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Doris Zeidler, Elisabeth Haslinger-Baumann, Theresa Galanos, Katharina Nopp, Franz Werner
Linked Care - Durchgehende Informationsversorgung in der mobilen Pflege und Betreuung

Die professionelle Gesundheitsdokumentation wird zunehmend in digitaler Form durchgeführt. Ziel des Forschungsprojekts Linked Care ist es, sicherzustellen, dass Betroffene und deren Angehörige sowie Gesundheitsprofessionist*innen in Pflege- und Betreuungsberufen, Ärzt*innen, sowie Therapeut*innen und Apotheken effizient, sicher und niederschwellig mit optimaler IT-Unterstützung zusammenarbeiten. Es wird eine durchgängige digitale Informations- und Kommunikationsbasis geschaffen, die eine hochqualitative und effektive Gesundheitsversorgung sicherstellen hilft.

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Einleitung/Hintergrund

Alle Gesundheitsberufe sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihre berufsbezogenen Tätigkeiten zu dokumentieren. Die Planung und Bestätigung der geleisteten Maßnahmen an den Patient*innen/Klient*innen muss schriftlich dokumentiert werden. Digitale Dokumentationssysteme werden zunehmend eingesetzt, aktuell sind jedoch häufig noch digitale und analoge Systeme gleichzeitig im Einsatz (Rösler et al., 2017).

Ziel des Leitprojekts Linked Care ist eine durchgängige Dokumentation für einen gelungenen Informationsaustausch zwischen den Betroffenen (Klient*innen/Patient*innen) und deren gesundheitsbezogenem Unterstützungssystem von informeller Versorgung (An- und Zugehörige) sowie Gesundheitsprofessionist*innen aus Pflege/Betreuung, Therapie und Medizin zu schaffen. Diese Zusammenarbeit soll mit möglichst wenig Schnittstellenverlusten erfolgen und eine hochqualitative Gesundheitsversorgung sicherstellen helfen. Dafür wird ein niedrigschwelliges und sicheres digitales Tool auf Basis genormter Schnittstellen aufgebaut.

Die gesamte Entwicklung wird im engen Austausch mit Stakeholdern aus Politik, Verwaltung und Standesvertretungen stehen. Auch das Projektkonsortium setzt sich aus Vertreter*innen der Pflege, Technik, Wissenschaft und Praxisexpert*innen zusammen, die für eine ganzheitliche, passgenaue Entwicklung von Linked Care sorgen.

Drei Zielgruppen werden adressiert: Betroffene und ihre An- und Zugehörigen, Gesundheitsprofessionist*innen, sowie Gesundheitsdienstleister.

Das Projekt wird von der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) gefördert und hat eine 4-jährige Laufzeit (2021-2025).

Methoden

Basis für die Entwicklung der durchgehenden Informationsversorgung ist der nutzer*innenzentrierte Design-Ansatz – human centered Design (Arnold, 2016). Anhand eines partizipativen Vorgehens (Wright, Block und Unger, 2007) werden die Zielgruppen in jeder Phase des Projekts miteinbezogen. Im gesamten Projekt wird ein Mixed Methods Ansatz angewendet. Ein besonderer Fokus wird auf die Einhaltung ethischer Prinzipien gelegt, da vor allem die Wahrung der Autonomie und Selbstbestimmtheit der Klient*innen/Patient*innen einer starken Berücksichtigung bedarf. Ein weiterer starker Angelpunkt im Projekt ist der Umgang mit gesundheitsbezogenen Daten, hier wird in besonderer Weise das Regelwerk der DSGVO angewendet.

In vorliegender Arbeit wird nun auf die Ergebnisse der Literaturrecherche  eingegangen. Die Literaturrecherche fand zwischen April und Juli 2021 statt und orientierte sich am PRISMA-ScR (Tricco et al., 2018). Es wurden u.a. die Datenbanken Cinahl, Cochrane Library, ResearchGate sowie Thieme eRef, herangezogen. Folgende Suchbegriffe wurden u.a. verwendet: „Dokumentation mobile Pflege“, „Pflegedokumentation digital“, „minimum data set“, „electronic health records“, „mobile care“, „healthcare“, „data exchange”, „nursing informatics”.

Einschlusskriterien waren der Zeitraum von 2009 bis 2021, deutsche und englische Sprache und eine Vergleichbarkeit mit westlichen Gesundheitssystemen.

Ergebnisse der Literaturrecherche bezüglich digitaler Dokumentation

Gesamt wurden 44 wissenschaftliche Artikel und Bücher miteinbezogen. Die Ergebnisse können auf Situation und Bedarf, Dokumentation, Potential und Herausforderungen der Digitalisierung, sowie die Datenbasis zusammengefasst werden.

Situation und Bedarf

Bekannt ist, dass sich aufgrund des soziodemographischen Wandels zukünftig mehr alte und hochaltrige Menschen in häuslicher Pflege und Betreuung befinden werden. Die Gesamtanzahl jener Personen, die das 75. Lebensjahr vollendet haben, wird im Jahr 2030 um 39% höher sein als 2015. Der Anstieg in der Personengruppe der über 85-Jährigen wird noch stärker ausfallen (MA 24, Gesundheits- und Sozialplanung, 2016, S. 6), somit ist in absehbarer Zeit vor allem mit einem höheren Bedarf an mobilen Leistungen zu rechnen.

Bei alten und hochaltrigen Klient*innen und bei chronischen Erkrankungen zeigen sich komplexe Situationen mit hohem Abstimmungsbedarf zwischen den einzelnen Personen, Organisationen und Berufsgruppen (Strupeit et al., 2017). Betont wird, dass auch mobile, stationäre und teilstationäre Bereiche Schnittstellen aufweisen.

Dokumentation – unterschiedliche Verständnisse

Die Entwicklung einer Pflegedokumentation ist geschichtlich relativ jung. Eine Weiterentwicklung geschieht rasant in unterschiedlichen regionalen und organisationalen Settings. Hierdurch entsteht eine parallele und wenig verschränkte Dokumentation.

Letztendlich führte die GuKG-Novelle (2016) zur Überarbeitung in einigen Bereichen der Pflegedokumentation sowie deren Anwendungen in der Praxis. Es finden sich nun eine Fülle von unterschiedlichsten Ansätzen und Unterlagen sowie analoge und digitale Systeme.

Aber schon beim Begriff Pflegedokumentation gibt es unterschiedliche und kaum definierte Verständnisse. Ebenso sind die Beschreibungen der Qualitätsansprüche an die Dokumentation in der Literatur heterogen beschrieben (Kozon und Mittermaier, 2009; Schmidt, 2016).

Eine Annäherung an den Begriff der Pflegedokumentation kann durch den Fokus auf die tatsächlichen pflegerischen Kernkompetenzen vorgenommen werden, wie dies von Rappold und Aistleithner (2017) empfohlen wird. Sie empfehlen weiter generell eine Fokussierung der Pflegedokumentation und eine integrierte und berufsgruppenübergreifende Dokumentation des gesamten therapeutischen Teams, was eine berufsgruppenübergreifende Dokumentation unumgänglich macht. Momentan ist ein Großteil des Anordnungs-, Vorschlags- und Mitwirkungsrechtes und die Möglichkeit der Einsicht in andere berufsspezifische-, aber pflegerelevante Dokumentation, nicht mitberücksichtigt. Diese deutlichen Schnittstellen bestehen und werden in der Literatur insbesondere zu Hausärzt*innen beschrieben.

Die Berufsgruppen, die am Genesungsprozess beteiligt sind, benutzen unterschiedliche Dokumentationssysteme, wobei kein Zugriff auf das jeweils andere System besteht. Des Weiteren ist die Informationsübertragung von medizinisch relevanten Daten zu Pflegefachkräften, die in der häuslichen Pflege arbeiten, mangelhaft, sodass diese Professionist*innen behandlungsrelevante Entscheidungen ohne Zugriff auf medizinische Daten ihrer Klient*innen tätigen müssen (Wälivaara et al., 2011). Es besteht also eine hoch segmentierte Dokumentation entlang und auch innerhalb der einzelnen Berufsgruppen.  Gefordert wird in der Literatur, insbesondere der Gesundheits- und Sozialplanung, eine stärkere Einbindung und Abstimmung mit allen Beteiligten in den mobilen Pflege- und Betreuungsnetzwerken.

Potential, Herausforderungen der Digitalisierung

Die McKinsey Studie zeigt eindrucksvoll, welches Potential es durch eine Digitalisierung im Gesundheitswesen in Österreich gibt. Helmcke et al. (2021) sprechen von einer 4,7 Milliarden Euro Chance für Österreich. Die größten Einsparungspotentiale sehen Helmcke et al. (2021) beispielsweise durch die Anwendung von Online-Interaktionen, insbesondere durch Teleberatung, bzw. Kostenreduktionen durch papierlose Daten, e-Rezepte und digitale Vernetzung des Pflegepersonals.

Die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) bringt Österreich eine breit angebundene und von vielen Systemen genutzte Gesundheitsdaten-Infrastruktur. Die e-Gesundheitsakte ELGA ermöglicht durch offene Schnittstellen eine Vielzahl digitaler Gesundheitstechnologien. Dies unterstützt deutlich die geplante Vorgehensweise im Linked Care Projekt.

Als besondere Herausforderungen in Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung wird u.a. ein höheres Risiko für Datensicherheit und Datenschutz darstellt. Aber auch, dass die Verfügungsmacht über die persönlichen Daten bei den Patient*innen liegen muss.

Die Ambivalenz zwischen der Zeitersparnis in der Pflegedokumentation und dem zeitlichen Mehraufwand unter Anwendung eines digitalen Systems ist hervorzuheben.

In einem größeren Kontext gedacht, steht die Pflegedokumentation nicht für sich allein, sondern ist in eine (elektronische) Gesundheitsakte involviert. Laut Hertzum (2021) dient diese Akte als Dokumentationsplattform, auf der relevante Daten zusammengetragen werden.

Einheitliche Basis

Eine einheitliche Datenbasis verbessert die Beantwortung von versorgungsrelevanten Fragestellungen, verringert den administrativen Mehraufwand der beteiligten Leistungserbringer*innen und dient der Qualitätssicherung.

Klassifikationssysteme können helfen, vergleichbare Daten für übergeordnete Fragestellungen, wie Wissensmanagement, Qualitätssicherung, Controlling, Monitoring usw., abzuleiten. Im Gegensatz zur gesetzlich verankerten Diagnoseklassifikation in der Medizin wird im österreichischen Gesetz kein standardisiertes Pflegeklassifikationssystem vorgegeben. In diesem Zusammenhang ist eine Vergleichbarkeit von Gesundheitsdaten aus dem Pflegebereich auf nationaler und/oder internationaler Ebene nur dann möglich, wenn bei den verschiedenen Pflegeklassifikationssystemen eine Begriffsinteroperabilität geschaffen wird.

Fazit

Die stark segmentierte Dokumentation der einzelnen Gesundheitsberufe verhindert die zeitgerechte, einfache und durchgängige Kommunikations- und Informationsweitergabe. Im Leitprojekt Linked Care besteht die größte Innovation darin, dass erstmals durch den breiten Einsatz einer durchgängigen digitalen Kommunikations- und Informationstechnologie eine niederschwellige und rasche Vernetzung der verschiedenen Gesundheitsprofessionen, Organisationen und Gesundheitsdienstleister und eine multiprofessionelle Zusammenarbeit ermöglicht wird, die eine Basis für die adäquate, evidenzbasierte und umfassende Gesundheitsversorgung zu Hause schafft.

 

Projektkooperationen

Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit, Johanniter Österreich Ausbildung und Forschung gem. GmbH, Wiener Rotes Kreuz- Rettungs-, Krankentransport-, Pflege- und Betreuungsgesellschaft m.b.H., Volkshilfe Gesundheits- und Soziale Dienste GmbH (GSD GmbH), Volkshilfe Wien gemeinnützige BetriebsGmbH, Myneva Carecenter Software GmbH, Loidl-Consulting & IT Services GmbH, Compugroup Medical CGM, Österreichische Apotheker-Verlagsgesellschaft m.b.H, Steszgal Informationstechnologie GmbH, Fachhochschule Campus Wien, Fachhochschule Technikum Wien, Universität Wien.

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Literatur

Arnold, J.E. (2016). Creative Engineering Promoting Innovation by Thinking Differently. Edited with an introduction and biographical essay by Clancey W. Stanford Digital Repository. Copyright © 2016 Arnold, JE Jr.

Helmcke, S., Biesdorf, S., Bauer, F. & Berger, W. (2021). mckinseystudiedigitalisierung im gesundheitswesen die 47mrdeurochance fur Österreich.

Hertzum, M. (2021). Electronic Health Records in Danish Home Care and Nursing Homes: Inadequate Documentation of Care, Medication, and Consent. Applied clinical informatics, 12(1), 27–33. https://doi.org/10.1055/s-0040-1721013

Kozon, V. & Mittermaier, M. (2009). Von Tafel und Kreide, Papier und Tinte bis zum Computer. In Österreichische Pflegezeitschrift 62(11) ÖGKV: Wien, 8-12.

MA 24, Gesundheits- und Sozialplanung (2016). Pflege und Betreuung in Wien 2030: Vorausschauend und vorbereitet Strategiekonzept.

Polit, D., Beck, Ch. & Hungler, B. (2004). Lehrbuch Pflegeforschung: Methodik, Beurteilung und Anwendung. Bern: Hans Huber Verlag.

Rappold, E. & Aistleithner, R. (2017). Arbeitshilfe Pflegedokumentation 2017 (3. Aufl.). Gesundheit Österreich GmbH / Geschäftsbereich ÖBIG.

Rösler, U., Schmidt, K., Merda, M. & Melzer, M. (2018). Digitalisierung in der Pflege. Wie intelligente Technologien die Arbeit professionell Pflegender verändern. Berlin. Digitalisierung in der Pflege – PDF Kostenfreier Download (docplayer.org)

Schmidt, S. (2016). Das QM-Handbuch: Qualitätsmanagement für die ambulante Pflege (3. Auflage). Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-49868-2

Strupeit, S., Boldt, C. & Buss, A. (2017). Schnittstellen in der Versorgung von pflege- und hilfebedürftigen älteren Menschen: Probleme und Lösungsansätze aus Sicht der Pflege. Schriftenreihe Versorgungsforschung: Band 3. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).

Tricco, A. C., Lillie, E., Zarin, W., O’Brien, K. K., Colquhoun, H., Levac, D., Moher, D., Peters, M. D. J., Horsley, T., Weeks, L., Hempel, S., Akl, E. A., Chang, C., McGowan, J., Stewart, L., Hartling, L., Aldcroft, A., Wilson, M. G., Garritty, C. & Straus, S. E. (2018). PRISMA Extension for Scoping Reviews (PRISMA-ScR): Checklist and Explanation. Annals of internal medicine, 169(7), 467–473. https://doi.org/10.7326/M18-0850

Wälivaara, B.‑M., Andersson, S. & Axelsson, K. (2011). General practitioners‘ reasoning about using mobile distance-spanning technology in home care and in nursing home care. Scandinavian journal of caring sciences, 25(1), 117–125. https://doi.org/10.1111/j.1471-6712.2010.00800.x

Wright, M., Block, M. & Unger, H. V. (2007). Stufen der Partizipation in der Gesundheitsförderung: Ein Modell zur Beurteilung von Beteiligung. In: Gesundheit Berlin (Hrsg.): Dokumentation 13. bundesweiter Kongress Armut und Gesundheit, Berlin.

 

Websites

Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) Abgerufen am 02.01.2022 von https://www.dsb.gv.at/recht-entscheidungen/gesetze-in-oesterreich.html

Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) Abgerufen am 02.01.2022 von: https://www.elga.gv.at/

Gesundheits- und Krankenpflegegesetz, Gesamte Rechtsvorschrift für Gesundheits- und Krankenpflegegesetz Abgerufen am 12.12.2021 von https://www.ris.bka.gv.atProjekt Linked Care – Durchgehende Informationsversorgung in der mobilen Pflege und Betreuung Abgerufen am 01.01.2022 von https://www.fh-campuswien.ac.at/lehre/hochschullehre/projekte/detail.html?tx_asfhcw_project%5Baction%5D=show&tx_asfhcw_project%5Bcontroller%5D=Project&tx_asfhcw_project%5Bproject%5D=184&cHash=8957f26f0513fa9afdbcac6c43b1bffd

 

 

 

Zur Person

Mag.a Doris Zeidler

Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum für Angewandte Pflegeforschung am Department Angewandte Pflegewissenschaft der FH Campus Wien tätig. Als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und studierte Psychologin verfügt sie über langjährige praktische und wissenschaftliche Erfahrungen im Bereich der Pflege, Gesundheitsförderung und des Projektmanagements.

FH-Prof.in Mag.a Dr.in Elisabeth Haslinger-Baumann, DGKP

Elisabeth Haslinger-Baumann ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und studierte Philosophie und Politikwissenschaft sowie Pflegewissenschaft. Leiterin des Kompetenzzentrums Angewandte Pflegeforschung am Department Angewandte Pflegewissenschaft der FH Campus Wien. Projektleiterin von mehreren nationalen und internationalen interdisziplinären Projekten an der Schnittstelle Pflege und Digitalisierung sowie Evidence based Nursing

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