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Esther Matolycz
Der (Pflege-) Clickbait

Händeringend hat das Zeug, zum Unwort des Jahres zu werden. Händeringend (wahlweise: verzweifelt) sucht man Personal, und zwar Fachkräfte, und das gilt etwa für  die Gastronomie, das Handwerk (Elektriker*innen, Spengler*innen), den Tourismus inklusive Hotellerie, die Technik, den Bau, das Büro, den Handel – und „die Pflege“.

Sieht man von der Gastronomie einmal ab, erfreut Pflege sich dabei eines fragwürdigen Alleinstellungsmerkmals: durch unbeteiligte Dritte werden die Gründe für den Mangel analysiert (mit immer denselben Schlagworten, die ich hier nicht auch noch wiederhole; sie sind ohnehin ständig zu lesen).

Weder wird die Tätigkeit von Handwerker*innen mit derlei Attributen bedacht, noch die von (tatsächlich!) prekär beschäftigten Kreativen, noch die Tätigkeit im Tourismus.

Entsprechendes assoziiert man dann auch mit Pflege (kein gutes Framing, so heißt das heute).

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Und entsprechend fallen vielfach, längst aber nicht immer und überall, die Ergebnisse aus. Das heißt: wer sich heute für einen Pflegeberuf interessiert (und diese Menschen gibt es), muss zuerst einmal erklären, warum er oder sie sich das antut.

Was es aus professionstheoretischer Sicht braucht, damit Pflege ihre Kraft und Stärke zeigen und entfalten kann, soll hier nicht Thema sein, sondern ihre mediale Darstellung, und zwar in der Umkehrung: was fehlt?

  1. Zahlen im Kontext

Was ankommt: Man braucht 76 000 zusätzliche Pflegepersonen, weil der Job so „mies“ ist, dass keiner ihn machen will.

Was (oft) fehlt:

Die Zahlen im Kontext.

„Der Ersatzbedarf aufgrund von Pensionierungen liegt im Jahr 2030 bei rund 42 000

zusätzlich benötigten Pflege- und Betreuungspersonen.“ und

„Der Zusatzbedarf aufgrund der demografischen Entwicklung und unter Berücksichtigung

eines Ausbaus mobiler Dienste liegt im Jahr 2030 bei rund 34 000 zusätzlich benötigten

Personen.“ (Rappold & Juraszovich, 2019)

Das heißt, Pflegepersonen fehlen zu einem großen Teil, weil Pensionierungswellen anstehen und weil die Menschen, salopp gesagt, immer älter werden und sich daraus mehr Pflegebedarf ergibt.

  1. Differenzierung der Berufsbilder

Was ankommt: „Pflege“, wahlweise „die Pflege“.

Was fehlt:

Information. Unter dem Schlagwort „Skill-Grade-Mix“ sind unterschiedlichen Berufsbildern auch unterschiedliche Tätigkeiten zugewiesen.

Professionell Pflegende wissen das, Berufs-Interessent*innen wissen es vielleicht nicht so genau.

Ein Buchverlag (und zwar Facultas) macht bravourös vor, was in Österreich längst fehlt: eine Übersichtsseite mit Informationen zu allen  Berufsbildern und Ausbildungsmöglichkeiten in der Pflege: https://www.facultas.at/pflegeausbildung/ausbildung

  1. Alle Berufsbilder im Fokus

Was ankommt: „Pflege ist jetzt ein Studium“

Was fehlt:

Die Akademisierung des gehobenen Dienstes hat medial von sich reden gemacht und wurde durchaus kontrovers diskutiert. Dass Pflege jetzt ein Studium ist, wird weitgehend wahrgenommen. Zwei weitere Berufsbilder, die teilweise klient*innennähere Tätigkeiten zur Aufgabe haben und deren Kompetenzen massiv erweitert wurden, stehen dagegen im Windschatten der Diskussion.

Pflegefachassistent*innen und Pflegeassistent*innen müssen ebenso wahrgenommen werden. Berufsbilder samt Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen vorgestellt und besprochen werden, weil Pflege das gesamte Spektrum braucht, auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Nicht zu vergessen sind Sozialbetreuungsberufe, die in Alten- und Behindertenfachbetreuung die Pflegeassistenzausbildung beinhalten; zusätzlich stellt auch die Heimhilfe eine nicht wegzudenkende Betreuungsleistung dar.

  1. Zeigen, was Pflege kann

Was ankommt: „Pflege ist …?“

Hier werden die Leser*innen zu einem Experiment eingeladen: Was, aus der derzeitigen medialen Berichterstattung, füllt die Lücke?

Bildmaterialmäßig begleitet, jedenfalls, wird das Wort Pflege gern von endlos langen Gängen. Vielleicht kapituliert Journalismus hier vor einer Schwierigkeit, die dem Fach tatsächlich inne ist.

Was nämlich fehlt:

An dieser Stelle muss doch ein kurzer Ausflug in die Professionstheorie folgen. Kurz gesagt, steigt das Ansehen einer Berufsgruppe mit der Klarheit, die auch die Öffentlichkeit über ihr Tun hat.

Pflege braucht also Selbstdefinition, Sichtbarmachung, endlich  eine eigene Fachsystematik (vgl. Remmers, 2011, S. 11) und die Darstellung ihres „Eigenen“, das ihr durch keine andere Berufsgruppe streitig gemacht wird. Fragt man also, was Pflege ist, so ist sie überall irgendwie; der alles umspannende Rahmen fehlt.

Stichwortgeber könnten hier Caring, professionell-anwaltschaftliches Handeln und der Blick auf den ganzen Menschen sein.

  1. Positive Identifikationsfiguren

Was ankommt:

Scheinbar werden derzeit vorwiegend Pflegende befragt, die einen Jobwechsel andenken beziehungsweise Menschen, die sich einen Eintritt in die berufliche Pflege schon im Grundsatz nicht vorstellen können.

Was fehlt:

Menschen, die erzählen, was sie in die Pflege gebracht hat und was sie dort hält. Es gibt sie, allerdings geht das häufig in der Diskussion um die Rahmenbedingungen unter. „Die Arbeit selbst wäre ja gut, aber…“ – und auf allem, was nach dem „aber“ kommt, liegt der Fokus. Vermisst werden die anderen Erzählungen aus der Pflege, wie Berufsangehörige sie kennen. Sie gehen in Narrativen unter, die eben nicht von Pflegenden selbst erzeugt werden, sondern von Clickbaits, die Aufmerksamkeit versprechen.

  1. Sichtbare Karrierewege

Was (immer noch) ankommt:

Karriere macht man in der Wirtschaft, allenfalls noch im Kreativen.

Was fehlt:

Transparenz (auch Gehaltstransparenz) hinsichtlich der Möglichkeiten, die Pflege bietet. Es gibt keinen oder kaum einen anderen Beruf, der so viele Settings bereithält: Krankenhaus, Langzeitpflege, mobile Pflege, Spezialeinheiten, Lehre, Leitung, Management, Beratung, freie Berufsausübung. Hiermit sind nur wenige Eckpunkte umrissen, die noch nicht einmal auf einzelne Fachdisziplinen abgestellt wurden.

  1. Wieder: Zahlen im Kontext (Rückblick)

Was ankommt: Mangel

Was fehlt: Zahlen, die die Entwicklung im Kontext zeigen.

1985 gab es in Österreich 25 832 Krankenschwestern und -pfleger (so hießen sie damals) und 12 676 Menschen waren in pflegerischen Assistenzberufen tätig.

2020 sind es 62 095 Personen im gehobenen Dienst und 16 171 in den Assistenzberufen Tätige (Statistik Austria, 2022), 2022 scheinen 106 687 Personen im gehobenen Dienst im Gesundheitsberuferegister auf, außerdem 3772 Pflegefachassistent*innen und 57 241 Pflegeassistent*innen[1].

Und nun? 

Selbstverständlich ist über Rahmenbedingungen, Unterbesetzung und Dienstplansicherheit nachzudenken (um nur einige Beispiele zu nennen) und darüber war an dieser Stelle schon mehrfach zu lesen.

Zugleich ist es nicht hinzunehmen, dass Pflege wahlweise als „Hungerleiderjob“ oder als grundlegend unattraktiv dargestellt wird. Man mag über die Höhe von Kollektivverträgen im Grundsatz, über Lebenserhaltungskosten und Mietpreise im Verhältnis zum Einkommen diskutieren; wird Pflegenden aber ein Dasein am unteren Ende der Gehaltsskala angedichtet, so ist das schlicht unwahr. Die Redakteur*innen mögen gerne unterschiedliche Kollektivverträge vergleichen.

Kontextlosigkeit trägt zu verzerrten Wahrnehmungen bei und man erweist einem dringend benötigten, wie gezeigt auch quantitativ stets wachsenden Beruf mit vielfältigen Berufs- und Entwicklungschancen einen Bärendienst, wenn man ihn niederschreibt. Der Clickbait von gestern, übrigens, ist schon heute Geschichte.

 

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Fußnoten

[1] https://gbr-public.ehealth.gv.at/

Literatur

Gesundheitsberuferegister. (o. D.). Abgerufen am 6. Juni 2022 von https://gbr-public.ehealth.gv.at/

Remmers, H. (2011). Pflegewissenschaft als transdisziplinäres Konstrukt.

Wissenschaftssystematische Überlegungen – Eine Einleitung. In: Remmers, H. (Hg) Pflegewissenschaft im interdisziplinären Dialog. Eine Forschungsbilanz. Göttingen: Osnabrück: V&R.Rappold, E. & Juraszovich, B. (2019). Pflegepersonal-Bedarfsprognose für Österreich. https://broschuerenservice.sozialministerium.at. Abgerufen am 6. Juni 2022 von https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwi21fn1spj4AhWV7qQKHU95AlgQFnoECAMQAw&url=https%3A%2F%2Fbroschuerenservice.sozialministerium.at%2FHome%2FDownload%3FpublicationId%3D722&usg=AOvVaw0XYdM_vjIHpnGirrBTFG_BStatistik Austria (o. D.). Einrichtungen und Personal im Gesundheitswesen. Abgerufen am 6. Juni 2022 von https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/gesundheit/gesundheitsversorgung-und-ausgaben/einrichtungen-und-personal-im-gesundheitswesen

Statistik Austria (2022). Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2020. Abgerufen von https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/gesundheit/gesundheitsversorgung-und-ausgaben/einrichtungen-und-personal-im-gesundheitswesen

Zur Person

Esther Matolycz, Mag. Dr. phil. DGKP, LfGuK,

Studium der Erziehungs-/Bildungswissenschaft und Publizistik, tätig in der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Pflege- und Sozialbereich.

 

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