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Phillip Jost, René Kerschbaumer
Acute Community Nursing (ACN) Pilotprojekt: Notruf Niederösterreich
24/7 pflegerisches Troubleshooting im Akutsetting

„In Zeiten, in denen es immer schwieriger wird die Ressource Ärzt*in flächendeckend und zeitnahe an Einsatzorte zu bringen, gewährleistet der Einsatz der ACN eine Versorgung, vorwiegend in der Rolle des ,Trouble Shooters‘, einerseits als qualitativ hochwertig ausgebildete Notfallsanitäter*in und andererseits als akademisch ausgebildete Pflegeperson, die steigende psychosoziale und pflegerische Bedarfe in Akutsituationen professionell beantworten kann.“ (Notruf Niederösterreich, o.J.)

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Notruf Niederösterreich betreibt seit dem 18.5.2020 (der eigentlich geplante Projektstart musste aufgrund der Pandemie kurz verschoben werden) am Standort Bruck an der Leitha (Bezirkshauptstadt ohne lokalem Klinik-Standort und ohne Notarzt-Stützpunkt) einen Acute Community Nursing – Stützpunkt. Hierbei wurden im Projekt erstmalig zwei Berufsbilder geplant kombiniert. In den letzten zwei Jahren entstand hierbei ein neues Tätigkeitsprofil, in welchem wir als professionelle präklinische Fachkraft ein weites Spektrum an Einsätzen betreuen durften.

Die Acute Community Nurse und ihr Tätigkeitsprofil

Als Acute Community Nurses schlüpfen wir hierbei in zwei Rollen. Als Pflegepersonen meistern wir komplexe Aufgaben wie Beratung, Edukation und „hands-on“-Interventionen, welche auch in den Bereich des Case-und Care-Managements hineinreichen. Wir bewegen uns dabei im weiten Feld der Gesundheits- und Krankenpflege, als auch in enger Kooperation mit dem Bereich der Primär- und Sozialversorgung. Als Notfallsanitäter*innen unterstützen wir den Bereich des Rettungsdienstes, insbesondere der Notfallrettung. Hierbei können Acute Community Nurses einerseits komplexe Entscheidungen über Behandlungswege treffen, als auch erweiterte klinische Versorgungsmaßnahmen übernehmen.

Die Acute Community Nurse soll für die Versorgung folgender Personen bzw. Patient*innengruppen zur Verfügung stehen:

Bereich Rettungsdienst:

  • Akut- und Notfallpatient*innen im Rahmen der rettungsdienstlichen Versorgung, Evaluierung der weiteren Versorgung und wenn nötig Transportbegleitung von Patient*innen bei ausgewählten Rettungsereignissen

Bereich Community Nursing:

  • Personen mit diagnostizierten und therapieresistenten chronischen Grunderkrankungen – Besuche im Rahmen von Disease Management-Programmen bzw. Akutvisiten bei Exazerbation
  • Personen mit akuten Problemen aufgrund von Sonden und ableitenden Systemen (PEG-Sonden, Magensonden, suprapubische und transurethrale Harnkatheter, Enterostoma etc…)
  • Personen nach Entlassung von ungeplanten ambulanten oder kurzstationären Aufenthalten (in Kooperation mit dem entlassenden Krankenhaus)
  • Visiten im Auftrag bzw. in Absprache mit regional tätigen niedergelassenen Ärzt*innen (Allgemeinmediziner*innen und Fachärzt*innen)
  • Personen, die aus psychischen und/oder sozialen Gründen kaum Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben

Durch den Einsatz der Acute Community Nurse in Niederösterreich werden folgende Zielsetzungen verfolgt:

  • Verbesserung der Versorgungsqualität durch „Trouble-Shooting“ insbesondere an Tagesrandzeiten, nachts und an Wochenenden bzw. Feiertagen
  • Reduzierung von Ambulanzkontakten und Hospitalisierungen durch Versorgung in Akutsituationen im häuslichen Umfeld
  • Unterstützung des niedergelassenen Bereichs bzw. der Primärversorgung durch Übernahme von Hausbesuchen in Akutsituationen durch ACN
  • Höhere Lebensqualität von Menschen mit einer chronischen Erkrankung, pflegebedürftiger und alter Menschen durch Verhinderung langer Transportwege und Wartezeiten
  • Optimierung der Versorgungsqualität durch Nahtstellenmanagement und Vernetzung mit anderen Berufsgruppen, niedergelassenen Ärzt*innen, ambulanten Diensten, Sozialarbeiter*innen und anderen in der Region
  • Stärkung des Rettungswesens durch Zusammenarbeit mit ACN mit erweiterten Kompetenzen für den Rettungseinsatz
  • Erarbeitung eines zukunftsträchtigen Tätigkeitsprofils für ACN unter Bezugnahme auf die analysierten Leistungsdaten der Pilotierung sowie  von rettungsdienstlichen und pflegerischen Versorgungsstandards für Akutsituationen und deren Umsetzung samt Evaluation im Pilotbetrieb

Durch den Einsatz der Acute Community Nurse in Niederösterreich werden folgende Nicht-Ziele-Z definiert:

  • Eingriff in die Regelversorgung bestehender Gesundheitsanbieter und -einrichtungen (Fokus auf Versorgungslücken „Trouble Shooting“)
  • Integration in den operativen Arbeitsprozess der ambulanten Dienste
  • Konkurrenzsituation mit anderen Stakeholdern
  • Wiederkehrende Routinetätigkeiten über längere Zeiträume
  • Gewerblicher Einsatz

Wie wird die Acute Community Nurse tätig?

Die Einsatzindikationen sind in der Alarm- und Ausrückeordnung von Notruf Niederösterreich festgelegt. Die Einsätze begründen sich überwiegend durch Anrufe auf den Telefonnummern 1450, 144 und 141. Es sind aber auch Anforderungen im Rahmen von technischen Systemen, z. B.Schnittstelle zur LandessicherheitszentraleBurgenland, Notruf-Apps usw., möglich. Einen Gamechanger im ACN-Projekt stellen definitiv die ausgereiften Prozesse von Notruf Niederösterreich dar. Die korrekte Zuweisung über die verschiedenen Akut-Telefonnummern, als auch die enge Zusammenarbeit mit der Emergency Communication Nurse (DGKP in der Leitstelle) sind als Erfolgsfaktor in der täglichen Arbeit hervorzuheben. Die ACN kann auch direkt über Partner in der Primärversorgung, der Akutversorgung, als auch des Pflege- und Sozialbereiches aktiviert werden.

Besonderheiten des Projektes

  • Kombination von zwei Berufsbildern und somit zwei rechtlichen Hintergründen (Sanitätergesetz, Gesundheits- und Krankenpflegegesetz)
    • Diese Kombination ergänzt sich sehr gut. Über die Notfallkompetenzen aus der Notfallsanitäter*innen-Ausbildung sind via sogenannter Arzneimittellisten zum Beispiel auch medikamentöse Erstversorgungen möglich. Über die DGKP-Ausbildung besteht ein umfangreicher pflegerischer, medizinischer und psychosozialer Wissensstand und durch die Kombination all dieser Faktoren können die Möglichkeiten beider Berufsfelder besser ausgeschöpft werden.
  • Durch die Lösung von Akutproblemen vor Ort können Hospitalisierungen oder Ambulanzkontakte reduziert werden.
  • „Single Responder“:
    o Die ACN gehen solo in den Einsatz, fallweise sind Praktikant*innen mit an Bord.
  • Keine „Transport-Orientierung“:
    • ACN leisten Erstversorgung und werden erforderlichenfalls überbrückend tätig, bzw. evaluieren die erforderlichen weiteren Behandlungsschritte und leiten diese ggf. ein. Rettungstransportmittel (Rettungswagen, Krankentransportwagen, Notarzthubschrauber)werden erforderlichenfalls parallel alarmiert oder durch ACN nachgefordert.
  • Keine Finanzierung via Transport-Entgelten (im Gegensatz zum Rettungsdienst)
  • Übernahme von weniger komplexen Notärzt*in-Einsätzen im Notfall-Rettungsdienst
  • „Out of hours“-Verfügbarkeit – 24/7/365 – Abdeckung von Randzeiten
    • für pflegerische Interventionen und Primärversorgung
    • Direktanforderung für Akutsituationen durch Ordinationen, Hauskrankenpflege etc.
    • Alarmierung über Rettungsleitstellen
    • Anforderungen im Einzelfall durch Rettungsdienste, Palliativteams etc.
  • Über die Notfall-Schiene kommen die ACN in private Wohnbereiche bzw. in häusliche Pflegesituationen und können anhand ihrer (pflegerischen) Ausbildung evtl. Defizite oder Überforderungssituationen erkennen und an einer Behebung dieser mitwirken. Die ACN kann unmittelbar aufsuchende Sozialarbeit aktivieren. Durch eine direkte Anforderungsmöglichkeit des Notruf Niederösterreich Akutteams – „aufsuchende“ SozialarbeiterInnen

Aktuelle Statistik (Zeitraum des Pilotprojekts: 18.5.2020 bis 11.1.2022)

Bisher erfolgten seit Start des Projekts 3264 Alarmierungen.
Diese verteilten sich auf ca. 1/3 Alarmierungen im Bereich Primärversorgung/pflegerische Interventionen – „1450 und 141“ (31,4%), und 2/3 rettungsdienstliche Notfall- Einsatzindikationen – „144“ (67,19%, Rest: sonstige).

Die 3264 Alarmierungen inkludieren bzw. daraus resultierten 1300 Versorgungen  „vor Ort“ (40%):

  • 1253 Versorgungen vor Ort durch ACN (kein Transport ins Krankenhaus)
  • 47 „NACA 7“ Patient*innen verstarben vor Ort (Todesfeststellung/erfolglose Reanimation)

Hospitalisierungen (n=1546, 47%):

  • 1404 Hospitalisierungen durch Rettungsmittel (ohne ACN Begleitung)
  • 142 Hospitalisierungen durch Rettungsmittel mit ACN Begleitung (umfangreichere Versorgung und überwachungspflichtige*r Patient*in)

Umdispositionen/Stornos/Fehleinsätze (n=418, 13%):

  • 57 Umdispositionen (dringlicherer Einsatz wurde bereits alarmiertem Einsatz vorgezogen, die deswegen abgebrochenen Einsätze wurden danach durchgeführt)
  • 361 Stornos (überwiegend im Bereich Notfallrettung, diverse Stornogründe: Revers/Patient*in lehnte Versorgung ab, Storno durch Ärzt*in, Storno durch Einsatzmittel vor Ort, Storno durch First Responder vor Ort, Fehleinsatz ect.)

Anmerkung:
Im Bereich der Hospitalisierungen findet sich ein gewisser Prozentsatz an Patient*innen, die ebenfalls zu Hause versorgt werden könnten, wenn gewisse Weiterentwicklungen umgesetzt oder möglich werden (Zusatzausbildungen bei ACN, Telemedizin usw.) bzw. rechtliche, organisatorische und systemische Anpassungen erfolgten, z. B. E-Rezept).

Auszüge – spezielle Leistungen:

  • In 1479 Fällen wurden Medikamente verabreicht (Infusionen, orale oder intravenöse Medikamente).
  • Es wurden 546 ausführliche Beratungsgespräche mit Patient*innen und/oder Angehörigen durchgeführt (Beratung, Unterstützung bei der Einleitung von Maßnahmen) und 52 umfangreichere Schulungen für Angehörige durchgeführt.
  • Bei 47 Personen wurden relevante pflegerische Defizite identifiziert und entsprechende Maßnahmen umgesetzt und eingeleitet).
  • In 15 Fällen wurden stark verwahrloste Personen identifiziert und entsprechende Maßnahmen umgesetzt und eingeleitet.
  • Bei 614 PatientInnen wurden umfangreiche pflegerische Interventionen durchgeführt (Wundversorgungen, Sonden-, Stoma- und Katheterpflege, Körperpflege, Mobilitätshilfe, Lagerungen, Flüssigkeitsaufnahme, Inkontinenzversorgung, , u.v.m.).

In Umsetzung und Evaluierung befindliche Weiterentwicklungen:

  • Derzeit wird die Verwendung eines mobilen Ultraschallgeräts evaluiert. Das Gerät wäre auch „Telemedizin-fähig“, d. h. es könnte auch telemedizinische Unterstützung erfolgen.
  • Nicht-invasive Beatmung: Evaluierung von NIV-Beatmungsgeräten (Ausweitung der notfallmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten der ACN)
  • Weiterbildungsmaßnahmen und Trainings zur Ausweitung der medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten durch die ACN

Externe Evaluierung und Qualitätsmanagement:

  • Es erfolgt eine externe Evaluierung durch die Gesundheit Österreich GmbHH (Abschlussbericht erscheint in Kürze).
  • Internes Qualitätsmanagement von Notruf Niederösterreich: Supervisionsdienste, Fallbesprechungen, Evaluierung aller Einsatzdokumentationen, kontinuierliche Verbesserungen und regelmäßige Teambesprechungen

(Zukünftige) Herausforderungen und Weiterentwicklungen, die die Effizienz der ACN  steigern könnten:

  • Telemedizin 24/7 Support der ACN durch geeignete telemedizinische Ansprechstelle(-n)
  • Digitalisierung (!) und Weiterentwicklung der vorhandenen Tools
  • Vernetzung und teilautomatisierter Datenaustausch
    • Schnittstellen, virtuelle Kommunikation, Informationsaustausch
    • Systematisierung und Automatisierung der Kommunikation mit anderen Stakeholdern (übergreifendes Case- und Care-Management)

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Zur Person

Philipp Jost, BSc, MSc, MBA

Community Nursing/ Mobile Notfallpflege

René Kerschbaumer

Qualitätsmanagement Notruf Niederösterreich

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