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Florian Kirschner
Vom Anspruch zum Alltag: Kompetenzentfaltung und Qualitätsansprüche vor dem Hintergrund der Arbeitsbedingungen in Gesundheits- und Krankenpflegeberufen

Im Rahmen einer AK-Wien-Studie wurden in 25 Interviews die Arbeitsrealitäten von Pflegekräften in Österreich analysiert. Es zeigt sich ein starkes professionelles Selbstverständnis mit Fokus auf personenzentrierte Versorgung, das durch Personalmangel, Zeitdruck und ökonomische Logiken eingeschränkt wird. Die Folgen zeigen sich in sinkender Versorgungsqualität, intrapersonellen Konflikten und reduzierter Arbeitszufriedenheit.

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Hintergrund

Vor dem Hintergrund demografischer Veränderungen (Statistik Austria 2025) steht der österreichische Gesundheits- und Pflegestandort vor richtungsweisenden Herausforderungen: Bis 2050 müssen rund 162.000 Pflegepersonen nach- oder neubesetzt werden (Juraszovich et al. 2023). Gleichzeitig ist das Berufsfeld durch hohen arbeitsbedingten Stress (Lincke et al. 2016), permanenten Zeitdruck, unzureichende Personalbesetzungen und zunehmender Arbeitsverdichtung gekennzeichnet (BMSGPK 2021; Oppenauer 2024). Dies wirkt sich nachweislich auf den Gesundheitszustand der Beschäftigten sowie auf die Versorgungsqualität aus (Cartaxo et al. 2022).

Zielsetzung und Methodik

Die Forschungsarbeit verfolgte das Ziel, die subjektiven Sinn- und Bedeutungsaspekte von Beschäftigten hinsichtlich ihrer Arbeitsbedingungen, ihrer Qualitätsansprüche und der Kompetenzentfaltung im Berufsalltag herauszuarbeiten. Der Fokus lag dabei auf den Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit. Zwischen Juni und September 2025 wurden 25 problemzentrierte, leitfadengestützte Interviews nach Witzel (2000) mit Berufsangehörigen aller drei Qualifikationsstufen durchgeführt. Das Sample umfasste Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren (Ø 38 Jahre), mit einer durchschnittlichen Berufserfahrung von 14 Jahren, die im Akut- und Langzeitpflegesetting tätig sind. Die zyklische Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring 2015), wobei 4.848 Codeausprägungen zu 3 Hauptkategorien und 11 Unterkategorien verdichtet wurden.

Berufliches Selbstverständnis und frühe Divergenz

Die Befragten begreifen den Pflegeberuf als weit mehr als eine funktionale Dienstleistung. Emotionale Einlassung, Beziehungsarbeit und die direkte Verbesserung der Lebensqualität von Patient*innen stellen zentrale Quellen beruflicher Sinnstiftung dar. Daraus entwickelt sich ein normativer Qualitätskompass, der als Maßgabe für das tägliche Handeln dient.

Bereits in der Ausbildung realisieren Berufseinsteiger*innen jedoch eine Kollision aus fachlichem Anspruch und realen Bedingungen: Fehlende Praxisanleitung, Arbeitsintensität und der Rückgriff auf Auszubildende bei Personalengpässen, machen Überforderung und Abstriche an fachlichen Standards zur frühen Normalität.

Strukturelle Belastungen: Ökonomisierung, Arbeitsverdichtung und Arbeitszeiten

Ein zentrales Thema ist die fortschreitende Ökonomisierung des Gesundheitssystems. Beschleunigte Patient*innendurchläufe, starre Zeitbudgets in der Langzeitpflege und steigende Versorgungskomplexität bei gleichzeitig schmelzenden Ressourcen prägen den Arbeitsalltag. Das Fehlen verbindlicher, wissenschaftlich erarbeiteter Personalschlüssel verstärkt dieses Strukturdefizit.

„Und ich habe für ein Gespräch zwei Minuten, für ein Orientierungsgespräch mit einem dementen Menschen. Ja, und das reicht auch im Krankenhaus nicht. Und das reicht eigentlich nirgends mehr.“ (#8_EB)

 Zur Bewältigung der Arbeitslast wurden in den letzten Jahren die Kompetenzbereiche von Assistenzberufen ausgeweitet. Der direkte Patient*innenkontakt für DGKP hat sich dadurch minimiert und den Pflegeprozess in eine Vielzahl von Arbeitsschritten zerlegt.

Auch die vorherrschenden Normalarbeitszeiten werden als sehr belastend erlebt. 12-Stundendienste führen trotz ihrer Attraktivität zu Konzentrationsbeeinträchtigungen, steigender Fehleranfälligkeit und nachhaltigen Erschöpfungszuständen. Als Reaktion reduzieren immer mehr Pflegekräfte ihr Stundenausmaß, mit negativen Konsequenzen für spätere Pensionsleistungen, besonders für Frauen, die 85 % der Berufsgruppe ausmachen (Pilwarsch et al. 2025).

Kompetenzaushandlung, Moral Distress und Missed Nursing Care

Eine weitere Rahmenbedingung findet sich in berufsrechtlichen Limitationen, wie dem Fehlen von Entscheidungskompetenzen bei Diagnostik und Therapie trotz Höherqualifikation. Dies erzeugt einen permanenten Antizipationsdruck: Pflegekräfte müssen situativ entscheiden, wann informelle Kompetenzüberschreitungen von anderen Berufsgruppen und dem Organisationsablauf erwartet oder sanktioniert werden.

Die vorherrschenden Rahmen- und Arbeitsbedingungen führen zu einer nachhaltigen Kollision aus beruflichem Anspruch und faktischen Handlungsmöglichkeiten. Dies führt bei den Beschäftigten zu einem inneren Konflikt, der in der Literatur als „Moral Distress“ (Monteverde 2013) bezeichnet wird.

Eine weitere Konsequenz findet sich im Phänomen des „Missed Nursing Care“ (Kalisch 2006).

„Aber zum Beispiel haben wir dementsprechend keine Mundpflege machen können […] die Lagerungen waren wahrscheinlich nicht so optimal, sage ich jetzt einmal und Essen eingeben, jetzt vielleicht nicht dreimal am Tag.“ (#6_EG)

Für die Befragten ist es kein Ausnahmefall, sondern die tägliche Normalität, dass pflegerische Handlungen den restriktiven Zeitbudgets zum Opfer fallen.

Arbeitszufriedenheit und langfristiger Berufsverbleib

Trotz belastender Bedingungen existieren stabilisierende Elemente. Die Arbeit mit Menschen, die erlebte Versorgungswirksamkeit sowie kollegiale Teamstrukturen binden die Beschäftigten. Jedoch werden diese positiven Facetten von strukturellen Belastungsfaktoren überlagert. Die langfristige Bindung ans Berufsfeld gelingt unter den beschriebenen Bedingungen kaum. Insbesondere für jüngere Generationen mit Hochschulabschluss zeigt sich eine erhöhte Bildungsmobilität bei sich wandelnden Ansprüchen an die Arbeitswelt.

Diskussion und Ausblick

Die Ergebnisse verdeutlichen ein strukturell bedingtes Spannungsfeld aus professionellen Ansprüchen und vorherrschenden Arbeits- und Rahmenbedingungen, das sich negativ auf Selbstverständnis, Versorgungsqualität und Arbeitszufriedenheit auswirkt. Arbeitszufriedenheit in der Pflege ist dabei stets als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus individuellen Motiven, professioneller Wertvorstellungen und struktureller Bedingungen zu verstehen. Der Handlungsbedarf ist klar: Es bedarf einer nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, adäquater Personalausstattung und einer Weiterentwicklung des Berufsrechts zur Erweiterung pflegerischer Handlungsspielräume. Langfristige Verbesserungen sind nur durch ein koordiniertes Zusammenspiel von Politik, Organisationen und Profession erreichbar.

Der gesamte Forschungsbericht findet sich unter: https://emedien.arbeiterkammer.at/viewer/image/AC17836370/

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Literatur

BMSGPK. 2021. Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen. Sonderauswertung des Österreichischen Arbeitsklima Index.Wien: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz.

Cartaxo, A., Eberl, I., Mayer, H. 2022. Die MISSCARE-Austria-Studie-Teil I. Häufigkeit von Missed Nursing Care und assoziierten Einflussfaktoren auf Allgemeinstationen in österreichischen Krankenhäusern. In: HBScience, 13(2), S. 30-42. https://doi.org/10.1007/s16024-022-00387-x

Juraszovich, B., Rappold, E., Gyimesi, M. 2023. Pflegepersonalprognose. Update bis 2050. Aktualisierung der Pflegepersonalbedarfsprognose 2030. Ergebnisbericht. Wien: Gesundheit Österreich.

Kalisch, Beatrice J. 2006. Missed Nursing Care. A Qualitative Study. In: Journal of Nursing Care Quality, 21(4), p. 306-313.

Lincke, H-J., Vomstein, M., Haug, A., Nübling, M. 2016. Stress in der Krankenpflege. Ergebnisse aus Befragungen mit COPSOQ. In: Public Health Forum, 24(2), S. 161-164. https://doi.org/10.1515/pubhef-2016-0049

Mayring, P. 2015. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12. überarbeitete Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Monteverde, S. 2013. Pflegeethik und die Sorge um den Zugang zu Pflege. In: Pflege, 26(4), S. 271-280. https://doi.org/10.1024/1012-5302/a000305

Oppenauer, M. 2024. Arbeitszeit und Arbeitszeitvorstellungen in der Sozialwirtschaft Österreich. Wien: Institut für empirische Sozialforschung. Online unter: gpa.at/content/dam/gpa/downloads/kollektivvertrag/gesundheit,-soziales,-kirchen/swö/2026/sozialwirtschaft_arbeitszeitumfrage_04092024.pdf (Abgerufen am: 29.04.2026).

Pilwarsch, J., Schichl-Zach, M., Gruböck, A., Mathis-Edenhofer, S., Wallner, A., Gyimesi, M., Czasný, I., Huber, J. 2025. Jahresbericht. Gesundheitsberuferegister 2024. Wien: Gesundheit Österreich.

Statistik Austria. 2025. Bevölkerungsprognose 2025. Online unter: Bevölkerungsprognosen für Österreich und die Bundesländer – STATISTIK AUSTRIA – Die Informationsmanager (Abgerufen am: 29.04.2026).

Witzel, A. 2000. Das problemzentrierte Interview. In: Forum Qualitative Sozialforschung, Vol. 1, No. 1, Art. 22. Online unter: View of The Problem-centered Interview | Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research (Abgerufen am: 29.04.2026).

Zur Person

Florian Kirschner, BA MA,

ist Referent in der Abteilung Arbeitnehmer:innenschutz und Gesundheitsberufe der Arbeiterkammer Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und Entwicklungsmöglichkeiten von Gesundheitsberufen. Er ist DGKP und absolvierte die Studiengänge Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Wien.

Kirschner, F.
(2026, June 15).
Vom Anspruch zum Alltag: Kompetenzentfaltung und Qualitätsansprüche vor dem Hintergrund der Arbeitsbedingungen in Gesundheits- und Krankenpflegeberufen
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/vom-anspruch-zum-alltag-kompetenzentfaltung-und-qualitaetsansprueche-vor-dem-hintergrund-der-arbeitsbedingungen-in-gesundheits-und-krankenpflegeberufen

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