Adrian (Name geändert) ist zwei Jahre alt, als er auf die Kinderintensivstation (PICU) kommt. Er wurde mit einem komplexen Fehlbildungssyndrom geboren und bereits mehrmals operiert. Dieses Mal wurde er akut respiratorisch insuffizient und im Rahmen eines Herzalarms auf die PICU geholt. Nach langer Intensivtherapie fiel die Entscheidung zur Tracheotomie und Adrian wurde mit einem Heimbeatmungsgerät entlassen. Während seines Intensivaufenthaltes wurden er und seine Familie – zusätzlich zum Stammpersonal – auch von einer Family Health Nurse betreut.
Der Aufenthalt eines Kindes auf der PICU ist für Familien eine hochbelastende Ausnahmesituation. Auf der PICU im Universitätsklinikum AKH Wien gibt es jährlich rund 250 Patient:innen. Ein Großteil sind geplante postoperative Aufnahmen. Zusätzlich gibt es akute Aufnahmen von anderen Stationen. Kinder, die von der Rettung gebracht werden, sowie Reanimationen zählen ebenfalls dazu.
Angehörige von kritisch erkrankten Kindern erleben durch die Krankheitssituation eine erhebliche psychische Belastung. Studien zeigen, dass etwa ein Drittel der Angehörigen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung im Sinne des Post-Intensive-Care-Syndrom – Family (PICS-F) entwickeln können. Dieses Syndrom geht mit depressiven Episoden, Angststörungen oder posttraumatischer Belastung einher (Shirasaki et al., 2024; Naef et al., 2022).
Gleichzeitig stellen Familien eine wichtige Ressource für das Wohlbefinden und die Genesung dieser Kinder dar. Der Miteinbezug von Angehörigen ist ein wesentlicher Bestandteil intensivpflegerischer Versorgung auf der PICU. Aktuell gibt es bereits Angehörigentelefonate, Verlaufsgespräche oder Informationsbroschüren. Dennoch zeigt sich ein Bedarf an strukturierten und kontinuierlichen Unterstützungsangeboten zur gezielten Begleitung des Familiensystems im Verlauf des stationären Aufenthalts.
Die Family Health Nurse (FHN) ist dabei als innovativer Bestandteil familienzentrierter Pflege zu verstehen. Sie ist keine klassische Pflegekraft am Bett, sondern agiert als Koordinatorin, Kommunikatorin und psychosoziale Stütze. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt in der Kommunikation mit den Familien, um psychosoziale Bedürfnisse frühzeitig wahrzunehmen und diese im multiprofessionellen Team zur Sprache zu bringen.
Zielsetzung
Ziel dieses Projekts ist die evidenzbasierte Implementierung und Evaluation eines von einer FHN geleiteten Unterstützungsangebots für Familien auf der PICU am AKH Wien.
Fragestellungen
Die Untersuchung erfolgt als prospektive, nicht-randomisierte, kontrollierte Studie mit Vorher-Nachher-Messung mittels Fragebögen für Familien bzw. für das Team.
Verwendete Messinstrumente
SF-36 für Familien: standardisiertes Instrument zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, das krankheitsunabhängig eingesetzt werden kann (Ellert & Kurth, 2004).
ICE-FPSQ für Familien: standardisiertes Instrument zur Messung der wahrgenommen Unterstützung durch Pflegepersonen. Durch seine Anwendung lässt sich darstellen, in welchem Ausmaß sich Familien vom Gesundheitspersonal unterstützt gefühlt haben (Freudiger, Verweij & Naef, 2024).
MMD-HP für Teammitglieder: Das Instrument Measure of Moral Distress for Healthcare Professionals (MMD-HP) wurde entwickelt, um moralische Belastungen bei Fachkräften im Gesundheitswesen zu erfassen (Epstein et al., 2019).
Die theoretische Grundlage für die Tätigkeit der FHN basiert auf einem beziehungsorientieren, systemischen Ansatz. Eine FHN begreift Familie als zentrale Ressource im Krankheitsverlauf. Sie übernimmt hierbei eine zentrale Rolle als Advanced Practice Nurse, die familiensystemische Interventionen auf Basis evidenzbasierter Pflegetheorien durchführt. Die Rolle der FHN stützt sich dabei u.a. auf Theorien wie der Familienzentrierten Pflege (Wright & Leahey, 2013).
Aufgabenbereich FHN – zentrale Elemente
Die Unterstützung durch die FHN richtet sich an das Familiensystem, das heißt an den Kreis nahestehender Personen aus Sicht des Kindes. Das Familiensystem beinhaltet ebenso auch die Patient:innen. Durch die FHN werden Familien betreut, deren Kind an einer pränatal bekannten Zwerchfellhernie oder einem komplexen angeborenen Herzfehler erkrankt ist. Zusätzliche Einschlusskriterien sind: Familien, welche aufgrund ihrer Situation einen erhöhten Unterstützungsbedarf aufweisen, z.B. St. p. Reanimation oder eine andere kritische Situation.
Bei bereits pränatal bekanntem intensivpflichtigem Verlauf erfolgt der Erstkontakt mit der Familie noch vor der Geburt. Dies dient dem frühzeitigen Beziehungsaufbau, der Orientierung der Familie sowie der Vorbereitung auf die zu erwartende Behandlungssituation. Der Beziehungsaufbau mit dem Familiensystem bildet den Grundpfeiler.
Kontinuierliche Begleitung kritischer Behandlungsphasen
Die FHN begleitet die Familie engmaschig während relevanter Stationen des intensivmedizinischen Verlaufs, insbesondere bei Aufnahme, operativen Eingriffen sowie in akuten Krisensituationen.
Familiengespräche, psychosoziale Beratung und Nachsorge
Die FHN übernimmt die Planung und Durchführung familienzentrierter Gespräche, bietet psychosoziale Beratung an und steht den Familien auch nach Entlassung aus der pädiatrischen Intensivstation (bis maximal vier Wochen post-PICU) für Nachsorgekontakte zur Verfügung. Die Gespräche umfassen ein Familien-Erstgespräch (inkl. Familienassessment), Familiengespräche im Verlauf, ein Familiengespräch nach erfolgter Transferierung sowie ein Nachsorgegespräch.
Kommunikation im Behandlungsteam
Die FHN trägt durch kontinuierlichen Austausch zur Weitergabe relevanter Familieninformationen innerhalb des multiprofessionellen Teams bei und unterstützt die Verständlichkeit sowie den Transfer komplexer Sachverhalte in beide Richtungen.
Epstein, E.G., Whitehead, P.B., Prompahakul, Ch., Thacker, L.R., & Hamric, A.B. (2019). Enhancing Understanding of Moral Distress: The Measure of Moral Distress for Health Care Professionals. AJOB Empirical Bioethics, 10 (2), 113-124.
Freudiger, K., Verweij, L., & Naef, R. (2024). Translation and Psychometric Validation of the German Version of the Iceland–Family Perceived Support Questionnaire (ICE-FPSQ): A Cross-Sectional Study. Journal of Family Nursing, 30 (2), 114-126.
Naef, R., Filipovic, M., Jeitziner, M.M., von Felten, S., Safford, J., Riguzzi, M., & Rufer, M. (2022). A multicomponent family support intervention in intensive care units: Study protocol for a multicenter cluster-randomized trial (FICUS Trial). Trials 23 (1), 1-20.
Shirasaki, K., Hifumi, T., Nakanishi, N., Nosaka, N., Miyamoto, K., Komachi, M.H., Haruna, J., Inoue, S., & Otani, N. (2024). Postintensive care syndrome family: A comprehensive review. Acute Medicine & Surgery, 11 (1), 1-12.
Wright, L.M., & Leahey, M. (2013). Familienzentrierte Pflege: Lehrbuch für Familien-Assessment und Intervention. Huber.
Ellert, U., & Kurth, B.-M. (2004). Methodische Betrachtungen zu den Summenscores des SF-36 anhand der erwachsenen bundesdeutschen Bevölkerung. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 11 (47), 1027-1032.
DGKP, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am AKH Wien, Lektor, Trainer für Kinderreanimation, Leiter von Kinder-Erste-Hilfe-Kursen.
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