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Karin Wolf-Ostermann, Heinz Rothgang
The far side of the moon:
Wie informell Pflegende ihre Situation in der Corona-Pandemie schildern – Ergebnisse einer bundesdeutschen Querschnittbefragung

In der derzeitigen COVID-19-Pandemie haben informell Pflegenden mit ihren Belastungen bislang wenig Beachtung gefunden, obwohl insbesondere die Quarantänemaßnahmen negative psychische und gesundheitliche Folgen für die Betroffenen haben (Eggert et al. 2020). Um die Situation der informell Pflegenden in Deutschland besser erfassen zu können, wurde in einer deutschlandweiten Online-Befragung die Lebens- und Versorgungssituation von informell Pflegenden während der Pandemie erhoben und analysiert.

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Methodik

Hierzu wurde der Link zu einem im Rahmen dieser Studie entwickelten Online-Fragebogen an eine Gelegenheitsstichprobe aus 24.500 Personen im erwerbsfähigen Alter (≤ 67 Jahre) versandt. Für die Auswertung standen Befragungsdaten von N = 1.296 Personen zur Verfügung. Die Studie wurde als Querschnittstudie durchgeführt.

Ergebnisse

Nachfolgend werden einige ausgewählte Ergebnisse der Studie berichtet werden. Für weitere Ergebnisse sowie für eine ausführlichere Darstellung der Daten und Methoden sowie eine Stichprobenbeschreibung sei auf Rothgang & Wolf-Ostermann et al. (2020b) verwiesen.
Nur ein sehr kleiner Teil (0,6%) der befragten informellen Pflegepersonen war selbst, labor-medizinisch bestätigt, von einer Infektion mit SARS-CoV-2 betroffen. Auch der Anteil der bestätigten infizierten pflegebedürftigen Personen ist mit 1,4% gering. Gleichwohl geben 36% (n=431) der Befragten an, sich „sehr“ vor einer Infektion zu sorgen, und 49% (n=588) sorgen sich „etwas“. Das Fehlen von Schutzmaterialien und Desinfektionsmitteln war vor allem zu Beginn der Pandemie ein großes Problem. 22,1% (persönliche Schutzausrüstung) bzw. 17,7% (Haut-, Hände- oder Wunddesinfektionsmittel ebenso wie Flächendesinfektionsmittel) der Befragten gaben an, mindestens 1-2 Mal wöchentlich einen diesbezüglichen Mangel erlebt zu haben. Wie auch in der professionellen häuslichen Pflege (Wolf-Ostermann & Rothgang et al. 2020), hat sich die Situation im Zeitverlauf deutlich verbessert. Dennoch ist der Anteil von knapp einem Sechstel der Pflegepersonen, die das Fehlen von Schutzmaterialien zum Zeitpunkt der Umfrage immer noch beklagen, hoch.
Knapp die Hälfte (n=609) der befragten Pflegepersonen ist erwerbstätig. 71% (n=413) dieser Befragten gaben an, in Hinblick auf diese Vereinbarkeitsproblematik seit dem Beginn der Coronavirus-Pandemie mehr Probleme zu haben. Für 59% (n=722) der befragten informellen Pflegepersonen hat sich auch eine Veränderung der Versorgungssituation ergeben. Stark rückläufige Inanspruchnahmen zeigen sich insbesondere bei der Verhinderungspflege, der Beratung durch Pflegedienste, der häuslichen Besuchsdienste und der Betreuungsgruppen. Die Ursache für den Rückgang der Nutzung lassen sich sowohl darauf zurückführen, dass der Dienstleister das Angebot aufgrund der Coronavirus-Pandemie nicht mehr anbietet, als auch darauf, dass die Pflegehaushalte das Angebot wegen der Coronavirus-Pandemie nicht mehr in Anspruch nehmen. Eine rückläufige Nutzung professioneller Pflegedienste erhöht – ceteris paribus – den Bedarf an informeller Pflege. Dem entsprechend gibt mehr als die Hälfte (57%, n=671) der Befragten an, dass sich der tägliche Zeitaufwand für die Pflege in der Coronavirus-Pandemie erhöht hat.

Schon unter „normalen“ gesellschaftlichen Bedingungen, weisen pflegende Angehörige einen schlechteren gesundheitlichen Zustand als Gleichaltrige ohne Pflegetätigkeit auf und niedrigere Werte bei der selbst eingeschätzten Lebensqualität und der gesellschaftlichen Teilhabe (Rothgang & Müller, 2018). Für 11% der pflegenden Angehörigen hat sich der Gesundheitszustand während der Coronavirus-Pandemie „erheblich“ und für weitere 41% „etwas“ verschlechtert (Abbildung 1). Das hohe Maße der Veränderung in kurzer Zeit spricht dafür, dass die pandemiebedingten Veränderungen der Lebensumstände hierfür ursächlich sind.

Das subjektive Belastungsempfinden wurde mit dem COPE Instrument (McKee et al., 2003) erhoben – die einzelnen Items werden hierbei auf einer Skala von 4 (immer), 3 (meistens), 2 (manchmal) und 1 (nie) eingeschätzt. Die Pflegebelastung hat allgemein über alle Dimensionen hinweg im Mittel zugenommen. Besonders auffällige negative Entwicklungen zeigen sich hier vor allem hinsichtlich der allgemeinen Anstrengung (von 2,1 auf 2,4), negativer Auswirkungen auf das Verhältnis zu Freunden (von 2,0 auf 2,3) sowie dem Empfinden, sich in der Rolle als Pflegende*r gefangen zu fühlen (von 2,2 auf 2,6). Die Gesamtbelastung erhöht sich im Durchschnitt von 13,9 auf 15,7.
Etwa zwei Drittel der Befragten geben an, gut über die Coronavirus-Pandemie informiert zu sein, während sich nur 9% nicht gut informiert fühlen (Abbildung 2, mittlere Säule). In ihrer Rolle als pflegende Angehörige fühlt sich allerdings nur knapp ein Fünftel der Befragten (19%) bei den Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie angemessen berücksichtigt (Abbildung 2, rechte Säule).

Schlussfolgerungen

Als Konsequenz aus den Ergebnissen sind Politik und Gesellschaft aufgefordert, die Leistungen, die von informell Pflegenden während der Coronavirus-Pandemie erbracht werden und die Belastungen, denen diese ausgesetzt sind, wahrzunehmen, explizit anzuerkennen und durch geeignete Maßnahmen zu mildern. Hierzu gehört die kontinuierliche – auch aktuell schon vorhandene und empfundene – Wertschätzung der informell Pflegenden, durch die die Pflegetätigkeit als lohnende Aufgabe markiert wird. Darüber hinaus ist es vor allem erforderlich, die durchwegs als schwierig und negativ bewerteten Pflegesituationen zu stabilisieren und die informell Pflegenden zu entlasten. Dies betrifft insbesondere auch eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Berufstätigkeit.

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Fußnoten

  1. Studienteam: Prof. Dr. Heinz Rothgang, Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann, Dominik Domhoff, Franziska Heinze, Prof. Dr. Moritz Heß, Thomas Kalwitzki, Dr. Katrin Ratz, Annika Schmidt, Kathrin Seibert, Prof. Dr. Claudia Stolle, Henrik Wiegelmann

Literatur

Eggert S, Teubner C, Budnick A, Gellert P, Kuhlmey A (2020): Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung. Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) (HRSG.). https://www.zqp.de/wp-content/uploads/ZQP-Analyse-AngehörigeCOVID19.pdf. [26.02.2021]

Rothgang H, Müller R (2018) BARMER Pflegereport 2018. Schriftenreihe zur Gesund-heitsanalyse, Band 12. Berlin. https://www.barmer.de/blob/170372/9186b971babc3f80267fc329d65f8e5e/data/dl-pflegereport-komplett.pdf. [26.02.2021]

Rothgang H, Müller R, Preuß B (2020): BARMER Pflegereport 2020. Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 26. https://www.barmer.de/blob/270028/6b0313d72f48b2bf136d92113ee56374/data/barmer-pflegereport-2020-komplett.pdf [29.2.2021].

Rothgang H, Wolf-Ostermann K, Domhoff D, Friedrich AC, Heinze F, Preuss B, Schmidt A, Seibert K, Stolle C (2020a): Care Homes and Covid-19: Results of an Online Survey in Germany. https://ltccovid.org/2020/07/16/care-homes-and-covid-19-results-of-an-online-survey-in-germany/. [26.02.2021]

Rothgang H, Wolf-Ostermann K, Domhoff D, Heinze F, Heß M, Kalwitzki T, Ratz K, Schmidt A, Seibert K, Stolle C, Wiegelmann H (2020b): Zur Situation der häuslichen Pflege in Deutschland während der Corona-Pandemie. Ergebnisse einer Online-Befragung von informellen Pflegepersonen im erwerbsfähigen Alter – Schnellbericht. https://www.socium.uni-bremen.de/uploads/Schnellbericht_Befragung_pflegender_Angehoriger_-_print.pdf

Wolf-Ostermann K, Rothgang H, et al. (2020): Zur Situation der Langzeitpflege in Deutsch-land während der Corona-Pandemie. Ergebnisse einer Online-Befragung in Einrichtungen der (teil)stationären und ambulanten Langzeitpflege. https://www.socium.uni-bremen.de/uploads/Ergebnisbericht_Coronabefragung_Uni-Bremen_24062020.pdf. [26.02.2021]

Zur Person

Prof. Dr. Heinz Rothgang1,3 & Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann2,3 & für das Studienteam (1),21
1 Universität Bremen, SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, 28359 Bremen, Deutschland
2 Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP), 28359 Bremen, Deutschland
3 Universität Bremen, Wissenschaftsschwerpunkt Gesundheitswissenschaften, 28359 Bremen, Deutschland

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