ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) ist mit geschätzten 80.000 Betroffenen in Österreich keine seltene Erkrankung – und dennoch eine, die im Versorgungssystem bislang kaum adäquat abgebildet ist. Fehlende spezialisierte Angebote, mangelnde Sensibilisierung und strukturelle Lücken prägen die Realität vieler Erkrankter. Vor diesem Hintergrund hat die CS Caritas Socialis Wien das Vorhaben NORDLICHT initiiert – ein Projekt, das sich bewusst an den Rändern bestehender Versorgungsstrukturen bewegt und diese zugleich infrage stellt.
Ausgangspunkt: Versorgungslücke und praktische Erfahrung
Den Ausgangspunkt bildete nicht zuletzt eine konkrete Erfahrung: Die Aufnahme einer jungen Frau mit schwerer ME/CFS auf unserer Palliativstation. Ihr Zustand hatte sich derart verschlechtert, dass eine häusliche Versorgung nicht mehr möglich war. Für das Team bedeutete dies einen „Sprung ins kalte Wasser“.
Die Pflege dieser Frau stellte etablierte Routinen fundamental infrage. Massive Reizsensibilität erforderte eine radikale Reduktion jeglicher Interventionen. Pflegemaßnahmen wurden zunächst mit Taschenlampe, später mit Stirnlampe durchgeführt, um Lichtreize zu minimieren und gleichzeitig arbeitsfähig zu bleiben. Klassische pflegerische Ansätze – aktivierende Gespräche, sensorische Stimulation oder auch basale Angebote – erwiesen sich nicht nur als ungeeignet, sondern potenziell schädlich.
Das Team brachte diese Erfahrung auf eine prägnante Formel:
„Wir mussten das Leben fernhalten, um das Leben zu ermöglichen.“
Diese „Anti-Intuitivität“ stellt eine der zentralen Herausforderungen im Umgang mit ME/CFS dar – und verweist gleichzeitig auf eine grundlegende Leerstelle in Ausbildung, Praxis und Versorgungslogik.
NORDLICHT: Ein Ansatz im Aufbau
Vor diesem Hintergrund versteht sich NORDLICHT als Versuch, Versorgung neu zu denken – interdisziplinär, niederschwellig und an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen orientiert.
Bereits gesetzte Maßnahmen zeigen, dass es sich nicht um ein rein konzeptionelles Vorhaben handelt:
Diese Schritte markieren erste Bausteine eines Systems, das aktuell in Österreich weitgehend fehlt: koordinierte, spezialisierte und kontinuierliche Begleitung.
Kritische Einordnung: Zwischen Engagement und Systemdefizit
So beeindruckend das Engagement Einzelner ist, so deutlich treten strukturelle Defizite zutage. Es gibt:
Dass ein Projekt wie NORDLICHT wesentliche Basisfunktionen – Beratung, Vernetzung, Dokumentation – erst aufbauen muss, ist weniger Ausdruck von Innovation als vielmehr Symptom eines systemischen Mangels.
Hinzu kommt ein eklatanter Wissensmangel – nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Fachwelt. ME/CFS wird häufig missverstanden, unterschätzt oder fehlinterpretiert. Dies hat unmittelbare Konsequenzen für Diagnostik, Therapie und Pflege.
Perspektiven: Vom Projekt zur Struktur
Die nächsten Entwicklungsschritte von NORDLICHT sind ambitioniert und weisen klar über ein Pilotprojekt hinaus:
Darüber hinaus wird der Wissenstransfer aktiv vorangetrieben: Ein von der CS Caritas Socialis organisierter, international besetzter Kongress am 13. Oktober in Schönbrunn sowie die geplante Präsentation beim pflegekongress26 im November 2026 sollen das Thema weiter in den fachlichen Diskurs bringen.
Fazit: Lernen im Tun
NORDLICHT ist ein Projekt im Spannungsfeld zwischen Innovation und Notwendigkeit. Vieles geschieht im Modus des „learning by doing“, im Austausch mit anderen Bundesländern und getragen von hohem Engagement.
Der Leitgedanke der Gründerin der CS Caritas Socialis, Hildegard Burjan – „Die Not der Zeit lindern“ – erhält hier eine aktuelle und konkrete Bedeutung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum es Projekte wie NORDLICHT überhaupt braucht.
Solange ME/CFS strukturell unterversorgt bleibt, sind Initiativen dieser Art unverzichtbar. Langfristig jedoch muss das Ziel sein, aus punktuellen Projekten tragfähige, systemisch verankerte Versorgungsstrukturen zu entwickeln.
NORDLICHT macht sichtbar, was fehlt – und zeigt zugleich, was möglich ist.
Lisa Haderer
ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit beruflichen Stationen in der Neuro-Rehabilitation und Onkologie und unterstützt seit mehr als 25 Jahren Menschen in gesundheitlichen und psychosozialen Ausnahmesituationen. Ergänzend zu ihrer pflegerischen Praxis absolvierte sie berufsbegleitend ein Studium im Gesundheitsmanagement und übernahm in den Folgejahren zahlreiche Leitungs- und Managementfunktionen im Gesundheitswesen.
Ihre Qualifikationen in Sterbe- und Trauerbegleitung sowie in Mediation und Konfliktmanagement unterstreichen ihre Kompetenz im Umgang mit belastenden, konflikthaften und vulnerablen Lebenslagen. Zusätzlich verfügt sie durch ihre Ausbildung in Krisenintervention und ihr ehrenamtliches Engagement beim Roten Kreuz über Erfahrung in der akuten Begleitung von Menschen in schweren Krisen.
Kontakt: lisa.haderer@cs.at
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