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Amelie Büchler, Sabine Münzenmay, Bettina Flaiz
Emotionale Selbstregulation von Pflegefachpersonen fördern
Das simulationsbasierte Planspiel Simply4Emotions als innovativer Bildungsansatz

Emotionale Belastungen von Pflegefachpersonen entstehen durch das Zusammenwirken struktureller, organisationaler und individueller Faktoren. Das Erasmus+-Projekt Simply4Emotions fördert mittels eines simulationsbasierten Planspiels die emotionale Selbstregulation in einem geschützten Lernraum. Durch erfahrungsbasiertes Lernen werden Selbstwirksamkeit, Teamkompetenz und reflexive Handlungskompetenz gestärkt.

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Emotionale Belastungen in der Pflege als multidimensionales Phänomen

Die psychischen Belastungen von Pflegefachpersonen sind seit Jahren Gegenstand internationaler Forschung. Konsistent zeigen die Befunde, dass emotionale Belastungen nicht auf einzelne Ursachen zurückgeführt werden können, sondern aus der Wechselwirkung struktureller, organisationaler und individueller Faktoren entstehen (Dall’Ora et al., 2020; Jun et al., 2021). Zu den wesentlichen strukturellen Einflussgrößen zählen Personalmangel, hohe Arbeitsverdichtung, zunehmende Komplexität pflegerischer Versorgung, eingeschränkte Autonomie sowie unzureichende materielle und personelle Ressourcen (Lake et al., 2019). Im Sinne des Job-Demands-Resources-Modells entstehen Belastungen insbesondere dann, wenn hohe Arbeitsanforderungen dauerhaft auf unzureichende Ressourcen treffen (Bakker & Demerouti, 2017). Individuelle Faktoren wie Resilienz, Selbstwirksamkeit, Bewältigungsstrategien und emotionale Selbstregulation beeinflussen dabei maßgeblich, wie berufliche Anforderungen wahrgenommen und verarbeitet werden (Yu et al., 2019). Die Konsequenzen dieser Belastungskonstellation sind umfassend dokumentiert. Pflegefachpersonen weisen international erhöhte Prävalenzen von Burnout, emotionaler Erschöpfung, Angststörungen und depressiven Symptomen auf (Jun et al., 2021; Shah et al., 2021). Darüber hinaus werden moralischer Stress und Compassion Fatigue zunehmend als relevante Belastungsphänomene beschrieben (Sinclair et al., 2017). Die Auswirkungen beschränken sich jedoch nicht auf die Gesundheit der Mitarbeitenden. Vielmehr besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung, Personalausstattung und Versorgungsqualität. Insbesondere das Phänomen der Missed Nursing Care verdeutlicht, dass emotionale und strukturelle Belastungen zu Verzögerungen oder zum Auslassen pflegerischer Interventionen führen können und somit die Patientensicherheit beeinträchtigen (Griffiths et al., 2018; Cartaxo et al., 2023). Vor diesem Hintergrund erscheint eine ausschließlich individuelle Betrachtung emotionaler Belastungen ebenso unzureichend wie eine rein organisationsbezogene Perspektive. Vielmehr erfordert die Komplexität des Phänomens integrierte Ansätze, welche sowohl strukturelle Rahmenbedingungen als auch personale Ressourcen berücksichtigen.

Emotionale Selbstregulation als professionelle Kernkompetenz

Aufgrund der skizzierten Ausgangslage die sich in zunehmenden psychosozialen Anforderungen konzentriert, gewinnt die Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation für Pflegefachpersonen an strategischer Bedeutung. Emotionale Selbstregulation beschreibt jene Prozesse, durch die Individuen beeinflussen, welche Emotionen sie erleben, wie diese bewertet werden und in welcher Form sie zum Ausdruck kommen (Gross, 2007). Im pflegerischen Handlungsfeld besitzt diese Kompetenz eine doppelte Funktion: Einerseits ermöglicht sie die Aufrechterhaltung professioneller Handlungsfähigkeit auch unter emotional belastenden Bedingungen. Andererseits stellt sie einen bedeutsamen Schutzfaktor für die psychische Gesundheit der Pflegenden dar. Studien zeigen, dass eine hohe Fähigkeit zur Emotionsregulation mit geringerer emotionaler Erschöpfung, höherer Resilienz und größerer beruflicher Zufriedenheit assoziiert ist (Delgado et al., 2017; Yu et al., 2019). Doch obwohl die Bedeutung unbestritten scheint, wird die Förderung emotionaler Kompetenzen in Aus-, Fort- und Weiterbildungsprogrammen bislang häufig nur randständig berücksichtigt. Während fachliche und technische Kompetenzen curricular umfassend in der Pflegeausbildung bzw. Studium verankert sind, finden Aspekte der Selbstfürsorge, Resilienzförderung und Emotionsregulation vergleichsweise wenig Berücksichtigung (Cleary et al., 2018). Gleichzeitig zeigen Ergebnisse der RN4CAST-Studien, dass belastende Arbeitsbedingungen und mangelnde Unterstützungserfahrungen wesentlich zur Berufsfluktuation beitragen (Aiken et al., 2014). Die Entwicklung emotionaler Kompetenzen sollte daher als integraler Bestandteil professioneller Pflegebildung verstanden werden.

Theoretische Fundierung von Simply4Emotions

Vor diesem Hintergrund wurde im Erasmus+-Projekt Simply4Emotions ein simulationsbasiertes Planspiel entwickelt, das die Entwicklung emotionaler Selbstregulation gezielt unterstützt. Die theoretische Konzeption basiert auf dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus und Folkman (1984) sowie dem Prozessmodell der Emotionsregulation von Gross (2007). Das transaktionale Stressmodell beschreibt Belastung als Ergebnis individueller Bewertungsprozesse. Stress entsteht demnach nicht durch objektive Ereignisse selbst, sondern durch deren subjektive Einschätzung sowie die Bewertung verfügbarer Bewältigungsressourcen (Lazarus & Folkman, 1984). Das Prozessmodell der Emotionsregulation ergänzt diese Perspektive, indem es verschiedene Ansatzpunkte beschreibt, an denen emotionale Reaktionen beeinflusst werden können, beispielsweise durch kognitive Neubewertung, Aufmerksamkeitslenkung oder Reaktionsmodulation (Gross, 2007).

Die theoretischen Konzepte werden im Planspiel nicht deklarativ vermittelt, sondern in erfahrungsorientierte Lernprozesse überführt. Dieser Ansatz folgt dem Konzept des Lernens als zyklischen Prozess bestehend aus Erfahrung, Reflexion, Konzeptbildung und Anwendung (Kolb, 2020).

Simulationsbasiertes Lernen als fehlertoleranter Erfahrungsraum

Ein zentrales Merkmal von Simply4Emotions ist die bewusste Gestaltung einer fehlertoleraten und sicheren Lernumgebung. Damit bestehende Rollenbilder, Hierarchien und organisationsspezifische Routinen reduziert werden, erfolgte die Wahl eines von der pflegerischen Praxis losgelöstem Szenario. Deshalb agieren die Teilnehmenden im Kontext einer Bergwanderung und werden mit Herausforderungen konfrontiert, die typische Belastungsdynamiken professioneller Zusammenarbeit widerspiegeln.

Die Spielmechanik erzeugt Situationen von Unsicherheit, Zeitdruck, Zielkonflikten und gruppendynamischen Spannungen. Dadurch entstehen Lerngelegenheiten, in denen emotionale Reaktionen wahrgenommen, reflektiert und aktiv bearbeitet werden können. Im Mittelpunkt steht nicht die Optimierung von Fachwissen, sondern die Entwicklung reflexiver und emotionaler Handlungsfähigkeiten, die zur Förderung der emotionalen Selbstregulationskompetenz beitragen. Didaktisch orientiert sich das Konzept am Prinzip des Graceful Failure. Fehler werden hierbei nicht als Defizite verstanden, sondern als notwendige Bestandteile des Lernprozesses, die ein risikofreies Experimentieren mit unterschiedlichen Handlungsstrategien ermöglichen (Whitton, 2018). Die Teilnehmenden erhalten die Möglichkeit, Konsequenzen ihres Handelns unmittelbar zu erleben und alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Deshalb hat auch das Debriefing eine besondere Bedeutung. Dieses gilt als zentraler Wirkmechanismus simulationsbasierter Lernarrangements, da es die Reflexion von Erfahrungen strukturiert und den Transfer in die berufliche Praxis unterstützt (Cheng et al., 2014; INACSL Standards Committee, 2021).

Organisationsbezogene Potenziale

Die Förderung der emotionalen Selbstregulationskompetenz ist nicht ausschließlich als individuelle Entwicklungsaufgabe zu verstehen. Vielmehr besitzt sie eine organisationale Dimension. Im Planspiel werden emotionale Herausforderungen als gemeinsame Teamaufgabe erfahrbar, wodurch neben der individuellen Selbstwirksamkeit ebenso kollektive Anteile der Selbstwirksamkeit gestärkt werden (Elms et al., 2023). Darüber hinaus eröffnet das Format einen Reflexionsraum für Themen, die im Arbeitsalltag häufig implizit bleiben. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit Belastungserfahrungen kann zur Entwicklung einer offenen Lern- und Fehlerkultur beitragen und damit gesundheitsförderliche Organisationsprozesse unterstützen. Gleichzeitig ist eine realistische Einordnung erforderlich. Simulationsbasierte Bildungsformate können einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung emotionaler Kompetenzen leisten, vermögen jedoch strukturelle Belastungsfaktoren nicht zu kompensieren. Nachhaltige Effekte sind insbesondere dann zu erwarten, wenn individuelle Kompetenzförderung mit Maßnahmen der Organisationsentwicklung kombiniert wird, beispielsweise durch angemessene Personalausstattung, gesundheitsförderliche Führung und institutionalisierte Reflexionsangebote (Lake et al., 2019; WHO, 2022).

Fazit

Emotionale Selbstregulation stellt eine zentrale professionelle Kompetenz dar, deren Bedeutung angesichts zunehmender psychosozialer Belastungen im Gesundheitswesen weiter zunimmt. Das im Erasmus+-Projekt Simply4Emotions entwickelte Planspiel bietet einen theoriegeleiteten Ansatz zur Förderung dieser Kompetenz. Durch die Verbindung von erfahrungsorientiertem Lernen, Reflexion und Teamarbeit entsteht ein Lernarrangement, das individuelle und kollektive Handlungskompetenzen gleichermaßen adressiert. Als Bestandteil umfassender Bildungs- und Organisationsentwicklungsstrategien kann das Konzept einen Beitrag zur Förderung psychischer Gesundheit, professioneller Handlungssicherheit und organisationaler Resilienz leisten.

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Literatur

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Bakker, A. B., & Demerouti, E. (2017). Job demands–resources theory: Taking stock and looking forward. Journal of Occupational Health Psychology, 22(3), 273–285.

Cartaxo, C. M. B., Mendes, I. A. C., Mazzo, A., & Venturi, K. K. (2023). Missed nursing care and patient safety: An integrative review. Journal of Nursing Management, 31(2), 1–12.

Cheng, A., Eppich, W., Grant, V., Sherbino, J., Zendejas, B., & Cook, D. A. (2014). Debriefing for technology-enhanced simulation: A systematic review and meta-analysis. Medical Education, 48(7), 657–666.

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Zur Person

Amelie Büchler, M.A. und Assessorin des Lehramts, ist seit 2020 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Stuttgart tätig. Als Spezialistin für didaktisches und pädagogisches Design arbeitet sie am Studienzentrum Gesundheitswissenschaften & Management. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung innovativer Lehr- und Lernformate, insbesondere der Erstellung von Lehrmaterialien in internationaler Zusammenarbeit (Erasmus+). In diesem Rahmen betreut sie das Projekt „Simply4Emotions“.

Sabine Münzenmay
verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Pflege mit Schwerpunkt
Gerontologie und Geriatrie. Sie vertiefte ihr Fachwissen mit einem Studium
der Pflegepädagogik (B.A.) und einem Master in Pflegewissenschaften. An der
Dualen Hochschule Stuttgart ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und
widmet sich der Lehre sowie der Begleitung zukünftiger Pflegefachkräfte.
 
Prof.in Dr. rer. cur. Bettina Flaiz, M.A., RN
ist seit 2019 Studiengangsleiterin Pflege B.Sc. und Professorin für Angewandte Gesundheitswissenschaften für Pflege, insbesondere Gerontologie und Geriatrie an der Fakultät Wirtschaft und Gesundheit, DHBW Stuttgart.
Büchler, A.
(2026, June 15).
Emotionale Selbstregulation von Pflegefachpersonen fördern
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/emotionale-selbstregulation-von-pflegefachpersonen-foerdern

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