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Lisa Weidinger
Traumapädagogik als angewandte Pädagogik und Haltung für die Pflege?
- eine Bezugsdisziplin mit Potential für die geriatrische Pflegepraxis

Insbesondere ältere Menschen (70+) sind von Folgen früher traumatischer Erlebnisse betroffen. Zwei Drittel der Menschen dieser Generation haben entweder im Krieg oder in der Nachkriegszeit traumatische Erfahrungen, wie etwa körperliche Gewalt oder Leid, durchleben müssen. Das Thema „Trauma“ hat bis heute kaum Einzug in Langzeitpflegeeinrichtungen gefunden. Für Betroffene wäre ein reflektierter Umgang mit Trauma und dessen Folgen, so wie es die Disziplin der Traumapädagogik vorsieht, wesentlich, um Retraumatisierungen im pflegerischen Kontext zu vermeiden.

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Angesichts der aktuellen Ereignisse- des Einmarsches Russlands in die Ukraine- welcher vor allem die europäische Bevölkerung erschüttert, ist das Thema Traumatisierungen, bedingt durch Kriegsverbrechen, wieder unweigerlich virulent geworden.

Das Thema Trauma (und Alter) wurde in den letzten Jahrzehnten gesamtgesellschaftlich kaum wahrgenommen und war weitgehend einer Tabuisierung unterworfen. Es fehlte an professionellen Unterstützungs- und Beratungsangeboten für Betroffene. Hinzu kommt, dass sowohl in der pflegefachlichen Ausbildung als auch in der Praxis nur selten eine intensive Auseinandersetzung mit Traumatisierungen und (Re-)Traumatisierungsgefahren älterer Menschen stattfindet (Weidner, Emme von der Ahe, Lesner & Baer, 2016).

Unter einem Trauma ist ein unfassbares, unkontrollierbares Ereignis zu verstehen, das existentiell bedrohlich ist und beim Betroffenen Gefühle wie Hilflosigkeit, Kontrollverlust und Ohnmacht hervorruft (Paula e. V., 2016). In etwa 75% der Gesamtbevölkerung durchlebt Schätzungen von Forscher*innen zufolge mindestens eine traumatische Erfahrung in ihrem Lebenslauf. Ob und wie stark das traumatische Ereignis jemanden nachhaltig prägt und belastet, hängt von verschiedenen Faktoren, wie zum Beispiel der Schwere und Häufigkeit der Bedrohung sowie den Unterstützungsmöglichkeiten nach dem Ereignis ab (Paula e. V., 2016).

Vor allem ältere Menschen waren bislang von Traumafolgen, wie etwa gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Kriegsgeschehen, wie Ausbombung, Gewalt oder Verlusterlebnisse, betroffen (Hermann & Bäurle, 2010). Traumafolgen können noch Jahre oder Jahrzehnte später auftreten und sich unterschiedlich (stark) äußern (Paula e. V., 2016). Sie können etwa als körperliche Erkrankung in Form von Essstörungen auftreten, aber auch die soziale Kontaktfähigkeit durch Beziehungsängste beeinträchtigen und das persönliche Gefühlsleben, etwa durch Panikattacken, von Betroffenen gravierend prägen (Weidner, Emme von der Ahe, Lesner & Baer, 2016). Rund einer von vier Betroffenen entwickelt dabei schwerwiegende Folgestörungen, wie etwa eine Posttraumatische Belastungsstörung (Brunner, 2020).

Warum Traumata im Alter nach oftmals beschwerdefreien Intervallen reaktiviert werden, lässt sich zumeist durch verschiedene altersspezifische Veränderungen erklären. Durch den Verlust der Selbstständigkeit sind ältere Menschen häufig auf Unterstützung durch professionelle Pflegepersonen angewiesen. Insbesondere körpernahe Tätigkeiten können auf traumatisierte Menschen bedrohend wirken. Hinzu kommt, dass die Verluste der Handlungsfähigkeit im Alter unaufhaltsam sind und das Gefühl der Bedrohung dadurch stärker als bei jüngeren Menschen ausgeprägt ist. Auch die Häufung von Verlusterfahrungen im Alter, wie etwa das Versterben von nahen Vertrauenspersonen, kann eine Belastung für ältere Menschen darstellen und Traumareaktivierungen begünstigen (Hermann & Bäurle, 2010).

Bei einer Traumareaktivierung werden frühere traumatische Erlebnisse so erlebt, als würden sie im Hier und Jetzt stattfinden. Dies kann zu Verhaltensweisen und psychischen sowie psychiatrischen Symptomen führen, die im geriatrischen Kontext mit einer Alterserkrankung oder altersphysiologischen Veränderungen verwechselt werden können. Einige dieser Symptome sind etwa plötzliche Desorientierung, Angst- und Panikattacken, Überregung, Isolation oder Schlafstörungen (Böhmer, 2018).

Um eine traumatisierte Person zu reorientieren bzw. aus der getriggerten Situation in die Gegenwart zu holen, haben Scherwath und Friedrich (2012) einen Stufenplan für den sozialpädagogischen Kontext beschrieben, welcher auch in der Pflegepraxis Anwendung finden kann:

  1. Kontaktaufnahme (Ansprechen aus einer gewissen Distanz)
  2. Orientierung (Mitteilung, wo sich die bzw. der Betroffene befindet)
  3. Aktivierung (leicht verständliche Aufforderungen an den bzw. die Betroffene*n)
  4. Weitere Aktivierung (wenn Aktivierung erfolgreich war, dann Aufforderung sich im Raum umzusehen)
  5. Selbstorientierung (Betroffene*n nach dem Namen fragen)
  6. Aufklärung (was Flashbacks sind und auslösen können)
  7. Kontakt halten (Blickkontakt herstellen und weiter mit betroffener Person sprechen) (Brunner, 2020)

Vor allem Pflegehandlungen wie das An- und Auskleiden, Körperpflege, Inkontinenzversorgung, aber auch das Geschlecht oder die Sprache einer Pflegeperson bergen die Gefahr eine Traumaaktivierung hervorzurufen. Auch Umgebungsfaktoren im stationären Setting, wie etwa fehlende Ruheräume, verschlossene Türen bzw. nicht verschließbare Türen, Gerüche, Lärm, Nachrichten aus dem Radio über Gewalt oder dunkle Flure können Trigger für Betroffene darstellen und Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit bei traumatisierten Menschen auslösen (Paula e. V., 2016).

Um physische und psychische Traumfolgereaktionen einordnen  und adäquat darauf reagieren zu können, ist das Wissen über Traumata, deren Ursache und dessen Folgen für Pflegepersonen von immenser Bedeutung (Böhmer, 2018). Als weitere Komponente einer traumapädagogischen Grundhaltung zählen neben dem Wissen über Traumata auch Ressourcenorientierung, Wertschätzung und Verständnis. Traumapädagogik beinhaltet zudem die Förderung der Körper- und Sinneswahrnehmung, der Emotionsregulation und die Partizipation von Betroffenen (Lang et al., 2011).

Traumatisierte Menschen bedürfen laut traumapädagogischen Konzepten, welche ursprünglich für die Kinder- und Jugendhilfe entwickelt wurden, vor allem innerer und äußerer Sicherheit (Gahleitner et al., 2021). Daher ist es für Pflegepersonen wichtig, Betroffenen Sicherheit, Schutz und Vertrauen zu vermitteln, deren Verhalten wahrzunehmen und zu akzeptieren (Böhmer, 2018). Traumasensibel zu pflegen beinhaltet sehr vieles, aber vor allem ein ausgeprägtes Gespür für Nähe und Distanz, das durch Wahrnehmungsübungen und Schulungen gestärkt werden kann (Paula e.V. 2016; Weidinger, 2022).

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Literatur

Brunner, A. (2020). Traumaberatung und Traumapädagogik –Beratungskompetenz im Umgang mit traumatisierten Menschen. Abgerufen am 07.06.2022 von https://personen.fh-campuswien.ac.at/wp-content/uploads/2018/03/Trauma_Traumapaedagogik_Winterthur_2020.pdf

Böhmer, M. (2018). Traumatische Gewalterlebnisse in der Lebensgeschichte alter Frauen und Männer – Wenn die Seele erschüttert ist. Ergopraxis, 11 (06), 16–23.

Gahleitner, S., Golatka, A., Rothdeutsch-Granzer, C., Kronberger, H. (2021). Traumapädagogik. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, (20), 129–142.

Hermann, L. & Bäurle, P. (2010). Traumata – warum werden sie im Alter wieder aktiv? Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft, Psychologische Medizin, 8 (4), 31–39.

Lang, B., Schirmer, C., Andreae de Hair, I., Wahle, T., Lang, T., Stolz, A., Bausum, J. et al. (2011). Standards für traumapädagogische Konzepte in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Halle: Fachverband Traumapädagogik e.V.

Paula e. V. (2016). Pflegeanleitung Traumasensible Pflege für Frauen. Köln: Paula e.V.

Scherwath, C. & Friedrich, S. (2012). Soziale und pädagogische Arbeit bei Traumatisierung. München/ Basel: Ernst Reinhardt.

Weidinger, L. (2022). Traumapädagogik: Die Zeit heilt (nicht) alle Wunden. Pflegezeitschrift, 75 (6), 52-55.

Weidner, F. & Emme von der Ahe, H. (2016). Alter und Trauma. Unerhörtem Raum geben. Frankfurt am Main: Mabuse.

Zur Person

Mag. Lisa Weidinger MA,

Pflegewissenschafterin, Gesundheitsmanagerin und zertifizierte Traumapädagogin und traumazentrierte Fachberaterin

E-Mail: lisa.weidinger@stadt.graz.at

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