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Esther Matolycz
Heißes Eisen Pflegedokumentation: ein Instrument der (De)Professionalisierung?

„Was nicht dokumentiert ist, hat nicht stattgefunden“. Dieser Satz hat sich in den Köpfen beruflich Pflegender eingebrannt, wie wohl kaum ein anderer. So steht’s schließlich im Gesetz – und zwar in Paragraph fünf des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes. Und eins zu eins so wird’s auch ausgelegt: „Wird z. B. eine Maßnahme oder eine wesentliche Beobachtung nicht dokumentiert, begründet dies die Vermutung, dass diese nicht ergriffen bzw. ein Phänomen nicht erkannt wurde“ (GÖG, 2017). Man kann das auf unterschiedliche Arten lesen.

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Kaum eine andere Berufsgruppe blickt auf derart intensive Professionalisierungsdiskurse wie die berufliche Pflege (vgl. z.B. Seltrecht, 2016, S. 509), und über kaum eine andere Berufsgruppe wird – was den Erfolg dieser Bemühungen betrifft – so kontrovers diskutiert.
Pflege ist in dieser Hinsicht fast alles: hier spricht man von hochspezialisierten Professionalist*innen, dort vom Hilfsdienst (jedenfalls, bis man in der Situation war, Pflege zu benötigen und zu empfangen). Hier hat man es mit händeringend gesuchten Profis zu tun, dort überlegt man zugleich, wo und wie sich an der Ausbildungsdauer schrauben lässt, und zwar nach unten.

Professionalisierte Pflege ist eine, die ihre Leistung sichtbar macht, das ist der Tenor auf der einen Seite; das Sichtbarmachen dieser Leistung wird so gut wie immer mit bestimmten Arten der Dokumentation gleichgesetzt. „Die schreiben nur und kümmern sich nicht um meine Tante.“ – So wird, andererseits, das Bestreben nach Leistungstransparenz von Angehörigen gesehen; mitunter auch von Journalist*innen, die von dem berichten, was sie als endlose Schreiberei ansehen.

Freilich gilt es, die Spezifika von Pflege zu kennen, um die Geschichte hinter dem Unterfangen der Dokumentationsbemühung zu verstehen. Es sollte (endlich!) gezeigt werden können, was Pflege ist und leistet, und das nicht zuletzt, um personelle Bedarfe zu rechtfertigen.
Indem Pflege in weiten Teilen mit der Vermeidung von (weiteren) Problemen betraut ist, wird oft nur gesehen, was nicht funktioniert hat – die komplexe und anspruchsvolle, prophylaktische Arbeit hingegen nicht. Ebenfalls wurden und werden sich wiederholende Arbeitsschritte nicht gesehen, zumal sie nur „ein“ „Ergebnis“ zeitigen – und schließlich lässt sich der Kern von Pflege (etwa die Zuwendung, etwa eine bestimmte Art von Sorge um Menschen) kaum oder gar nicht abbilden. So gesehen macht die Dokumentation „pflegerisches Handeln nachvollziehbar und somit in fachlicher Hinsicht überprüfbar“ (beziehungsweise erfolgt der Versuch), weshalb sie auch als „Instrument der Qualitätssicherung“ (GÖG, 2017, S. 5) erachtet wird.

Nicht übersehen werden sollte aber Folgendes: „Ergänzend“, so heißt es weiter, „dient die Pflegedokumentation der Beweissicherung und der Rechenschaftslegung“ (GÖG, 2017, S. 5). Das heißt nichts anderes als das, was Pflegenden schon in Ausbildung und Studium (und später im Berufsvollzug begegnet), nämlich: was nicht dokumentiert ist, hat nicht stattgefunden. Und: der oder die Pflegende hat den Beweis darüber anzutreten, dass dieser oder jener Schritt tatsächlich erfolgt ist.

So weit, so gut, und freilich ist das nachvollziehbar.
In einer gut geführten Pflegedokumentation bilden sich bekanntlich alle Schritte des Pflegeprozesses ab.

Professionelles Handeln zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass es sich eben nicht bis in den letzten Schritt nachvollziehen, aufzeichnen und zeigen lässt.
Aus genau diesem Grund bedarf es besonderer Arbeitsbedingungen (die in der Regel relativ frei sind), und aus genau diesem Grund genießen Professionsangehörige auch besonderes Vertrauen (vgl. etwa Schütze, 1996, S. 183f)

Wer sich mit Professionalisierung beschäftigt, stößt auf zwei Berufsgruppen, die besonders privilegiert sind, was diese Freiheit betrifft.
Einerseits auf Ärzt*innen, deren Beruf als Paradebeispiel dafür gelten darf. Zudem: Wer der ärztlichen Profession angehört, genießt diesbezüglich so hohes Ansehen, dass eine Abkehr von der Patient*innenbehandlung nicht als Aufstieg betrachtet wird – eher im Gegenteil.
Völlig anders in der Pflege: hier hat man es mit dem umgekehrten Fall zu tun, da hier „die professionelle Kernrolle weniger angesehen ist als drei andere professionelle Rollen: „Die des Administrators in einer Organisationshierarchie, mögliche Spezialisierungen innerhalb der Profession (`guidance/counselling‘) und schließlich die des akademischen Lehrers des entsprechenden Wissensgebietes“ (Stichweh, 2013, S. 281), womit sich dort das Ansehen bzw. ein „elitärer“ Status dann eben dem Umstand, nicht direkt mit Klienten zu arbeiten, verdankt.

Die zweite Berufsgruppe ist die der Psychotherapeut*innen, die, was Professionalisierung betrifft, in relativ kurzer Zeit einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat.
Kein Mensch käme auf die Idee, ihnen zu unterstellen, „nur“ zu „reden“, nur etwas zu tun, das jeder und jede kann. Und auch hier wieder ist zu sagen, dass die Pflege (immer noch!) mit genau diesem Vorurteil zu kämpfen hat.

Kurz: dem Handeln zweier weit professionalisierter Berufsgruppen wird weitgehend vertraut.
Man stelle sich nun vor, jeder (!) Schritt des Tuns von Ärzt*innen oder Psychotherapeutin*innen müsse sich (alle Entscheidungsprozesse inklusive) in deren Dokumentation abbilden.
Undenkbar. Umgekehrt wird in der Pflege (ausgerechnet!) Professionalisierung tatsächlich mit bestimmten Arten der Dokumentation von Pflege gleichgesetzt, und das in einer Lückenlosigkeit, die in den eigenen Reihen als Tugend gilt und kaum hinterfragt wird.

Man stelle sich weiter vor:
Psychotherapeut*in öffnet der Klient*in die Tür, bietet ihr einen Sitzplatz an und stellt Vertrauen her.
Ärzt*in erwägt ein Therapeutikum, entschließt sich dazu, ein anderes zu wählen und verordnet es schließlich. Chirurg*in dokumentiert exakt, welches Instrument er oder sie wann, wofür, warum und wie lange verwendet, welches Gefäß mit Ligaturen versehen wurde.
Das alles hätte sich in handgezeichneten oder digitalisierten Nachweisformen zu zeigen, tagein, tagaus und lückenlos und inklusive Entscheidungsprozess. Sehr bald käme das in den Verdacht „technokratische[r] Expertisierung“ (Oevermann, 1996, S. 70).
Sie kommt mit Oevermann übrigens „einer Deprofessionalisierung“ (ebd.) gleich.

Heißt das, dass Pflegedokumentation schlecht ist und man sie verloren geben soll?
Selbstverständlich nicht. Sie ist ein Instrument der Sichtbarmachung, des professionellen disziplinären und interdisziplinären Austauschs und der Datensammlung (allerdings sammelt man derzeit so viele davon, dass der Wald vor lauter Bäumen bzw. die Klient*innensituation vor lauter Hakerln und Handzeichen nicht mehr zu sehen ist).
Heißt das, dass man die Rolle der Pflegedokumentation dort, wo sie allein der Beweisführung dient, hinterfragen soll (zumal im Vergleich mit anderen Berufsgruppen, die auch Professionen sind)? Ja.

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Literatur

GÖG (Gesundheit Österreich GmbH) (2017) Arbeitshilfe Pflegedokumentation: https://jasmin.goeg.at/47/1/Arbeitshilfe%20Pflegedokumentation%202017.pdf [Zugriff: 26.10.2021]

Oevermann, U. (1996). Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In: Combe A., Helsper, W. (Hg.), Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns (S. 70-182). Frankfurt am Main: Suhrkamp

Schütze, F. (1996). Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen im Sozialwesen: Ihre Auswirkung auf die Paradoxien des professionellen Handelns. In: Combe, A., Helsper, W. (Hg), Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns (S. 183 – 275). Frankfurt am Main: Suhrkamp

Seltrecht, A. (2016). Pflegeberufe. In: Dick, M., Marotzki, W., Mieg, H.A. (Hg.), Handbuch Professionsentwicklung (S. 499-511). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt

Stichweh, R. (2013). Wissenschaft, Universität, Profession. Soziologogische Analysen. Bielefeld, transcript Verlag

Zur Person

Mag. Dr. Esther Matolycz
DGKS, Publizistin; Studium der Pädagogik mit Schwerpunkt Berufspädagogik des Gesundheitswesens, besondere Nähe zur Geriatrie.

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