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Claudia Leoni-Scheiber
Wenn die Politik die falschen Entscheidungen trifft - Etablierung neuer Pflegeassistenzberufe
CLS - Couragiert, ohne Limit, Seriös

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Aktuell fehlen bekanntermaßen unzählige diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP). Nicht zuletzt deshalb, weil seit Mitte der 90er Jahre Pflegepersonal systematisch abgebaut wurde – Stichwort größter Kostenfaktor. Gehobenes Pflegemanagement wurde nicht selten für jede eingesparte Stelle, dem Downsizing, monetär „belohnt“. Unter Downsizing wird die Reduktion von DGKP bei gleicher oder ähnlicher Leistungsfähigkeit oft in Kombination mit Rationalisierung oder Restrukturierung verstanden (Doyle, 2020). Nun wird versucht, fehlende DGKP durch die Etablierung neuer Helferrollen (Pflegefachassistenz, Pflegelehre) zu substituieren. Der Einsatz von Pflegeberufen mit verschiedenen Kompetenzbereichen führt jedoch zwangsläufig zu funktionellem Handeln, dem tayloristischen Prinzip. Gemeint ist nach Wagner (1982) die Aufspaltung eines Arbeitsprozesses in unterschiedlich anspruchsvolle Teilprozesse, jede*r Berufsgruppenangehörige soll entsprechend ihres*seines Kompetenzbereich*es (Weiss & Lust, 2021) eingesetzt werden. Das resultiert – insbesondere in kleineren Funktionseinheiten (z. B. Krankenhausstationen) – in einem hochgradigen arbeitsteiligen Handeln. Die Patientensicherheit wird maßgeblich beeinträchtigt, weil keine*r mehr die Übersicht über die*den einzelne*n Patient*in hat. Ein reales Beispiel soll das verdeutlichen: Ein langjähriger Hypertoniker wird aufgrund einer Herzerkrankung hospitalisiert. In der Früh wird der Praktikant mit der Messung der Vitalparameter bei allen Patient*innen der Station beauftragt. Er notiert die Werte auf einem Blatt Papier, da er keinen Zugang zur IT-gestützten Dokumentation hat. Danach teilt die DGKP, ohne die Vitalparameter oder andere Daten zu kennen, die ärztlich verordnete orale Medikation für alle Patient*innen aus. Der angesprochene Patient erhielt seit Jahren eine Dreifachkombination von Antihypertensiva, an diesem Morgen war er bereits vor Verabreichung der Medikamente hypoton. Nach der Medikamentenapplikation wurde er hämodynamisch instabil, die renale Minderperfusion führte zur akuten Niereninsuffizienz mit erforderlicher Hämodialyse. Quintessenz: Nicht die einzelne Pflegeperson ist „schuld“, sondern das tayloristische System der Funktionspflege hat zu dem unerwünschten Ereignis (Adverse Event) geführt.

Gut ausgebildete DGKP müssen damit zurechtkommen, dass sie in solchen Systemen die Patient*innen immer seltener und kürzer zu Gesicht bekommen und haben damit nicht die Möglichkeit, die Verantwortung für den Pflegeprozess zu übernehmen. Das führt unter anderem zu Failure to Rescue (Kings College of London, 2011), zu Todesfällen nach behandelbaren Komplikationen. Ursache dafür ist, dass Beobachtungen nicht gemacht, nicht dokumentiert werden, Frühsymptome/Verschlechterung nicht erkannt und demnach auch nicht kommuniziert werden. Eine Untersuchung in der Schweiz, in der 1,2 Millionen Patient*innen aus 135 Spitälern eingeschlossen wurden, hat ergeben, dass ein Anteil von DGKP unter 75 bis 80% auf Normalpflegestationen mit einem statistisch signifikant höheren Risiko von Adverse Events (Delirien, diabetische, kardiale Entgleisungen, Sturzereignisse etc.) im Zusammenhang steht. Mit einer adäquaten Pflegepersonalausstattung hingegen könnten jährlich CHF 333 Millionen gespart und 243 Todesfälle verhindert werden (Camenzind, 2020). Der Weltbund der Pflegenden, das International Council of Nurses (ICN), forderte bereits 2009 in seinem Positionspapier für evidenzbasierte sichere Personalausstattung, dass

  1. Pflegefachpersonal NICHT durch geringgradiger qualifizierte Beschäftigte ersetzt werden sollen und
  2. an nationale Berufsverbände und Regierungen gerichtet, dass die Schaffung neuer Helferrollen als Ersatz für Pflegefachpersonen zu beenden

Im Widerspruch dazu setzt Österreich bis heute auf die Etablierung von (neuen) Pflegeassistenzberufen. Den DGKP sind die Hände gebunden, die berufliche Unzufriedenheit nimmt zu und führt oft zum Berufsausstieg, weil die iatrogenen (organisational bedingten) Situationen menschlichen Leids nicht zu ertragen sind.

Abb. 1: Circulus vitiosus der Pflege (Leoni-Scheiber, 2020, S. 22)

Grafisch kann dieses Szenario wie folgt dargestellt werden: Weniger verfügbare DGKP führen zum Einsatz von einem höheren Anteil von Pflegeassistenzberufen. DGKP können die Verantwortung für den Pflegeprozess nicht mehr übernehmen und steigen gehäuft aus dem Beruf aus. Bereits vor der Covidpandemie, die diesen Flächenbrand beschleunigt hat, stieg gemäß einer schweizweiten Erhebung rund ein Drittel der unter 35-jährigen und fast die Hälfte der unter 50-jährigen DGKP aus dem Beruf aus (Lobsiger et al., 2016). Potenziert wird die Problematik durch die Pensionierung der Babyboomer und zahlenmäßig schwächere jüngere Generation. So fehlen lt. prognostischen Untersuchungen bis 2030 in Österreich (Rappold & Juraszovich, 2019) und der Schweiz (Blick.ch, 2021) rund 140.000, in Deutschland bis 2035 eine halbe Million Pflegepersonen (Radtke, 2022). Und weniger DGKP führen zur Etablierung von mehr Assistenzpersonal – der Teufelskreis oder Circulus vitiosus schließt sich.

Das „Loch“ an DGKP kann realistischerweise nur teilweise gestopft werden, daher braucht es mutige Strukturreformen. Unausweichlich ist der drastische Abbau von Spitalsbetten, die gesetzliche Regelung einer adäquaten Pflegepersonalausstattung (%ueller Mindestanteil an DGKP und maximale Patient*innenanzahl pro DGKP) sowie merkliche Investitionen in die wohnortnahe Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Es gilt auch in der österreichischen Gesundheitspolitik endlich faktenbasierte Entscheidungen zu treffen.

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Literatur

Blick.ch (1.11.2021). Blick misst einer Branche den Puls Patient Pflege. https://www.blick.ch/politik/blick-misst-einer-branche-den-puls-patient-pflege-id16950286.html

Camenzind, M. (2020). Die Beweise liegen auf dem Tisch: Pflege spart Milliarden. Krankenpflege 09, 12-17.

Doyle, Alison (2020): What Is Downsizing? Definition & Examples of Downsizing. https://www.thebalancecareers.com/what-happens-when-a-company-downsizes-2061972.

International Council of Nurses (2009). Positionspapier Evidenzbasierte sichere Pflegepersonalausstattung. Geneva – Switzerland: ICN.

King’s College London (2011): Policy+ Can we measure “failure to rescue”? Policy plus evidence, issues and opinions in healthcare 31. https://www.kcl.ac.uk/nursing/research/nnru/policy/Policy-Plus-Issues-by-Theme/Boundaries-regulation-competence/PolicyIssue31.pdf.

Leoni-Scheiber, C. (2020). Der Bedarf an Advanced Practice Nurses in Österreich. Eine Implikation des novellierten Skill- und Grademix der Pflegeberufe. In: K. Bauer (Hrsg.), Advanced Nursing Practice in Österreich Anforderungen und Möglichkeiten für eine Etablierung (S. 19-32). Facultas.

Lobsiger, M., Kägi, W., & Burla, L. (2016). Berufsaustritte von Gesundheitspersonal (Obsan Bulletin 7/2016). Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.

Radtke, R. (2022). Prognostizierter Bedarf an stationären und ambulanten Pflegekräften* in Deutschland bis zum Jahr 2035. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/172651/umfrage/bedarf-an-pflegekraeften-2025/

Rappold, E. & Juraszovich, B. (2019). Pflegepersonal-Bedarfsprognose für Österreich. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz.

Wagner, J. (Dezember 1982). Das Babbage-Prinzip. Wirtschaftswissenschaftliches Studium (WiSt), 11(12), 588–590.

Weiss, S., & Lust, A. (2021). Gesundheits- und Krankenpflegegesetz GuKG: Samt ausführlichen Erläuterungen (9., überarbeitete und aktualisierte Auflage). MANZ’sche Verlags- und Universitätsbuchhandlung.

Zur Person

Univ. Ass. Dr. Claudia Leoni-Scheiber, MMSc

Claudia Leoni-Scheiber ist Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin (Intensivpflege), Pflegepädagogin und Pflegewissenschaftlerin. Sie promoviert an der Universität Wien zum Effekt des Guided Clinical Reasoning, einer Schulungsintervention, auf die Einstellung und das Wissen diplomierter Pflegefachpersonen zum Advanced Nursing Process sowie auf die Qualität von Pflegediagnosen, -interventionen und Pflegeergebnissen. Aktuell ist sie an der Tiroler Privatuniversität UMIT-Tirol Koordinatorin am FH-Standort Reutte.

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