Pflegekräfte zwar geschätzt werden aber zugleich oft als weniger leistungsfähig gesehen werden. Hinsichtlich alter Bewohnerinnen und Bewohner in Langzeitpflegeeinrichtungen konnte gezeigt werden, dass es vielerorts an klaren Richtlinien und Programmen hinsichtlich Ageismus bzw. Altersfreundlichkeit fehlt (Schüttengruber et al., 2024). 2024 wurden erneut die Einstellungen von Pflegekräften, dieses Mal in der Langzeitpflege, erhoben. Die Fragestellung war, wie Einstellungen von Pflegenden in stationärer und mobiler Langzeitpflege ausgeprägt sind und welche Faktoren damit zusammenhängen. Gemessen wurde wieder mit der ASD und der PCOP Skala. Zusätzlich wurde bei dieser Erhebung die positiv/negativ Contact Scale eingesetzt, um zu erheben, ob der pflegerische Kontakt mit alten Menschen als positiv oder negativ empfunden wird. Pflegende in der Langzeitpflege zeigen neutrale bis positive Einstellungen gegenüber älteren Menschen und bewerten deren Pflege positiv. Pflegerischer Kontakt wurde größtenteils als positiv empfunden, was einen großen Einfluss auf die Alterseinstellungen von Pflegepersonen hatte (Lampersberger et al., 2024). 2025 wurde eine modifizierte Fokusgruppenstudie in der Langzeitpflege durchgeführt. In zwei Workshops mit Pflegenden wurden Stärken der geriatrischen Pflegepraxis und praxisnahe Prioritäten zur Stärkung der täglichen Praxis erarbeitet. Als Merkmale „kompetenter geriatrischer Pflege“ nannten Teilnehmende besonders häufig Empathie, Fachwissen, Zeit nehmen trotz Stress, Organisation/Struktur sowie Geduld und Erfahrung. Priorisierte Verbesserungsimpulse waren: Entbürokratisierung und gezielter Technologieeinsatz mit Training, um direkte Pflegezeit zu erhöhen; sowie stärkere Koordination zwischen Diensten und interprofessionelle Zusammenarbeit mit klarem Skill- und Grade-Mix (Lampersberger et al., 2025).
Aus diesen Ergebnissen lassen sich folgende Implikationen für die Pflegepraxis ableiten:
Eine altersfreundliche, diskriminierungsfreie Kultur soll in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen etabliert werden. Eine alternsgerechte Arbeits- und organisationsgestaltung mit einem Skill-/Grade-Mix sollte die Leistungsfähigkeit und Berufsattraktivität nachhaltig sichern. Ebenso sollen Fort- und Weiterbildung zur Versorgung von alten Menschen angeboten und zusammen mit Praxis und Bildungseinrichtungen gestaltet werden.
Nurse Executive Capability Framework (NECF), (2019). https://www.acn.edu.au/wp-content/uploads/Nurse-Executive-Capability-Framework.pdf
Butler, R. N. (1969). Age-ism: another form of bigotry. Gerontologist, 9(4), 243-246. https://doi.org/10.1093/geront/9.4_part_1.243
Chang, E. S., Kannoth, S., Levy, S., Wang, S. Y., Lee, J. E., & Levy, B. R. (2020). Global reach of ageism on older persons‘ health: A systematic review. PLoS One, 15(1), e0220857. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0220857
Fishbein, M., & Ajzen, I. (1975). Belief, attitude, intention, and behavior: An introduction to theory and research. Addison-Wesley.
Fishbein, M., & Ajzen, I. (2010). Predicting and Changing Behavior: The Reasoned Action Approach. Psychology Press. https://doi.org/10.4324/9780203838020
Gluth, S., Ebner, N. C., & Schmiedek, F. (2010). Attitudes toward younger and older adults: the German aging semantic differential. Int J Behav Dev, 34(2), 147-158. https://doi.org/https://doi.org/10.1177/0165025409350947
Lampersberger, L., Lohrmann, C., & Großschädl, F. (2024). Nurses’ perspectives on old age and caring for adults aged 80 years and older: a cross-sectional study in long-term care. BMC Nurs, 23(1), 850. https://doi.org/https://doi.org/10.1186/s12912-024-02503-w
Lampersberger, L. M., Pichler, E., Lohrmann, C., & Grossschädl, F. (2025). Austrian nurses‘ positive opinions on geriatric care and their ideas for tackling challenges in caring for the ageing population- a modified focus group study in long-term care. BMC NURSING, 24(1), Article 1139. https://doi.org/10.1186/s12912-025-03793-4
Lampersberger, L. M., Schuttengruber, G., Lohrmann, C., & Grossschadl, F. (2024). „The supreme discipline of Nursing“-A qualitative content analysis of nurses‘ opinions on caring for people eighty years of age and older. Heliyon,10(5), e26877. https://doi.org/10.1016/j.heliyon.2024.e26877
Lampersberger, L. M., Schüttengruber, G., Lohrmann, C., & Großschädl, F. (2023). Nurses‘ perspectives on caring for and attitudes towards adults aged eighty years and older. Scand J Caring Sci, 37(2), 458-471. https://doi.org/https://doi.org/10.1111/scs.13127
Rhodes, M., & Baron, A. (2019). The Development of Social Categorization. Annu Rev Dev Psychol, 1, 359-386. https://doi.org/10.1146/annurev-devpsych-121318-084824
Schüttengruber, G., Olsson, M. M., Holmberg, C., Großschädl, F., Hessman, E., Sjöblom, H., & Heckemann, B. (2024). Understanding ageism towards older nursing staff and service users: A systematic mapping review from the perspective of clinical leaders and healthcare managers. Geriatric Nursing, 58, 171-182. https://doi.org/https://doi.org/10.1016/j.gerinurse.2024.05.017
Schüttengruber, G., Stolz, E., Lohrmann, C., Kriebernegg, U., Halfens, R., & Großschädl, F. (2021). Attitudes towards older adults (80 years and older): A measurement with the ageing semantic differential – A cross-sectional study of Austrian students. Int J Older People Nurs, n/a(n/a), e12430. https://doi.org/https://doi.org/10.1111/opn.12430
Tajfel, H. (1978). The achievement of inter-group differentiation. In H. Tajfel (Ed.), Differentiation between social groups(pp. 77-100). Academic Press.
Weber, J., Angerer, P., & Müller, A. (2019). Individual consequences of age stereotypes on older workers. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52(3), 188-205. https://doi.org/10.1007/s00391-019-01506-6
World Health Organization. (2021). Global report on ageism. World Health Organization. Retrieved 21.02.2025 from https://www.who.int/publications/i/item/9789240016866
Gerhilde Schüttengruber
Nachdem Gerhilde Schüttengruber als Diplomierte Krankenpflegerin tätig war, führte sie ihr Weg nach dem Studienabschluss in Pflegewissenschaft als Lehrerin an die Krankenpflegeschule Graz. Seit 2015 ist sie am Institut für Pflegewissenschaft der Medizinischen Universität Graz als Senior Lecturer tätig, wo sie im Fach Pflegewissenschaft promovierte. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Pflegeabhängigkeit im hohen Alter und am Lebensende. Seit 2024 ist auch im Hospiz der Albert Schweizer Klinik tätig.
Franziska Großschädl Franziska
Lena Lampersberger
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