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Claudia Leoni-Scheiber
Sterben musst du sowieso, schneller geht's mit fehlender Krankenpflege

Fehlen diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) in den Krankenhäusern, müssen mehr Patient*innen von einer Pflegefachperson gepflegt werden. In der letzten Ausgabe des Standards im alten Jahr konnte das aus einer der Schlagzeilen entnommen werden: „Hilferufe aus Wiener Spitälern“ (Krutzler, 2022/2023). Insgesamt waren 928 Spitalsbetten gesperrt, das sind mehr als jedes sechste Spitalsbett in Wien! Neben dem Personalmangel wurden auch notwendige Sanierungen als Ursachen dafür angeführt.

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Fakt ist, dass weniger verfügbare DGKP naturgemäß den Einsatz von mehr Assistenzpersonal erfordert. Aktuell sind die Hälfte aller im Gesundheitsberuferegister registrierten Pflegepersonen Pflegeassistent*innen, die über eine einjährige Vollzeitausbildung verfügen (Holzweber et al., 2022). Fehlen DGKP oder wird mehr direkte Pflegezeit für Spitalspatient*innen von Angehörigen der Pflegeassistenzberufe geleistet, so hat das drastische Folgen für die Patient*innen. Bereits vor fast zwanzig Jahren hat die Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations (2005) festgehalten, dass eine mangelnde Pflegepersonalausstattung (zu viele Patient*innen pro DGKP oder ein zu hoher Anteil an Assistenzberufen) die Sterblichkeit, Verletzungen oder einen dauerhaften Funktionsverlust der Patient*innen zu 24 % beeinflusst. Anders gesagt, ein Viertel aller unerwünschten Ereignisse, vom Sturzereignis über Gesundheitssystem-assoziierte Infektionen bis hin zum Tod im Krankenhaus geht auf fehlende DGKP zurück.

Eine multizentrische Studie in zwölf akutmedizinischen Abteilungen aus elf Spitälern im Nordosten Italiens, in welche knapp eineinhalb Tausend Patient*innen aufgenommen wurden, hat gezeigt, dass von den einhundert während des Krankenhausaufenthalts Verstorbenen mehr als ein Drittel (37%) am Wochenende verstarb (Palese et al., 2020). Die Wahrscheinlichkeit am Wochenende zu sterben war mehr als sechsmal so hoch (RR 6,262; 95 %−KI [3,632; 10,794]), hochgerechnet auf diese Population der Spitalspatient*innen mind. ein dreieinhalbfaches bis max. knapp elffaches Risiko im Spital zu versterben. Jene Patient*innen, die während des Wochenendes weniger direkte Pflege(‑minuten) durch DGKP erhielten, hatten ein mehr als doppelt so hohes Mortalitätsrisiko (RR 2,236; 95 %−KI [1,270; 3,937]), hochgerechnet im Minimum um ein 27 % bis max. 390 % erhöhtes Risiko zu sterben, also bis zu einem viermal so hohen Risiko. Während diejenigen, die mehr direkte Pflege durch DGKP als durch Pflegehelfer*innen (PA) erhielten, hatten ein geringeres Sterberisiko (RR 0,940; 95%−KI [0,912; 0,969]). Auch Griffiths et al. (2017) haben in ihrem Evidence Brief eine um 11 % geringe Sterblichkeitsrate bei medizinischen Patient*innen dargelegt, wenn für durchschnittlich sechs oder weniger Patienten*innen eine DGKP zuständig war. An Stroke Units oder Abteilungen für Schlaganfall-Akutbehandlung starben um fast ein Drittel mehr, wenn eine DGKP für durchschnittlich 6,7 oder mehr Schlaganfallpatient*innen an Wochentagen verantwortlich war im Vergleich zu solchen Abteilungen mit durchschnittlich 3,3 oder weniger pro DGKP. Der Unterschied zu den Wochenendtagen war noch größer.

Die Wahrscheinlichkeit, dass chirurgische Patienten*innen sterben, war in den Krankenhäusern mit mehr als zwölf Patienten*innen pro DGKP um 26 % erhöht im Vergleich zu den besten, in denen durchschnittlich 8,4 Patienten*innen oder weniger von einer DGKP gepflegt wurden (Griffiths et al., 2017). Ein Erklärungsansatz ist Failure to Rescue, der Tod nach behandelbaren Komplikationen (Kings College of London, 2011). Für je mehr Patient*innen eine DGKP verantwortlich ist, desto seltener bekommt sie jede*n eizelne*n zu Gesicht. Das bedeutet, dass relevante Zeichen und Symptome nicht oder zu spät wahrgenommen werden und demnach weder im Zeitverlauf korrekt interpretiert werden können noch entsprechend gehandelt werden kann. So kann beispielsweise die fehlende oder verspätete Wahrnehmung von Blässe und Schweiß bei einer Patientin nach Strumektomie samt fehlender Vitalzeichenkontrolle rasch in einem hämorrhagischen Schock enden. Dieser wiederum zählt zu den häufigsten Ursachen der perioperativen Morbidität und Mortalität.

Eine mangelnde Pflegepersonalausstattung kostet nicht nur eine Vielzahl an Menschenleben, sondern belastet auch die Volkswirtschaft erheblich. McHugh et al. (2021) konnten anhand einer Untersuchung in Spitälern im australischen Bundesstaat Queensland zeigen, dass die eingesparten Kosten durch geringere Krankenhausaufenthaltsdauern und weniger Wiederaufnahmen mehr als doppelt so hoch waren als zusätzliches Personal für eine Ausstattung von 1:4 in der Früh- und Spätschicht (eine DGKP für max. vier Patient*innen) und 1:7 während der Nachtschicht. Nicht nur in Australien, auch in der Schweiz wurde bei über 1,2 Mio. Patient*innen in 135 Spitäler festgestellt, dass ein Anteil von DGKP unter 75 bis 80 % mit einem statistisch signifikant erhöhten Risiko an Delirien, Entgleisungen (diabetisch, kardial etc.), verlängerter Krankenhausaufenthaltsdauer und Mortalität im Zusammenhang steht. Zudem errechneten Kolleg*innen an der Universität Basel ein jährliches Einsparungspotential von CHF 333 Mio. und dass 243 Todesfälle pro Jahr verhindert werden könnten (Camenzind, 2020). Diese Erkenntnisse sind jedoch keineswegs neu. Needleman et al. haben bereits 2006 anhand einer groß angelegten Untersuchung in knapp 800 Spitälern über elf US-Bundesstaaten festgestellt, dass pro Jahr in den USA durch eine adäquate Pflegepersonalausstattung 70.000 Adverse Events (unerwünschte Ereignisse) und 4,1 Mio. Pflegetage verhinderbar wären und 6.754 Menschenleben gerettet werden könnten.

Schauen wir dieser Tatsache ins Auge! Für Österreichs Bürger*innen ist es deutlich gesünder, risikoärmer und kostengünstiger, wenn ihnen weniger Krankenhausbetten und diese wenigeren mit einer adäquaten Pflegepersonalausstattung zur Verfügung gestellt werden. Das bedeutet für Normalpflegestationen mindestens 70 % DGKP innerhalb der Pflegeteams und max. fünf bis sechs Patient*innen pro DGKP, so wie das unter anderen auch die italienische Gesellschaft für Pflegedienstleitungen und Management der Gesundheitsberufe/SIDMI empfiehlt (SIDMI, 2021).

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Literatur

Camenzind, M. (2020). Die Beweise liegen auf dem Tisch: Pflege spart Milliarden. Krankenpflege 09, 12-17.

Griffiths, P., Dall’Ora, C., & Ball, J. (2017). Nurse staffing levels, quality and outcomes of care in NHS hospital wards: what does the evidence say? Health Work Evidence Briefs, 1, University of Southampton.

Holzweber, L., Pilwarsch, J., Zach, M., Gruböck, A., Mathis-Edenhofer, S., & Wallner, A. (2022). Jahresbericht Gesundheitsberuferegister 2021. Gesundheit Österreich.

Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations (2005). Health care at the crossroads: strategies for addressing the evolving nursing crisis. www.jointcommission.org/assets/1/18/health_care_at_the_crossroads.pdf

King’s College London (2011): Policy+ Can we measure “failure to rescue”? Policy plus evidence, issues and opinions in healthcare 31. https://www.kcl.ac.uk/nursing/research/nnru/policy/Policy-Plus-Issues-by-Theme/Boundaries-regulation-competence/PolicyIssue31.pdf

Krutzler, D. (31.12.2022/1.1.2023). Hilferufe aus Wiener Spitälern. Der Standard Wochenende, S. 14.

McHugh, M., Aiken, L.H., Sloane, D., Windsor, C., Douglas, C., & Yates, P. (2021). Effects of nurse-to-patient ratio legislation on nurse staffing and patient mortality, readmissions, and length of stay: a prospective study in a panel of hospitals. Lancet, 397, 1905–13.

Needleman, J., Buerhaus, P.I., Stewart, M., Zelevinsky, K., & Mattke, S. (2006): Nurse staffing in hospitals: is there a business case for quality? Health Affairs, 25(1), 204-211.

Palese, A., Ambrosi, E., Guarnier, A., Barelli, P., Zambiasi, P., Allegrini, E., Bazoli, L., Casson, P., Marin, M., Padovan, M., Picogna, M., Taddia, P., Salmaso, D., Chiari, P., Frison, T., Marognolli, O., Canzan, F., Grassetti, L., & Saiana, L. (2020). Esiti dell’assistenza infermieristica in medicina: risultati di uno studio longitudinale multicentrico (studio ESAMED). Assistenza Infermieristica e Ricerca, 39, 35-46.

Società Italiana per la Direzione è il Management delle Professioni Infermieristiche (SIDMI) (Mai 2021). Raccomandazioni per la Determinazione dello “Staff” per L’assistenza Infermieristica. file:///C:/Users/20212144/Downloads/RACCOMANDAZIONI-STAFF-Professioni-Infermieristiche-MAGGIO-2021-SIDMI-rev-1.0.docx-DEF.pdf

Zur Person

Univ. Ass. Dr. Claudia Leoni-Scheiber, MMSc

Claudia Leoni-Scheiber ist Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin (Intensivpflege), Pflegepädagogin und Pflegewissenschaftlerin. Sie promoviert an der Universität Wien zum Effekt des Guided Clinical Reasoning, einer Schulungsintervention, auf die Einstellung und das Wissen diplomierter Pflegefachpersonen zum Advanced Nursing Process sowie auf die Qualität von Pflegediagnosen, -interventionen und Pflegeergebnissen. Aktuell ist sie an der Tiroler Privatuniversität UMIT-Tirol Koordinatorin am FH-Standort Reutte.

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