Die Bedürfnisse von Young Carer werden oft übersehen und erst in Krisensituationen erkannt. Dies erschwert eine frühzeitige und präventive Unterstützung, wobei Pflegefachkräften eine Schlüsselrolle bei der Erkennung und Unterstützung dieser vulnerablen Gruppe zukommt. Die Analyse von 14 Studien zeigt, dass Pflegefachkräfte eine Reihe spezifischer Kompetenzen benötigen, um Young Carer effektiv identifizieren und unterstützen zu können.
In Österreich übernehmen mehr als 300.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig Pflegeaufgaben für Angehörige (eigene Berechnung) (ESS ERIC, 2015; Nagl-Cupal et al., 2012; Statistik Austria, 2022). Diese sogenannten Young Carer bilden eine weitgehend unsichtbare Gruppe, deren Bedürfnisse häufig erst in Krisensituationen erkannt werden (Kadi et al., 2023). Pflegefachkräfte können durch frühzeitige Identifikation und gezielte Unterstützung einen entscheidenden Beitrag zur Entlastung dieser jungen Menschen leisten. Dennoch mangelt es bislang an strukturierten Ausbildungsinhalten, die Pflegepersonen auf diese Aufgabe vorbereiten (Phelps, 2020).
Ziel der Arbeit war es, jene spezifischen Kompetenzen zu identifizieren, die Pflegefachkräfte benötigen, um Young Carer identifizieren und bedarfsgerecht unterstützen zu können, sowie herauszufinden, inwiefern diese Kompetenzen in der Grundausbildung abgebildet werden können. Dazu wurde ein systematisches Literaturreview durchgeführt. Die Analyse basiert auf 14 Studien, die sich mit Young Carer, pflegerischen Ausbildungsinhalten sowie der Rolle von Pflegefachpersonen in der Unterstützung betreuender Angehöriger befassen. Die Auswertung der Literatur ergab fünf zentrale Hauptkategorien.
Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse
Young Carer können sowohl physisch als auch emotional belastet sein. Sie wünschen sich wahrgenommen zu werden sowie eine verlässliche, wertschätzende und vertrauensvolle Beziehung zu Fachpersonen. Kinder und Jugendliche äußern den Wunsch einer respektvollen Einbindung, verlässlichen Ansprechpartner*innen im Gesundheitswesen sowie altersgerechter, wertschätzender Kommunikation. Young Carer berichten von Gefühlen der Unsichtbarkeit im Kontakt mit Fachpersonen. Pflegefachpersonen benötigen daher die Kompetenz, individuelle Belastungen wahrzunehmen, psychische sowie soziale Auswirkungen der Pflegetätigkeit einzuschätzen und eine empathische, vertrauensfördernde Gesprächsführung zu gestalten.
Bewusstsein
In diesem Kapitel wird das Wissen von Pflegefachpersonen über die Existenz und Lebensrealität von Young Carer thematisiert. Fachpersonen verfügen über wenig Wissen zu diesem Thema oder erkennen die pflegenden Tätigkeiten der betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht als solche an. Die Vertrautheit mit dem Begriff „Young Carer“ sowie das Erkennen der beruflichen Relevanz stellen zentrale Voraussetzungen für die Identifikation dar, was zurzeit nur vereinzelt gegeben ist. Diese geringe Sichtbarkeit spiegelt sich auch im europäischen Vergleich wider. Hier werden Young Carer in einigen Ländern systematisch erfasst und unterstützt, in anderen bleiben sie jedoch weitgehend unsichtbar. Als Barrieren der Identifikation und Unterstützung werden unter anderem hohe Arbeitsbelastung, Zeitmangel und fehlende institutionelle Strukturen genannt. Für Pflegefachpersonen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, ein Problembewusstsein zu entwickeln und auf Anzeichen informeller Pflege innerhalb der Familie gezielt zu achten.
Identifikation
Die Identifikation von Young Carer erfolgt häufig zufällig, eine gezielte und systematische Erfassung findet in der Regel nicht statt. Faktoren der erschwerten Identifikation sind, dass Young Carer häufig nicht als betreuende Angehörige erkannt werden und auch selbst oft nicht um Hilfe bitten. Dies erfordert eine gezielte Beobachtungsgabe, Kommunikationsinitiative sowie Erfahrung im Umgang mit dieser unsichtbaren Pflegeverantwortung. Die Vertrautheit mit Risikokonstellationen – wie chronische Erkrankung der Eltern, fehlende erwachsene Betreuungspersonen oder psychosozial instabile Familiensysteme – unterstützt die gezielte Einschätzung. Gleichzeitig muss die Identifikation ressourcenorientiert und nicht stigmatisierend erfolgen, damit vorhandene familiäre Selbsthilfepotenziale weiterhin gefördert werden können. Die Nutzung strukturierter Instrumente wie des CAT-YC (Carers‘ Alert Thermometer for Young Carers) (Kettell et al., 2021), kann dabei hilfreich sein.
Notwendige Kompetenzen
Die aus den Studien abgeleiteten notwendigen Kompetenzen lassen sich in vier zentrale Bereiche gliedern: (1) Pflegetätigkeiten und Wissensvermittlung, (2) Kommunikation, (3) Familie miteinbeziehen und (4) multiprofessionelle Zusammenarbeit. Zu den notwendigen pflegerischen Kompetenzen gehören kommunikative Fertigkeiten und eine systemische Familienbetrachtung. Die Haltung der Pflegefachperson, die auf Empowerment und partizipative Unterstützung abzielt, ist ebenfalls von Bedeutung. Zudem ist es wichtig, dass Pflegefachpersonen nicht nur über die Fähigkeit zur Wissensvermittlung verfügen, sondern auch in der Lage sind, die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen zu stärken und ihnen Handlungsspielräume aufzuzeigen. Darüber hinaus wird die Fähigkeit zur psychosozialen Einschätzung und zur Vermittlung an weiterführende Angebote wie Schulsozialarbeit oder psychologische Dienste als relevant beschrieben. In diesem Zusammenhang ist auch die Kenntnis über lokale Versorgungsstrukturen und rechtliche Rahmenbedingungen bedeutsam.
Strukturelle Anpassungen
Hinsichtlich der curricularen Verankerung ist es notwendig, die genannten Kompetenzen systematisch in der Grundausbildung zu verankern. Eine Grundlage bieten die 28 zentralen Kompetenzfelder (Bagnasco et al., 2022), welche für die familien- und gemeindeorientierte Pflege entwickelt wurden. Zudem kann auf das fünfphasige Lernmodell zur schrittweisen Kompetenzentwicklung im Studium – beginnend bei der Wahrnehmung der Familie als Teil des Pflegeprozesses bis zur eigenständigen Durchführung von Beratungsgesprächen – aufgebaut werden (Bagnasco et al., 2022; Frech et al., 2021; Justin et al., 2022; Longhini et al., 2024; Nap et al., 2020; Stevens et al., 2024). Auf struktureller Ebene besteht ebenfalls Handlungsbedarf. Es gibt zu wenig spezialisierte Anlaufstellen und Einrichtungen, klare Konzepte und nationale Strategien zur Unterstützung von Young Carer. Bestehende Angebote gelten als unzureichend, insbesondere für junge Erwachsene, und werden durch fehlende Richtlinien, mangelndes Verständnis sowie eingeschränkte Zugänglichkeit zusätzlich erschwert.
Die Ergebnisse der Arbeit verdeutlichen, dass Pflegefachkräfte eine zentrale Rolle bei der Identifikation und Unterstützung von Young Carer einnehmen können. Da diese Zielgruppe jedoch häufig weder von Fachpersonen noch von den Betroffenen selbst erkannt wird (Kadi et al., 2023; Nagl-Cupal et al., 2014; Phelps, 2020), bedarf es curricularer und struktureller Anpassungen. In Österreich übernehmen Pflegefachkräfte mit allgemeiner Grundqualifikation diese Aufgaben, weshalb eine systematische Verankerung der Kompetenzen in der generalistischen Pflegeausbildung – etwa in Modulen zu familienzentrierter Pflege, Gesprächsführung sowie im Umgang mit Assessmenttools – notwendig ist.
Da Familien die Offenlegung kindlicher Pflege aus Angst vor Stigmatisierung oft als sozial riskant erleben, ist ein sensibler Umgang der Fachpersonen essenziell. Ein wichtiger Ansatzpunkt liegt im schulischen Umfeld: School Nurses könnten Lehrkräfte sensibilisieren, Betroffene identifizieren und Hilfen vermitteln. Darüber hinaus sind ein allgemeines Bewusstsein in schulischen Strukturen, flexible Regelungen, Peer-Support, kürzere Wartezeiten in der psychischen Gesundheitsversorgung sowie eine stärkere Partizipation der Young Carer erforderlich (Stevens et al., 2024). Für eine multidisziplinäre und internationale Zusammenarbeit fehlt bislang jedoch eine verbindliche Definition durch WHO oder Europäische Kommission.
Abschließend bleibt festzuhalten: Young Carer sind eine vulnerable, weitgehend übersehene Zielgruppe. Pflegefachkräfte können wesentlich zu deren Entlastung beitragen, sofern sie in der Ausbildung darauf vorbereitet werden. Diese Arbeit beschreibt die hierfür erforderlichen Kompetenzen. Künftige Forschung, curriculare Entwicklungen und praxisorientierte Modellprojekte sind notwendig, um Young Carer systematisch und professionell im Gesundheitssystem zu unterstützen.
Carmen Breitenfellner,
schloss 2025 ihr Bachelorstudium für Gesundheits- und Krankenpflege an der Hochschule Campus Wien ab und arbeitet seither als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin auf der neurochirurgischen Intensivstation im Allgemeinen Krankenhaus Wien.
Theresa Bengough,
ist Sozialwissenschaftlerin und Public-Health-Expertin am Nationalen Zentrum Frühe Hilfen. Sie hat langjährige Erfahrung in qualitativer Forschung, systematischen Übersichtsarbeiten und der Umsetzung partizipativer Projekte. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind die Gesundheit von Schwangeren und Kindern, die Weiterentwicklung ressourcenorientierter Unterstützungsinterventionen für Schwangerschaft und frühe Kindheit sowie die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten.
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