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Yvonne Hochsteiner & Bernhard Paus
Sozialwirtschaft und Gemeinnützigkeit in Österreich
Struktur, Bedeutung und Herausforderungen

Die Sozialwirtschaft zählt zu den größten Infrastrukturbereichen Österreichs und trägt wesentlich zu Wertschöpfung und Beschäftigung bei. Ein Großteil der Leistungen wird von gemeinnützigen Organisationen erbracht und öffentlich finanziert. Besonders die Pflege wächst stark, getrieben durch demografische Entwicklungen und steigenden Bedarf. Gleichzeitig verschärfen Budgetkürzungen und fehlende Valorisierung den Druck auf Organisationen, Personal und Versorgung.

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Sozialwirtschaft als zentraler Bestandteil der wirtschaftlichen Infrastruktur

Wenn über Wertschöpfung gesprochen wird, denkt man meist an Industrie, Export oder Technologie. Pflege, Betreuung und soziale Dienstleistungen werden dagegen oft vor allem als Kosten wahrgenommen, sind aber Investitionen in die Gesellschaft und vor allem in den sozialen Frieden. Tatsächlich gehört die Sozialwirtschaft auch zu den größten und wichtigsten Infrastrukturbereichen Österreichs.

Das zeigt bereits ein Blick auf die volkswirtschaftlichen Zahlen: Das Gesundheits- und Sozialwesen erwirtschaftete 2024 rund 37,7 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung – 8,5 % der gesamten Wirtschaftsleistung Österreichs (vgl. WKO, 2025). 2025 arbeiteten 332.991 Menschen in diesem Bereich, was ebenfalls einem Anteil von 8,5 % aller unselbständig Beschäftigten entspricht (vgl. WKO, 2026). Sozial- und Pflegeleistungen sind damit ein zentraler Bestandteil der Infrastruktur.

Gemeinnützige Organisationen als Rückgrat sozialer Dienstleistungen

Ein großer Teil dieser Leistungen wird von gemeinnützigen Organisationen erbracht. Viele entstanden aus zivilgesellschaftlichem Engagement – etwa als Vereine, die Unterstützung dort organisierten, wo staatliche Strukturen nicht ausreichend vorhanden waren. Im Laufe der Jahre professionalisierten sich diese Initiativen zunehmend. Heute erbringen zumeist gemeinnützige Unternehmen soziale Dienstleistungen im öffentlichen Auftrag – etwa in der Pflege, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Kinderbildung und -betreuung, in Rettungsdiensten oder bei der Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Beinahe jeder braucht die Sozialwirtschaft einmal im Leben.

Finanziert werden diese Leistungen überwiegend über Leistungs- und Förderverträge mit der öffentlichen Hand. Eine interne Analyse der SWÖ von Finanzberichten sozialer Organisationen zeigt, dass meist über 80–90 % aus öffentlichen Mitteln stammen, während Spenden nur eine geringe Rolle spielen. Gemeinnützige Organisationen unterscheiden sich dabei grundlegend von klassischen Unternehmen: Gewinne dürfen nicht ausgeschüttet werden, sondern müssen vollständig wieder in den gemeinnützigen Zweck reinvestiert werden.

Wie groß der gemeinnützige Sektor tatsächlich ist, zeigt das sogenannte NPO-Satellitenkonto der Statistik Austria. Für das Jahr 2021 weist der Bericht eine Bruttowertschöpfung von 12,0 Mrd. Euro im Nonprofit-Bereich aus – rund 3,3 % der gesamten Wertschöpfung. Neben 367 Mio. bezahlten Arbeitsstunden leisten rund 3,8 Mio. Menschen etwa 470 Mio. Stunden freiwillige Arbeit – insgesamt rund 837 Mio. Stunden. (vgl. BMSGPK & Statistik Austria, 2024).

Die Rolle der Sozialwirtschaft in der Sozialpartnerschaft

Historisch werden die Arbeitgeber*innen im Sozialsektor nicht von der Wirtschaftskammer vertreten. Weshalb sich mehrere Arbeitgeberverbände gegründet haben, die Kollektivverträge für ihre Mitglieder verhandeln. Der SWÖ-KV ist mit einer Geltung für rund 130.000 Beschäftigte der Leit-Kollektivvertrag. Gemeinsam mit den Kollektivverträgen der Arbeitgeberverbände der karitativen Arbeitgeber (Caritas), Diakonie Österreich, dem Österreichischen Roten Kreuz, der SOS-Kinderdörfer, der Sozial- und Gesundheitsorganisationen Vorarlbergs sowie der Interessenvertretung von Ordensspitälern und konfessionellen Alten- und Pflegeheime werden rund 161.000 Arbeitsverhältnisse erreicht. Damit ist der Sozialsektor in der Größe des Handels angesiedelt. Mit den Kollektivverträgen wurde versucht, die Arbeitsbedingungen attraktiv zu gestalten. So gilt in weiten Teilen eine 37 Stunden Woche und ein erhöhter Urlaubsanspruch. Die Gehälter wurden in den letzten drei Jahren um über 20 % erhöht.

Pflege: ein stark wachsender Kernbereich der Sozialwirtschaft

Pflegeleistungen erfordern qualifiziertes Personal, stabile Teams und verlässliche Finanzierung. Zwischen 2008 und Anfang 2026 hat sich die Zahl der Beschäftigten in (Pflege)Heimen von 26.356 auf 53.985 Personen mehr als verdoppelt. Auch im übrigen Sozialwesen, in dem häufig auch ausgebildetes Pflegepersonal eingesetzt wird, stieg die Beschäftigung deutlich an: Insgesamt erhöhte sich die Beschäftigung im Bereich Heime und Sozialwesen seit 2008 um rund 86 %. (AMS Österreich, 2026; eigene Berechnungen)

Dieses Wachstum hängt vor allem mit der demografischen Entwicklung zusammen. Mit der alternden Bevölkerung steigt der Bedarf an Pflege- und Betreuungsleistungen kontinuierlich (vgl. Grieger, 2025).

Auch die Ausweitung des Angebotes sozialer Dienstleistungen erhöht den Bedarf an Personal. Das BMASGPK AMS Fachkräftebarometer zeigt regelmäßig Pflege- und Sozialberufe unter den wichtigsten Engpassberufen. Im 4. Quartal 2025 lagen Diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger*innen mit 1.757 offenen Stellen auf Platz 3.

Auch langfristige Prognosen zeigen einen steigenden Bedarf: Laut einer Pflegepersonalprognose der Gesundheit Österreich GmbH müsste die Zahl der Pflegepersonen der Gesundheits- und Krankenpflege von 120.800 im Jahr 2019 auf 143.200 bis 2030 und auf 190.700 bis 2050 steigen. Neben dem demografischen Wandel kommt es auch zu einem Ausbau mobiler Dienste (vgl. Bock-Schappelwein et al., 2025).

Zwischen wachsendem Bedarf und Finanzierungsdruck

Trotz ihrer zentralen Rolle steht die Sozialwirtschaft vor wachsenden Herausforderungen. Der Bedarf an sozialen Dienstleistungen steigt – durch demografische Entwicklungen und zunehmende psychosoziale Belastungen (oft als Folge der Pandemie) –, während öffentliche Haushalte zunehmend unter Konsolidierungsdruck geraten.

Im Rahmen der SWÖ-Branchenkonferenz 2025 hat Fiskalratspräsident Christoph Badelt die strukturelle Situation der Sozialwirtschaft wie folgt beschrieben: Da viele Leistungen öffentlich finanziert werden, führt steigende Nachfrage nicht automatisch zu steigenden Einnahmen. Die Sozialwirtschaft gerät damit in eine „Sandwichposition“ – sie muss steigende Bedürfnisse erfüllen, während Ressourcen nicht im gleichen Ausmaß wachsen. Gleichzeitig verschärfen Fachkräftemangel und steigende Anforderungen an Arbeitsbedingungen die Situation.

Hinzu kommen konkrete Kürzungen: Im Bundesvoranschlag 2025 wurden unter anderem Budgetreduktionen bei Maßnahmen für Menschen mit Behinderungen (−51,3 %, −124,3 Mio. Euro), in der aktiven Arbeitsmarktpolitik (−6,6 %, −86,3 Mio. Euro) und bei familienpolitischen Maßnahmen des Familienlastenausgleichsfonds (−52,4 %, −186,9 Mio. Euro) veranschlagt. Diese Beispiele verdeutlichen die Entwicklung im Sozial- und Gesundheitsbereich und stehen stellvertretend für weitere Budgetverschiebungen im Vergleich der Jahre 2024 und 2025. (vgl. Bundesvoranschlag 2025, eigene Berechnungen)

Es entstehen vielerorts strukturelle Finanzierungslücken, etwa wenn Förderungen nicht ausreichend valorisiert werden oder Budgets gedeckelt bleiben, während Personal- und Sachkosten steigen. Die Folgen zeigen sich auf mehreren Ebenen: Für Klient*innen werden Leistungen schwerer zugänglich oder weniger intensiv, was auch Mehrbelastung für Angehörige bedeutet. Für Organisationen wächst der wirtschaftliche Druck, was bereits jetzt zu Schließungen von Dienstleistungen und Programmen geführt hat und noch bis hin zu Schließungen ganzer Organisationen führen kann. Für Arbeitnehmer*innen steigen Arbeitsbelastung und Unsicherheit. Außerdem können dadurch oft Stellen nicht mehr nachbesetzt werden oder Personal muss in letzter Konsequenz gekündigt werden.

Einordnung und Ausblick

Die Zahlen zeigen deutlich: Die Sozialwirtschaft ist ein zentraler Bestandteil der österreichischen Infrastruktur. Hunderttausende Menschen arbeiten in diesem Bereich, Millionen nutzen die vielen Leistungen. Sie ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, entlastet Familien und sichert den sozialen Zusammenhalt.

Wie Prognosen zeigen, steigt der Bedarf weiter, besonders im Pflegebereich. Gleichzeitig geraten Finanzierungssysteme zunehmend unter Druck. Werden Budgets gekürzt oder Förderungen über Jahre nicht an steigende Kosten angepasst, entsteht eine Lücke zwischen dem gesellschaftlichen Bedarf und den tatsächlich verfügbaren Ressourcen.

Die Folgen sind bereits spürbar: Angebote werden eingeschränkt und Organisationen geraten unter wirtschaftlichen Druck – mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Beschäftigten und die Betroffenen.

Deshalb braucht es klare politische Rahmenbedingungen: stabile Finanzierungsstrukturen, eine regelmäßige Anpassung von Förderungen an Kostenentwicklungen sowie gezielte Investitionen in Personal, Ausbildung und Arbeitsbedingungen. Ebenso wichtig ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik und der Sozialwirtschaft.

Eines ist dabei klar: Soziale Dienstleistungen sind kein Randthema und kein Luxus. Sie betreffen im Laufe des Lebens nahezu alle Menschen – als Unterstützungsbedürftige oder als Angehörige – und sind eine zentrale Voraussetzung für das Funktionieren des Sozialstaats.

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Literatur

Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) (2026). Berichte und Auswertungen. Online verfügbar unter: https://www.ams.at/arbeitsmarktdaten-und-medien/arbeitsmarkt-daten-und-arbeitsmarkt-forschung/berichte-und-auswertungen#auswertungen (zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Bock-Schappelwein, Julia; Mayer, Wolfgang; Steiner, Karin (2025). Fachkräftebedarfe in Österreich. Szenarien und Trends der Jahre 2030/2035. AMS Report 187. Wien: Arbeitsmarktservice Österreich. Online verfügbar unter: https://forschungsnetzwerk.ams.at/elibrary/publikation/ams-reports/2025/fachkraeftebedarfe-in-oesterreich-(ams-report-187).html(zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) (2026). BMASGPK AMS Fachkräftebarometer. Online verfügbar unter: https://www.sozialministerium.gv.at/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Arbeitsmarktdaten/Fachkraeftebarometer.html (zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) & Statistik Austria (2024): Satellitenkonto für den Nonprofit-Bereich in Österreich. Abschlussbericht. Wien. Online verfügbar unter: https://www.statistik.at/fileadmin/pages/224/BMSGPK_NPO-Satellitenkonto_Abschlussbericht.pdf (zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Bundesministerium für Finanzen (2025). Bundesvoranschlag 2025. Teilhefte UG 20, UG 21 und UG 25.  Wien. Online verfügbar unter: https://service.bmf.gv.at/Budget/Budgets/2025_2026/bfg2025/teilhefte/_start_teilhefte.htm (zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Grieger, Nadine (2025). Gesundheits- und Sozialwesen 2024: ein Wachstumsjahr. AMS Spezialthema zum Arbeitsmarkt. Wien. Arbeitsmarktservice Österreich. Online verfügbar unter:
https://www.ams.at/content/dam/download/arbeitsmarktdaten/%C3%B6sterreich/berichte-auswertungen/001_spezialthema_0825.pdf(zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Wirtschaftskammer Österreich (WKO) (2025). Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen 2024. Wien: Wirtschaftskammer Österreich. Online verfügbar unter: https://wko.at/statistik/bundesland/bws-wien.pdf (zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Wirtschaftskammer Österreich (WKO) (2026). Unselbständig Beschäftigte nach Wirtschaftsbereichen 2025. Wien: Wirtschaftskammer Österreich. Online verfügbar unter: https://www.wko.at/statistik/jahrbuch/am-beschaeftigte-wb.pdf (zuletzt abgerufen am 18.03.2026).

Zur Person

Yvonne Hochsteiner

ist Geschäftsführerin der Sozialwirtschaft Österreich, größte Arbeitgebervertretung der privaten Sozial- und Gesundheitseinrichtungen in Österreich (www.swoe.at) und studierte Juristin.

Bernhard Paus

ist Fachreferent für Grundlagenarbeit bei der Sozialwirtschaft Österreich, Sozialwissenschaftler.

Hochsteiner, Y.
,
Paus, B.
(2026, April 15).
Sozialwirtschaft und Gemeinnützigkeit in Österreich
magazin.pflegenetz.at
https://magazin.pflegenetz.at/artikel/sozialwirtschaft-und-gemeinnuetzigkeit-in-oesterreich

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