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Martin Herberg
Humor in der Betreuung von Menschen mit Demenz
Teil 3: Auf dem Weg zu einem speziellen Humor-Standard

Humor spielt in der Betreuung demenziell erkrankter Menschen eine wichtige Rolle. Damit die Humor-Interventionen den gewünschten Erfolg haben, bedarf es allerdings großer Umsicht. Im dritten Teil meiner Beitragsserie geht es um die Frage, wie man, ausgehend von den Erfahrungen der Praxis, zu einem speziellen Humor-Standard gelangen kann. Ethik-Kodizes für den Humor-Einsatz in therapeutischen Kontexten gibt es zwar schon. Ein Humor-Standard speziell für die Begleitung demenziell veränderter Menschen hätte aber eine Reihe von Vorteilen. Er wäre konkreter als die existierenden Standards, und er wäre genau auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten.

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Humor ist aus der Arbeit mit demenziell veränderten Menschen nicht wegzudenken. Humor ist nicht nur ein Randphänomen oder eine Begleiterscheinung. In einem modernen, ressourcenorien-tierten Betreuungsansatz kommt Humor ein zentraler Stellenwert zu. „Das Herz wird nicht dement“, schreiben Baer und Schotte-Lange (2013). Zu den Bedürfnissen des Herzens gehört auch der Wunsch, mit anderen Menschen zu lachen und zu scherzen. Indem die Betreuungskräfte mit den Bewohner*innen in einen humorvollen Austausch eintreten, tragen sie diesem Bedürfnis Rechnung. Sie schaffen wertvolle Momente des Glücklichseins und des Heilseins.
So wichtig Humor für die Demenzbegleitung ist, so wenig lässt er sich standardisieren. Humor lebt von Spontaneität und Kreativität. Er impliziert die Fähigkeit, mit stets neuen Situationen und ganz unterschiedlichen Personen zurecht zu kommen. Dennoch ist es meines Erachtens sinnvoll, über die Formulierung von Humor-Standards, Regeln und Richtlinien nachzudenken. Dies nicht im Sinne von Standardlösungen oder Patentrezepten, die die Betreuenden bloß noch zu befolgen bräuchten. Ein Humor-Standard für die Demenzbegleitung kann sinnvollerweise nur eine Reflexionshilfe und eine Quelle für Anregungen sein. Die Arbeit an einem solchen Standard hätte aber den Vorteil, Diskussionsprozesse in Gang zu bringen und dem Thema Humor den Stellenwert zu geben, den es verdient.
Mit den Teilnehmenden eines meiner Kurse habe ich den folgenden Entwurf erarbeitet, bestehend aus zehn Leitlinien (es handelt sich dabei selbstverständlich nur um eine Variante von vielen denkbaren Varianten):

  1. Demenziell erkrankte Personen haben viel Humor. Bedingt durch die Krankheit verändert sich ihr Humor zwar. Er wird kindlich, albern und manchmal auch sozial rücksichtslos. Dennoch ist Humor eine wichtige salutogenetische Ressource. Erfahrene Betreuungskräfte suchen nach Möglichkeiten, sich auf den veränderten Humor der zu Betreuenden einzustellen. Sie nutzen dabei vor allem Formen eines einfachen, kindlichen, neckischen und albernen Humors.
  2. Menschen mit Demenz benötigen Eindeutigkeit. Ironie und „trockener“ Humor, bei dem man etwas lustig meint, es aber ernst vorträgt, sind daher mit Vorsicht zu betrachten. Die Betreuungskräfte sollten klare und deutliche Humor-Signale geben. Eine Strategie, die im normalen Alltag eher verpönt ist, nämlich: die eigenen Witze anzulachen, ist in der Demenzbetreuung oft gut und sinnvoll.
  3. Je mehr die Sprachfähigkeit abnimmt, desto wichtiger wird non-verbaler Humor. Die Betreuungskräfte sollten ausreichend Gelegenheit schaffen für Formen des humorvollen Austauschs, die auf einer nicht-sprachlichen Ebene erfolgen (etwa in Form von lustigen Gesten, lustigen Geräuschen, lustigen Ballspielen, etc.). Auch lustige Requisiten und Scherzartikel spielen hierbei eine wichtige Rolle.
  4. Menschen mit Demenz mögen Verballhornungen. Bekannte Gedichte, Lieder, Redensarten, Märchen etc. werden humorvoll abgewandelt und dadurch ins Lächerliche gezogen. Dies bereitet den Beteiligten meist großes Vergnügen. Allerdings sollte darauf geachtet werden, dass niemandes Gefühle verletzt werden. Die Verballhornung von Weihnachtsliedern oder beliebten Künstler*innen kann, wenn man den Bogen überspannt, als Sakrileg empfunden werden.
  5. Unbedingt zu vermeiden ist eine Dauerberieselung der Bewohner*innen mit Humor. Erfahrene Betreuungskräfte wissen, wann sie sich ein Lachen oder einen witzigen Spruch besser verkneifen sollten. Grundsätzlich ist Humor so einzusetzen, dass die zu Betreuenden zu eigenen hu-morvollen Einfällen animiert werden. Richtig angewendet, ist Humor ein wirksamer Kreativitätsförderer und ein Mittel der Aktivierung.
  6. Für demenziell veränderte Menschen ist Humor oft ein wichtiges Ventil, um Aggressionen abzureagieren. Die Betreuungskräfte sollten hierauf mit Verständnis reagieren. Schlagfertige Erwiderungen sollten, falls überhaupt, nur sehr behutsam eingesetzt werden. Manche Bewohner*innen legen es darauf an, sich mit den Betreuungskräften kleine Frotzeleien zu liefern. Im Prinzip gibt es keinen Grund, warum man sich nicht darauf einlassen sollten. Allerdings sollte die Haltung der Betreuungskräfte auch beim Frotzeln stets eine beschützende sein.
  7. Anders als bei Humor im normalen Alltag, kommen Wiederholungen in der Begleitung demenziell erkrankter Menschen meist gut an. Einen Scherz, der sich bewährt hat, kann man auch öfters einsetzen. Menschen mit Demenz mögen Witze, die sie schon kennen. Die Betreuungskräfte bauen so im Lauf der Zeit ein Repertoire an witzigen Darbietungen und Interaktionsangeboten auf, von denen sie wissen, dass sie bei den Leuten gut ankommen. Manche komische Szene wird im Lauf der Zeit zum running gag; zu einem humorvollen Ritual, das Struktur gibt und Geborgenheit stiftet.
  8. Humor hilft, mit herausforderndem Verhalten umzugehen. In der Arbeit mit demenziell veränderten Menschen sind vernünftiges Argumentieren und energisches Zureden oft wirkungslos. Humorvolle Interventionen sind eine sinnvolle Alternative. Agitiertes Verhalten kann spielerisch aufgegriffen und dadurch kanalisiert werden. Auch Konflikte und Streit lassen sich durch Humor gut bewältigen (Gutmann 2016).
  9. Bei allem Humor, sollte die Haltung der Betreuungskräfte doch eine problemorientierte sein. Zwar lassen schwierige Situationen sich gut mit Humor auflösen. Eine erfahrene Betreuungskraft wird aber dennoch herauszufinden versuchen, was die Ursache für den Konflikt gewesen ist, und wie man diese beseitigen kann. Humor sollte nicht dazu eingesetzt werden, Probleme zu überspielen oder sie zu bagatellisieren.
  10. In vielen therapeutischen Kontexten wird Humor dazu eingesetzt, den Zielpersonen Einsichten zu vermitteln. In der Demenzbegleitung ist hiervon Abstand zu nehmen. Menschen mit Demenz sind nicht lernfähig. Man sollte sie nach Möglichkeit nicht – auch nicht in humorvoller Weise – auf ihre Fehler und Irrtümer hinweisen. Der Einsatz von Humor in der Begleitung von Menschen mit Demenz erfordert eine akzeptierende, validierende Grundhaltung.

Soweit ein Entwurf für einen möglichen Humor-Standard. Verglichen mit bereits existierenden Standards – etwa dem Ethik-Kodex der Initiative HumorCare e.V. – ist der vorgeschlagene Text sehr viel konkreter. Um ein entsprechendes Dokument in verbindlicher Weise zu verabschieden, wäre eine größere Initiative in Form einer konzertierten Aktion von Wissenschaft und Praxis erforderlich. Die Arbeit an einem solchen Humor-Standard könnte dazu beitragen, dem Thema die Aufmerksamkeit zu geben, die es verdient.

In den Pflegeeinrichtungen der Vergangenheit stand man vor der Frage: Humor ja oder nein. Heute stellt sich diese Frage nicht mehr. Sie ist bereits zugunsten des Humors entschieden. Die Herausforderung besteht nun darin, den Humor in einer achtsamen und reflektierten Weise zum Einsatz zu bringen.

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Literatur

Baer, U. und Schotte-Lange, G. (2013). Das Herz wird nicht dement. Rat für Pflegende und Angehörige. Belz, Weinheim.

Gutmann, J. (2008). Humor in der psychiatrischen Pflege. Hogrefe, Bern.

Herberg, M. (2021). Demenz und die Heilkraft des Humors. Eine ethnographische Untersuchung auf einer Demenzstation (in Vorbereitung).

Zur Person

Dr. Martin Herberg, Dipl.-Soz.
Soziologe und Pflegewissenschaftler. Neben
seiner Tätigkeit als Demenzbegleiter nach § 43 b SGB arbeitet er
als Dozent am AWO Bildungscampus Lauenburg, Schleswig-Holstein, Deutschland.

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