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Manuela Hödl
„Teil 2: Pflegewissenschaft zwischen Schutz und Freiheit in der COVID-19 Krise“

Die Gratwanderung zwischen Schutz und Freiheit war/ist für mich ein wesentlicher Aspekt der COVID-19 Krise. Ein erster Beitrag in der vorigen Ausgabe dazu hat sich bereits mit dem Schutz von Bewohner*innen/Pflegeheimpersonals und dem Aspekt der persönlichen Freiheit befasst. Bezogen auf die Pflegewissenschaft geht es um den Schutz von Forschungsideen auf der einen Seite und der Freiheit, im Sinne des öffentlichen Zugangs zu Forschungsdaten und Publikationen, auf der anderen Seite. Ich möchte hier festhalten, dass auch dieser Beitrag auf meiner persönlichen Meinung und Einschätzung beruht.
Im nachfolgenden Beitrag werden Fragen zu den Thematiken Schutz und Freiheit in der Pflegewissenschaft aufgeworfen. Hierbei wird die öffentliche Zugänglichkeit von Artikeln, als auch von Forschungsdaten angesprochen. Als Erfolge und Chancen werden schnellere Projektdurchführung sowie die Weitergabe von Forschungsergebnissen benannt. Das Ziel gemeinsam die Distanz zwischen Pflegepraxis und Pflegewissenschaft zu verringern, resultiert (größtenteils) aus der Covid-19 Krise.

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Pflegewissenschaft

zwischen Schutz und Freiheit
Haben Sie schon einmal einen Forschungsartikel im Internet gesucht und Sie hatten keinen Zugriff darauf? Obschon es mittlerweile zahlreiche Fachzeitschriften gibt, die ihre Artikel öffentlich zugänglich machen, sind die Abonnement-Gebühren der jeweiligen Zeitschriften eine finanziell nicht zu unterschätzende Komponente. Dennoch können durch den Begutachtungsprozess zwischen der Einreichung eines Manuskripts und der Veröffentlichung oft Monate auch bei öffentlich zugänglichen Zeitschriften, vergehen.
Wohingegen es in sogenannten Pre-print Datenbanken (z. B.: MedRxiv) möglich ist, die unveröffentlichten Manuskripte hochzuladen und mit einem „Klick“ zu veröffentlichen. Diese Manuskripte sind dann zu 100% öffentlich zugänglich. Der Nachteil dieser Pre-print Datenbanken ist, dass viele internationale Zeitschriften mit Impact Faktor (gibt den Einfluss der Zeitschrift an), solche Pre-print Datenbanken nicht erlauben. In der wissenschaftlichen Praxis, werden wir Pflegewissenschafter*innen jedoch häufig an den Impact Faktoren unserer wissenschaftlichen Veröffentlichungen gemessen.
Dem entgegen steht, dass es seit der Pandemie „gute wissenschaftliche Praxis“ ist, unvollendete Studienergebnissen, öffentlich zugänglich zu machen, was bis vor kurzem scheinbar noch unmöglich war. Beispielsweise werden von den verschiedensten internationalen Zeitschriften, Manuskripte mit Bezug zu COVID-19 direkt an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weitergeleitet (https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/global-research-on-novel-coronavirus-2019-ncov). Ziel ist es, Forschungsergebnisse hinsichtlich COVID-19 zu bündeln und öffentlich zugänglich zu machen. Genau, wie bei den Pre-print Datenbanken sind die gelisteten Manuskripte in der WHO-Datenbank weder begutachtet, noch bereits in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Wo liegt nun der Unterschied zwischen dem Welcome Trust und den Pre-print Datenbanken?
Ich möchte hier noch einen Schritt weiterzurückgehen, bevor ein Manuskript erstellt werden kann. Forschungsdaten, insbesondere gesundheitsbezogene Daten, sind hochsensible Informationen (European Union, 2018). Wenn nun Daten vorliegen, durch welche die Person nicht/nicht mehr identifiziert werden kann, liegen anonymisierte Daten vor. Ein Beispiel für die Veröffentlichung von anonymisierten Daten findet sich im AGES Dashboard COVID19 (BMSGPK, 2021b) oder auch dem Dashboard zu den Corona-Schutzimpfungen in Österreich (BMSGPK, 2021a). Diese Daten können frei von jeder interessierten Person aus dem Österreichischen COVID-19 Open Data Informationsportal (https://www.data.gv.at/covid-19/) oder dem Dashboard für Schutzimpfungen (https://info.gesundheitsministerium.at/) heruntergeladen werden. Auf europäischer Ebene wurde das Europäische Datenportal entwickelt (https://www.europeandataportal.eu/de/impact-studies/covid-19), in dem anonymisierte Daten zu COVID-19 für interessierte Personen zugänglich sind (European Centre for Disease Prevention and Control, 2020).

Erfolge und Chancen zwischen Schutz und Freiheit

Durch die COVID-19 Pandemie, stellt für mich der offene Zugang zu Daten und zu Publikationen einen wesentlichen Erfolg der Wissenschaft in Bezug auf die COVID-19 Pandemie dar. Aus meiner Perspektive schien dies bis vor kurzem noch unmöglich. Unmöglich deswegen, da die Kennzeichnung nicht eigener Gedanken und Veröffentlichungen einen Bestandteil der guten wissenschaftlichen Praxis (Zitieren von anderen Büchern, Artikeln usw.) darstellt. Aber wir, als Wissenschafter*innen, können nicht ständig überprüfen, ob unsere Veröffentlichungen korrekt zitiert werden. Somit verlassen wir uns auf die Kollegialität und Loyalität der Kollegen*innen, welche die Veröffentlichung im Idealfall korrekt zitieren.
Die COVID-19 Pandemie hat zu einem Wir-Gefühl gegen das Coronavirus geführt! Und durch dieses Wir-Gefühl vertrauen wir Wissenschafter*innen nun gerne unsere Daten und Veröffentlichungen öffentlich der ganzen Welt an.
Einen weiteren Erfolg, den uns die COVID-19 Pandemie meiner Meinung ermöglicht hat, ist, dass durch die COVID-19 Pandemie die „Third Mission“ von Universitäten in den Fokus gerückt ist. Unter „Third Mission“ wird die Öffnung von Universitäten in Richtung der Gesellschaft verstanden (Roessler, 2015). Dabei nimmt beispielsweise die Universität Fragen und Erwartungen aus der Gesellschaft auf und bearbeitet sie. In dieser Pandemie, haben wir am Institut verschiedenste COVID-19 Projekte durchgeführt, um dem Pflegepersonal eine Plattform zu bieten, wo Fragen Wünsche, Herausforderungen, etc., Platz fanden. Damit haben wir hoffentlich auch einen weiteren Schritt gemacht, um die Distanz zwischen Pflegepraxis und Pflegewissenschaft zu verringern.

Aus der persönlichen sowie neugierigen wissenschaftlichen Perspektive befürworte ich offene Daten und Publikationen. Bislang dauerten pflegewissenschaftliche Projekte häufig mehrere Jahre. Der Grund dafür ist, dass auf die Projektplanung ein Ethikantrag folgt, und erst nach Freigabe Teilnehmer*innen rekrutiert und die Daten erhoben werden können. Unsere Chance als Pflegewissenschafter*innen liegt nun darin, die Dauer eines Projekts damit deutlich zu verkürzen. Womit in weiterer Folge Forschungsergebnisse schneller gewonnen und auch an die Pflegepraxis weitergegeben werden können.
Bezogen auf dieses Wir-Gefühl gegen das Coronavirus, möchte ich die Zusammenarbeit der Institute für Pflegewissenschaft in Österreich positiv hervorheben. Wir haben gemeinsam einen Artikel (Dank an die anderen Autor*innen an dieser Stelle) eingereicht, in dem wir alle gemeinsam unsere COVID-19 Projekte und auch deren Ergebnisse, sofern vorhanden, darstellen. Damit hat COVID-19 die Grenzen der Institute gesprengt und Vertrauen geschaffen. Dieses Vertrauen können wir zukünftig nutzen, um andere pflegewissenschaftliche Projekte zu ähnlichen Themen zu bündeln, wodurch sich schneller Synergien bilden könnten. In diesem Sinne appelliere ich an alle Pflegewissenschafter*innen, soweit möglich, öffentlich zugängliche Datenbanken sowohl für die Daten als auch die Veröffentlichungen nutzen. Denn für die Pflegewissenschaft würde ich die Freiheit wählen!
Kurzum bleibt für mich eine Frage an Sie offen. Was würden Sie für die Pflegewissenschaft wählen: Schutz oder Freiheit?

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Literatur

BMSGPK. (2021a). Dashboard Corona-Schutzimpfung in Österreich. https://info.gesundheitsministerium.at/

BMSGPK. (2021b). Österreichisches COVID-19 Open Data Informationsportal. https://www.data.gv.at/covid-19/

European Centre for Disease Prevention and Control. (2020). COVID-19 Coronavirus data. https://data.europa.eu/euodp/en/data/dataset/covid-19-coronavirus-data

European Union (2018). General Data Protection Regulation.
https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2016/679/oj

Roessler, I. (2015). „Third Mission “Die ergänzende Mission neben Lehre und Forschung. wissenschaftsmanagement, 2, 46-47.

Zur Person

Dr.in Manuela Hödl MSc, BSc
Universitätsassistentin, Institut für Pflegewissenschaft, Medizinische Universität Graz. Schwerpunkte: Langzeitpflegeinrichtungen, Kontinenzversorgung, chronische Wunden.
Kontakt: Manuela.hoedl@medunigraz.at; +43 316 385 71651; Institut für Pflegewissenschaft, Universitätsplatz 4/3, 8010 Graz.

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