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Katrin Knes
Sexuelle Bedürfnisse am Ende des Lebens - ein Widerspruch?

Sexualität im Alter ist in einer grundsätzlich übersexualisierten Welt auch noch im Jahr 2023 ein tabuisiertes Thema. Daher ist es nur verständlich, dass der Wunsch nach Sexualität und Intimität am Ende und in der terminalen Phase des Lebens in den Köpfen der meisten Menschen nicht abgebildet ist. Aber Sexualität ist ein Grundbedürfnis, das neben demkörperlichen Vergnügen auch den Wunsch nach Verbundenheit und Lebendigkeit mit sich bringt und Sterbende vor existenzieller Einsamkeit bewahren kann. Diese wertvolle Ressource sollte von Pflegepersonen genutzt werden, um auch noch Schwerstkranken lebensbejahende Momente zu ermöglichen.

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Die Einzigartigkeit der Menschen spiegelt sich auf unterschiedliche Weisen weder, auch in der Form, in der sich die Person als sexuelles Wesen fühlt und wahrnimmt. Dabei beschränkt sich Sexualität nicht auf junge, „wohlgeformte“ und gesunde Menschen, wie es uns die Medien glaubhaft machen wollen. Der Wunsch nach Nähe, Zärtlichkeit und Berührung nimmt mit zunehmendem Alter nicht ab (Institut für Sexualpädagogik, 2023). Vielmehr wird Sexualität im Alter in unserer Gesellschaft kaum Bedeutung beigemessen. Über das Warum lässt sich trefflich streiten, führt aber an dieser Stelle ins Leere.

Es wäre vermessen zu glauben, dass sich Sexualität auf die Befriedigung des Lustbedürfnis- ses und der Fruchtbarkeitsfunktion reduzieren lässt. Neben der Erfüllung dieser physischen Grundbedürfnisse trägt sie maßgeblichzur Stabilisierung von Paarbeziehungen sowie sexueller und geschlechtlicher Identitätsbildung bei (Döring, 2022). Dies erfolgt auch über die Befriedi- gung der „…psychosozialen Grundbedürfnisse nach Nähe, Akzeptanz und Geborgenheit…“, welche nicht an eine bestimmte Lebenszeitspanne geknüpft sind (Berberich, 2015, S. 5).

Berberich (2021, S. 5) bringt es dabei auf den Punkt: „Der Körper altert, die sexuellen Bedürf- nisse nicht“. Leider ist mitzunehmenden Alter das gewohnte Ausleben der Sexualität von diversen chronischen Krankheiten bedroht. Neben kardiovaskulären, neurologischen und rheumatologischen Erkrankungen wirken sich auch Diabetes, sowie Veränderungender Prostata, aber auch die Kontinenz der Blase und diverse Medikamente negativ auf das Sexualeben aus (Berberich, 2015). Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei Krebserkrankungen ein. Konfrontiert mit einer Bedrohung desLebens, kann das Gleichgewicht innerhalb der Partnerschaft aber auch das Rollenverständnisses der nicht erkrankten Person aus den Fugen geraten. Dieser Umstand kann dazu führen, dass das sexuelle Interesse der nicht erkrankten Person abnimmt (Ganz et al., 2004, zit. n. Berberich, 2015). Werden die Hinter- bzw. Beweggründe nicht direkt angesprochen, kann dieses Verhalten eine Negativspirale zur Folge haben und die geschlechtliche Identität beider erschüttern (Beier et al., zit. n. Berberich, 2015). Plötzlich können die eingangs erwähnten psychosozialen Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden und die erkrankte Person wird um eine salutogenetische Ressource beraubt (Berberich, 2015).

Aber wie verhält es sich mit Sexualität am Lebensende? In dieser vulnerablen Phase des Le- bens wird aus der Bedrohung durch den Tod plötzlich eine unverrückbare Tatsache. Es stellt sich die Frage, welchen Stellenwert Sexualität am Wendepunkt des Lebens bei be- troffenen Paaren einnehmen kann bzw. soll?

Unbestritten kommt es zu einer Veränderung der Sexualität im späten Stadium von schweren Krankheiten. Der körperbetonte Anteil von Sexualität und Intimität weicht dabei sukzessive in den Hintergrund. Liebevolles Gehalten- undzärtliches Berührtwerden treten in den Vordergrund (Woodhouse & Baldwin, 2008). Eben diese Paarintimitäten vermögen bei Patient*innen emotionales Wohlbefinden und ein Gefühl von Normalität, in dem von Krankheit und Sorgen dominierten Alltag, hervorzurufen (Mah, 2019). Dadurch ist es möglich, auch im Endstadium einer Erkrankung positiv auf die Lebensqualität einzuwirken (Kelemen et al., 2019). Mah (2019) erläutert in seinen Ausführungen noch einen weiteren wichtigen Aspekt, weshalb Sexualität am Ende eines Lebens ein bedeutender Stellenwert beigemessen werdensollte – die Auswirkung unterdrückter Intimität auf das Gefühl von existenzieller Einsamkeit. Dabei erfährt der*die Erkrankte das belastende Gefühl, nicht mehr Teil von Beziehungssystemen zu sein. Durch die emotionale Trennung von dem*der Partner*in verstärkt sich der Eindruck in allen Belangen allein zu sein. Daher stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob professionelle Pflege diesem existenziellen Grundbedürfnis genügend Aufmerksamkeit schenkt, umPatient*innen und ihren Partner*innen auch am Ende ihres Lebens lebensbejahende Momente zu ermöglichen.

Die Studien und Berichte von Benoot et al. (2018), Blagbrough (2010), Döring (2022) sowie Woodhouse und Bladwin (2008) legen die Vermutung nahe, dass Sexualität am Lebensende nach wie vor als Tabuthema verstanden und von Pflegepersonen nicht aktiv angesprochen wird. Dabei würde dies von Patient*innen begrüßt werden (Blagbrough,2010), da Pflegepersonen häufig peinlich berührt sind und sich wenig bis gar nicht vorbereitet fühlen, wenn dies durch diePatient*innen selbst thematisiert wird (Benoot et al., 2018; Blagbrough, 2010). Es ist durchaus zulässig an dieser Stelle nach dem Warum zu fragen, zumal die zugrunde liegende Philosophie der Palliative Care von der ganzheitlichen Versorgung der Patient*innen geprägt ist. Ebendiese Ganzheitlichkeit beinhaltet sowohl physische, spirituelle, soziale als auch psychologische Dimensionen des Menschseins, zu der letztlich auch die Sexualität der Betroffenen gezählt werden muss (Blagbrough, 2010).

In den vorliegenden Studien (Benoot et al., 2018; Döring, 2022; Hjalmarsson & Lindroth, 2020) wird darauf verwiesen,dass es Pflegepersonen an Wissen fehlt. Benoot et al.

(2018) führen ergänzend an, dass scheinbar ein Mangel an kommunikativen Fähigkeiten, ein Gespräch über die dargelegte Situation in Gang zu setzen, vorherrscht.

Beide Umstände führen in weiterer Folge dazu, dass die Thematik durch die Brille der Pflegeperson gesehen wird.Letztendlich entscheiden der Zugang und die Einstellung der Pflegeperson, ob Anliegen über Sexualität und Intimität am Lebensende angesprochen werden und in der Versorgung der Betroffenen berücksichtigt werden. Benoot et al. (2018) verweisen dabei in ihrer qualitativen Studie auf den zugrundeliegenden Spannungsbogen, der sich zwangsläufig ergibt, nämlich ob der Pflegefokus der Fachpersonen am Leben oder am Sterben ausgerichtet ist. Es entsteht der Eindruck, dass der ältere Mensch als asexuelles Wesen wahrgenommen wird und Gespräche über Sexualität nur dann geführt werden,wenn Pflegepersonen den Eindruck haben, dass ihnen noch genügend Zeit für angemessene Pflege zur Verfügung steht. Demnach werden Gespräche über Sexualität nicht als pflegerelevant erachtet. Es kann vermutet werden, dass Sexualität und Intimität über die Lebensspanne hinweg betrachtet, in den Ausbildungsangeboten zu wenig Wert beigemessen und folglich im Unterricht auch nicht bzw. ausreichend aufgegriffen wird. Dabei verlangt dieses sensible Thema erweiterte kommunikative Skills und Fachexpertise gleichermaßen. Nun kann darüber diskutiert werden, ob dieses Thema in denCurricula der Grundausbildung zum*zur diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger*in Eingang finden sollte, in weiterführenden und vertiefenden Ausbildungen aber auf jeden Fall. Nur so kann der Anspruch erfüllt werden, Patient*innen in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen und ihnen jene Versorgung zukommen zu lassen, die sie bis zu ihremletzten Atemzug benötigen. Und dieser Anspruch ist nicht auf das palliative Setting zu reduzieren.

 

 

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Literatur

Benoot, C., Enzlin, P., Peremans, L. & Bilsen, J. (2018). Addressing sexual issues in pallia- tive care: A qualitative study on nurses‘ attitudes, roles and experiences. Journal of Advanced Nursing (John Wiley & Sons, Inc.), 74(7), 1583–1594. https://doi.org/10.1111/jan.13572

Berberich, H. J. (2015). Sexualität und Alter. Sexuologie(22), 5–13.

Blagbrough, J. (2010). Importance of sexual needs assessment in palliative care. Nursing Standard, 24(52), 35–39. https://doi.org/10.7748/ns2010.09.24.52.35.c7954

Döring, N. (2022). Sexualität in der Pflege. Bundeszentrale für politische Bil- dung. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/294922/sexualitaet-in-der-pflege/

Hjalmarsson, E. & Lindroth, M. (2020). „To live until you die could actually include being intimate and having sex“: A focus group study on nurses‘ experiences of their work with sexuality in palliative care. Journal of Clinical Nursing (John Wiley & Sons, Inc.), 29(15/16), 2979–2990. https://doi.org/10.1111/jocn.15303

Institut für Sexualpädagogik. (2023). Sexualität im Alter. https://www.isp-sexualpaedago- gik.org/angebote-sexualpaedagogik/inhouse/sexualitaet-im-alter-29.html

Kelemen, A., Cagle, J., Chung, J. & Groninger, H. (2019). Assessing the Impact of Serious Illness on Patient Intimacy and Sexuality in Palliative Care. Journal of Pain & Symptom Management, 58(2), 282–288. https://doi.org/10.1016/j.jpainsym- man.2019.04.015

Mah, K. (2019). Existential loneliness and the importance of addressing sexual health in people with advanced cancer in palliative care. Psycho-Oncology, 28(6), 1354–1356. https://doi.org/10.1002/pon.5092

Woodhouse J. & Baldwin M. A. (2008). Dealing sensitively with sexuality in a palliative care context. British Journal of Community Nursing, 13(1), 20–25. https://search.ebsco-host.com/login.aspx?direct=true&db=rzh&AN=105873856&lang=de&site=ehost-live

Zur Person

Katrin Knes BEd., MEd.

Lektorin an der FH-Kärnten im Studiengang Gesundheits- und Krankenpflege

Email: k.knes@fh-kaernten.at

Tel: 06601298658

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