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Christian Balon
Die Krise als Chance - sechs Denkanstöße für die Pflege

Noch nie war die Pflege so prominent in den Medien und in der politischen Debatte vertreten wie in der letzten Zeit. Bedingt durch die Corona-Pandemie wurden vielen die Augen geöffnet, welche Leistungen die Pflege in den verschiedensten Bereichen täglich vollbringt und gleichzeitig wurde aufgezeigt, mit welchen Problemen die Pflege, nicht nur jetzt, sondern schon seit einiger Zeit, zu kämpfen hat. Wir Pflegepersonen bekommen durch die Corona-Krise die einmalige Chance, lange geplante Veränderungen politisch und gesellschaftlich umsetzen zu können. Um erfolgreich zu sein, müssen wir aber selbstkritisch einige Überlegungen anstellen und die Gunst der Stunde nutzen.

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Die letzten zwei Jahre der Pandemie haben uns vor Augen geführt, wie zerbrechlich unsere Gesellschaft sein kann und wie schnell persönliche Meinungen und Empfindlichkeiten mit Daten und Fakten verwechselt werden. In kurzer Zeit sind wir an dem Punkt angelangt, wo es nur mehr um das Recht haben geht und nicht mehr um den wissenschaftlich fundierten Diskurs. Die wesentlichen Fragen werden sein, wie wir nach der Pandemie wieder zu einer geordneten Kommunikation zurückkehren können und ob wir aus der Krise etwas gelernt haben. Neben den gesellschaftlichen Problemen hat uns die Pandemie erstmalig gezeigt, wie verletzlich unser öffentliches Gesundheitssystem ist und welche Rolle die Pflege dabei einnimmt. Dass wir in den nächsten Jahren einen Pflegenotstand haben werden, ist seit langer Zeit bekannt, wurde aber weder von den Medien, noch von der Politik bis jetzt ernst genommen. Durch die Berichterstattung während der Pandemie, besonders von den Intensivstationen, rückte plötzlich die Arbeit von uns Pflegepersonen in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit. In meiner Wahrnehmung war es das erste Mal, dass mehr über die Belastung des Pflegepersonals gesprochen wurde als über die Belastung der Ärzteschaft. Während die Politik noch von der „schnellen Schaffung neuer Intensivbetten“ sprach, konnte die Pflege klar und deutlich transportieren, dass man mit einen Intensivbett allein ohne qualifiziertes Pflegepersonal nichts anfangen kann. Die Politik hat dadurch gezeigt, wie weit sie von der Alltagsrealität der Pflege entfernt ist und wie sehr sie auf die Meinung und Expertise von Spezialist*innen angewiesen ist. Die Frage ist aber, wer sind diese Spezialist*innen? Sind es Pflegepersonen aus der Praxis, die gerne zu einer Fernsehsendung eingeladen werden, um eine Geschichte voller persönlichem Einsatz, Idealismus und Empathie zu erzählen, oder sind es die üblichen Verdächtigen, wie zum Beispiel die kirchlichen Vertreter*innen oder die ehrenamtlichen Obfrauen und Obmänner von Sozialvereinen oder sonstigen Organisationen. Letztere sind zumeist nicht in der Pflege ausgebildet, dafür aber politisch gut vernetzt. Ich möchte niemandem die Kompetenz absprechen, aber ich bevorzuge gut ausgebildete Pflegepersonen als Kommunikator*innen, weil wir durchaus für uns selbst sprechen können. Als Pragmatiker möchte ich daher sechs Denkanstöße in den Raum stellen, die für die zukünftige Entwicklung der Pflege durchaus wichtig sein könnten:

Denkanstoß 1: Schaffen wir klare Definitionen. Wir müssen der Politik, den Medien aber auch der Gesellschaft endlich den Unterschied zwischen Pflege und Betreuung klar machen. In den meisten Fällen wird zwischen diesen Bereichen nicht unterschieden. Wie weit kann Betreuung tätig sein und ab wann ist professionelle Pflege notwendig? Wie sieht die zukünftige Dienstpostenplanung von Heimhelfer*innen, Pflegeassistent*innen, Pflegefachassistent*innen und dem gehobenen Dienst aus? Wie stellen wir uns eine qualitativ hochwertige 24 Stunden Betreuung vor? Muss bei jedem Problem gleich ein neuer Beruf geschaffen werden oder ist es sogar sinnvoller, Berufsgruppen zusammenzufassen oder zu reduzieren?

Denkanstoß 2: Wir brauchen nicht ständig neue Ausbildungsformen. Wird der Pflegenotstand thematisiert, werden von der Politik reflexartig neue Ausbildungsformen, wie z.B. Pflegelehre, Pflegeausbildung ab der Mittelschule und sonstige, neuartige Formen ins Spiel gebracht. Diese Innovationen sollen dann die Pflege attraktiver machen, obwohl jede*r in der Pflege weiß, das Problem sind vorwiegend die Arbeitsbedingungen am Arbeitsplatz und nicht die Ausbildung. Viele Interessent*innen melden sich nicht zur Ausbildung in der Pflege an, weil sie von den späteren Arbeitsbedingungen abgeschreckt werden und nicht von der Ausbildung selbst. Bestätigt wird dies zusätzlich durch eine große Anzahl an ausgebildeten Pflegepersonen, die beispielsweise nach einer Babypause nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren wollen. Das „Schrauben“ an der Ausbildung ist für die Politik jedoch einfacher und billiger als die Schaffung zufriedenstellender Arbeitsbedingungen in der Praxis. Hier muss ein rasches Umdenken erfolgen.

Denkanstoß 3: Stärken wir die Gesundheits- und Krankenpflegeschulen. Es gibt verschiedene Tendenzen bzw. ist es schon Praxis, die Ausbildung zur Pflegeassistenz beispielsweise an Landwirtschaftlichen Fachschulen oder anderen Schulformen mitanzubieten. Neben der Absicherung des Schulstandortes steht für mich die Forderung an erster Stelle, Pflege sollte von Pflegepädagog*innen unterrichtet werden. Wir dürfen die Ausbildungskompetenz nicht schweigend abgeben oder uns wegnehmen lassen. Mit der Abgabe der Ausbildungskompetenz geht ein wesentliches Stück der Autonomie in der Pflege verloren. Eine noch schnellere und billigere Ausbildung ist nicht die Lösung eines Pflegenotstandes, sondern kaschiert nur die grundlegenden Probleme.

Denkanstoß 4: Vergessen wir die „geborene Krankenschwester“. Die Medien und die Politik benutzen noch immer gerne das Bild von der klassischen Krankenschwester, die sich mütterlich und aufopfernd ihrer Berufung hingibt, und welche Mutter sagt gerne nein oder fordert etwas ein? Seit dreißig Jahren höre ich bei Abschlussfeiern, wie in politischen Festansprachen die besondere Rolle der Krankenschwester, ihre spezielle Bestimmung und ihre speziellen Fähigkeiten dankend erwähnt werden. Hier wird ein Frauenbild bedient, welches seit vierzig Jahren eigentlich überwunden sein sollte. Die feministischen Errungenschaften bzw. die Erkenntnisse der Gender-Forschung dürften an der Pflege spurlos vorübergegangen sein und ob die Akademisierung am bestehenden Habitus der „dienenden Frau“ etwas ändert, wird sich noch zeigen. Lassen wir uns nicht auf diese Rolle reduzieren, sondern zeigen wir der Gesellschaft, dass die Pflege ein interessanter und anspruchsvoller Dienstleistungsberuf ist, ohne den unser hochgelobtes Gesundheitssystem zusammenbrechen würde.

Denkanstoß 5: Erobern wir die Gremien – machen wir uns wichtig. Pflege als wichtiger Teil der Gesellschaft muss bei verschiedensten Themen mitreden können, besonders aber, wenn es um die Pflege selbst geht. Ich würde gerne in Fernsehsendungen kompetente Pflegepersonen sehen und nicht, wie bereits erwähnt, die üblichen Spezialist*innen ohne pflegerischen Hintergrund. Werden für die Ausbildung neue Lehrpläne entwickelt, wünsche ich mir die Teilnahme von Pflegepädagog*innen, die darauf achten, dass man aus hochwissenschaftlichen, didaktischen Modellen auch einen praktikablen Stunden- und Prüfungsplan ableiten kann. Pflege darf nicht schweigend in einer passiven Rolle verharren und andere für sich sprechen lassen.

Denkanstoß 6: Werden wir politisch. Wenn sich die Politik nicht für die Pflege interessiert, weil es immer irgendwie weitergeht, dann muss die Pflege eben politisch werden. Politisch zu sein bedeutet, sachliche Inhalte in eine spezielle Form zu bringen, Interessen zu vertreten, nach Möglichkeit durchzusetzen sowie Netzwerke zu knüpfen. Pflege kann politisch agieren und trotzdem unparteiisch sein. Die Botschaften der Pflege müssen aber so formuliert werden, dass ein*e Politiker*in sie verstehen kann und sie sollten auch immer den Eigennutz ansprechen. Politiker*innen denken oft in schnellen Lösungen und nicht sehr langfristig, weil sie immer die nächste Wahl und die Wähler*innenstimmen vor Augen haben. Zusätzlich wird jeder Vorschlag primär nach seinen finanziellen Kosten beurteilt und daher die schnelle und billigere Lösung bevorzugt. Die Pflege sollte daher lernen, wie man der Politik zukünftige Projekte präsentieren muss, nur so können wichtige Interessen durchgesetzt werden. Wir brauchen in der politischen Arbeit ein gewisses Durchhaltevermögen und genügend Zeit und Energie, die notwendigen Strukturen aufzubauen.

 

Natürlich sind diese Denkanstöße nicht vollständig, vielleicht sind manche übertrieben und wichtige Themen fehlen noch. Vielleicht ergeben sich daraus neue Perspektiven und Fragestellungen für die zukünftige Berufspolitik, für Diskussionen und für die Forschung.  Nutzen wir aber die Gunst der Stunde, um der Pflege den Status zu geben, den sie schon lange verdient. Gemeinsam, geplant und mit eigener Stimme.

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Zur Person

Christian Balon, MSc

Diplom der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege, Sonderausbildung für Intensivpflege, Lehrer an der Gesundheits- und Krankenpflegeschule Mistelbach

War als Fachbuchautor sowie als Referent im Bereich des Wundmanagements in Österreich und Deutschland tätig.

War von 2010 bis 2020 in der kommunalen Spitzenpolitik, zuletzt als Vizebürgermeister und Bürgermeister einer Bezirkshauptstadt sowie als Parteiobmann und im Niederösterreichischen Gemeindebund aktiv.

christian.balon@aon.at

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