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Esther Matolycz
Der Faktor Mensch und die schöne, neue Arbeitswelt

Im (sehenswerten!) Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ wird gezeigt, was zunehmend als zeitgemäß gilt: eine Form der Arbeitsraumgestaltung nämlich, die sich furchtbar freundlich gibt. Ans Wohnzimmer soll die Sache zwar nicht erinnern, das klassische Büro hat- glaubt man den Architekt*innen- aber jedenfalls ausgedient. Es gibt lange Besprechungstische, einladende Sitzgruppen und natürlich ist alles digital. Und so stylisch, dass man sich in einem Möbelhaus der gehobenen Preisklasse wähnt. Und: alles das korrespondiert mit einer Weisheit des so genannten agilen Führens, die zunächst einigermaßen nachvollziehbar klingt, einen zweiten Blick aber durchaus lohnt.

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Anlass für diese Überlegungen ist zunächst das Home-Office, das professionell Pflegende in großen Teilen gar nicht betrifft. Dasselbe gilt für die angedeutete Neugestaltung der Büro-Arbeitswelt. Zugleich haben die Ideen, von denen die Rede ist, auch Pflegenden etwas zu sagen, denn es geht um das, was gerne als Faktor Mensch bezeichnet wird.
Apfelgrüne Designerbänke und einladende (jedenfalls dann, wenn man dem Charme von Plastikmobiliar erlegen ist) Sitzgruppen, überall Tablets und Ladestationen, großräumige Flächen – so sieht das Büro von morgen, vielleicht übermorgen aus, sofern es kein Home-Office gibt. Ewig gestrig wirkt dagegen das klassische Zimmer, in dem der eine oder die andere sich so einigermaßen eingerichtet hat, denn mit Bilderrahmen, Pinnwänden und Köchern für Schreibgeräte gibt sich diese coole Landschaft gar nicht ab. Wozu auch? Fixe Arbeitsplätze und Anstellungen sind, jedenfalls für den einen oder die andere Manager*in Schnee von gestern. Flexibel, das ist das Zauberwort. Der Mitarbeiter*in kann’s egal sein, wo sie arbeitet, und das müsste es ihr auch, würde die eine oder andere Wunschfantasie Wirklichkeit. Genauso gestrig wie Bleistifte und Topfpflanzen und geschlossene Türen (der Hort der Intransparenz) wäre es demnach nämlich, an einem festen Sitzplatz- oder Arbeitsplatz quasi angewurzelt zu sein. Vielmehr ist jene Mitarbeiter*in ideal, die man heute hier, morgen dort hinbeordern und einsetzen kann und ebenso schnell wieder freisetzen.

Kein Mensch richtet sich dann mehr ein, vielleicht auf Jahre; vor allem hält sich niemand mit Blicken auf sein kleines Reich auf, oder ist womöglich nur dort, wo er sich wohl und sicher fühlt, einsetzbar. Der*die Traummitarbeiter*in ist agil, wendig, führt alles, was er oder sie braucht, mit sich – und ist (im Wortsinn) in Sekundenschnelle auf-, und ebenso schnell wieder abgestellt.
Dazu passend ist es, so jedenfalls die Denkfigur der agilen Firma, sehr klug, in Rollen zu denken, die personenunabhängig sind – und keinesfalls in Positionen (1). Schon dem Wort (Position) haftet, lässt man sich auf diese Lesart ein, etwas Sesselkleberisches an, etwas ebenfalls Gestriges, etwas Starres, Unflexibles. Und wenn man böse denkt, kommen einem noch Privilegien in den Sinn, die sich unfähige Nichtstuer*innen durch Geduld und Muße erwirtschaftet haben und die sie nicht aufzugeben bereit sind. Aber auch dann, wenn man nicht böse denkt, sondern vielleicht nur effizienzfreundlich, könnte man der agilen Welt etwas abgewinnen. Denn: wo käme man hin, wenn Leistungsfähigkeit an diese und jene Bedingung gebunden wäre, wo käme man hin, wenn man womöglich nicht nur einen Arbeitsplatz (hier sind Sessel und Raum gemeint) so gestaltet, dass Privatsphäre auch zu privatem Verhalten führt, sondern auch noch die Stelle auf eine bestimmte Person zuschneidet?

Ähnliches tun, wenn auch aus anderer Motivation, übrigens Standards. Nun haben Standards den Vorteil, dass sie eine Mindestsicherung für bestimmte Leistungen darstellen, denn am anderen Ende einer Skala, die das, was mitunter als Faktor Mensch bezeichnet wird, schlicht austauschbar machen will, stünden Willkür und Beliebigkeit – so lässt sich die Sache schließlich auch sehen.
Umgekehrt: Mag man sich eine Arbeitswelt wünschen, in der der Faktor Mensch nur als Vehikel für diesen oder jenen Prozessschritt gedacht ist, als Vehikel, dem Eigenheiten, Präferenzen, ein Stück mitgebrachte Individualität oder sogar die eine oder andere Extrawurst grundsätzlich Effizienz und Tempo rauben?

Was, wenn es gerade die Eigenheiten sind, die Systeme (z.B. Versorgungssysteme) im wahrsten Sinn des Wortes menschlich machen?
Dienstleistungsunternehmen halten ihre Mitarbeiter*innen dazu an, Kund*innen gegenüber RAOKS (random acts of kindness, etwa: quasi-zufällige, freundliche Gesten (2)) zu setzen, womit letztlich genau das bewusst zum Einsatz kommen soll, was aus anderer, managerialer Perspektive riskant bis lästig ist: der Faktor Mensch.

In der Pflege sitzt man hier grundsätzlich auf einer Insel der Seligen, da Pflege vom Menschen nicht zu trennen ist; nicht auf der einen (Pflege braucht eine Adressat*in), nicht auf der andern (Pflege kann nur durch Menschen geschehen) Seite.
Sie punktet also durch das, was anderswo, wenn auch verhohlen, zunehmend manipuliert (in „Work Hard – Play Hard“ ist das deutlich zu sehen) und unter dem Deckmantel der Freiheit und Unabhängigkeit dauerbeobachtet und kontrolliert wird.
Eine gute Sache, eigentlich – und eine schöne Perspektive.

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Fußnoten

Literatur

Rak S (2011, 14. August) Freundlichkeit ist geil. Habgier ist für Blöde.; https://www.no-goldfish.de/2011/08/freundlichkeit-ist-geil-habgier-ist-fuer-bloede/ [Zugriff: 01.03.2021]

Schwartz T (2020, 08. Jänner) Agilität als Herausforderung; https://ilea-institut.de/blog/agilitaet-als-herausforderung/ [Zugriff: 01.03.2021]

Work hard – play hard (2011) Dokumentarfilm, Regie: Carmen Losmann

Zur Person

Mag. Dr. Esther Matolycz
DGKS, Publizistin; Studium der Pädagogik mit Schwerpunkt Berufspädagogik des Gesundheitswesens, besondere Nähe zur Geriatrie.

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