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Christian Federer
Die Pflege in der Misere - wie schaffen wir es wieder in die Spur?

Seit Jahrzehnten ist der Tenor von Krankenhausträgern, man habe zu hohe Personalkosten und müsse in diesem Punkt sparen. Seit Beginn der COVID-19-Pandemie hat sich die Problematik in die Richtung gedreht, dass kaum mehr passendes Personal für Pflegeberufe gefunden werden kann. Dies wird durch zusätzliche Faktoren weiter verschärft. Im Rahmen dieses Artikels werden mögliche Lösungsszenarien aufgezeigt.

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Als seit über 20 Jahren im Gesundheits- und Pflegedienst in unterschiedlichen Bereichen und Funktionen tätige Person ist es mir ein Anliegen, die nun seit mehreren Jahren  angespannte und durch die COVID-19-Pandemie verschärfte personelle Situation im Pflegebereich zu kommentieren.

Als ich 1996 begonnen habe, im Krankenhaus (damals als Patiententransport) zu arbeiten, hieß es schon permanent von Seiten der Krankenhausträger*innen, wir haben zu hohe Personalkosten, wir müssen in diesem Punkt sparen. Diese Ansicht zog sich bis zum Beginn der COVID-19-Pandemie durch.

Nun stehen wir allerdings vor einem gänzlich anderen Problem, nämlich, dass es derzeit nur noch sehr schwer möglich ist, qualifiziertes und motiviertes Personal zu finden. Wir haben vor kurzem bei meinem jetzigen Arbeitgeber Jobanzeigen inseriert, in einem etablierten Zeitungs-Medium, online, auf allen Kanälen – wir erhielten daraufhin null Bewerberbungen, und von anderen Institutionen werden ähnliche Erfahrungen berichtet.

Einen großen Anteil an dieser nun dramatischen Situation haben hier sicher auch die COVID-19-Pandemie und für mich auch der Umgang der Medien mit dem Pflegepersonal. Die Pandemie hat die Arbeitslast sicher noch zusätzlich erhöht, und auch der administrative Aufwand hat zugenommen. Begleitend dazu wird seit zwei Jahren durchgehend berichtet, wie furchtbar es im Pflegeberuf ist, die Rahmenbedingungen seien unzumutbar, die Bezahlung ist schlecht, die Arbeitszeiten nicht zu ertragen. Kolleg*innen aus diversen Bereichen stellen Selfies in soziale Medien, auf denen Sie mit Maskenabdruck im Gesicht, verschwitzt und körperlich am Ende abgebildet sind.

Nun will ich keinesfalls negieren, dass es zu solch massiv belastenden Situationen gekommen ist, dennoch frage ich mich: ist es klug, derartige Bilder in sozialen Medien zu verbreiten? Welcher junge Mensch, der in das Berufsleben einsteigen möchte, findet das eine interessante Jobperspektive oder gar cool und denkt sich, das möchte ich auch machen?

Auch die GuK-Novelle hat meiner Ansicht nach einen nicht unerheblichen Anteil an der jetzigen Pflegesituation. Durch die Akademisierung des gehobenen Dienstes wurden sehr viele potenzielle Interessent*innen vom Zugang zur in Österreich höchstmöglichen Pflegeausbildung abgeschnitten. Ich habe dazu keine Zahlen, inwieweit sich die Akademisierung auf die Ausbildungszahlen auswirkt. Es ist aber vorstellbar, dass dies auch zumindest ein sich negativ auswirkender Faktor sein könnte, wenn man sich, wie oben erwähnt, die Anzahl der Bewerber*innen auf freie Stellen ansieht. Dementgegen kann zwar argumentiert werden, dass dafür die Möglichkeit der Ausbildung zur Pflegefachassistenz besteht, die mir bekannten Abschluss- und Bewerber*innenzahlen bescheinigen dieser Ausbildung allerdings ein eher verhaltenes Interesse möglicher Anwärter*innen.

Einige Ansätze zur Lösung

Es herrscht im Pflegeberuf unbestritten ein sehr hoher Arbeitsdruck, welcher sich in den letzten Jahren weiter verstärkt hat. Es wäre daher für mich sehr sinnvoll und eine der wirksamsten Maßnahmen, wenn die verschiedenen Träger*innen die Personalspiegel der Abteilungen erhöhen würden, um die Arbeitslast zu senken. So wäre zum Beispiel auch das Etablieren von Springer-Pools eine Möglichkeit, dem laufenden „Einspringen müssen“ entgegen zu wirken und für Dienstplansicherheit zu sorgen.  Das ständige „in Bereitschaft sein“ ist ein massives Ärgernis und führt zu viel Frustration innerhalb der Pflegeteams. Dienstplansicherheit würde hier sehr viel zu einer Attraktivierung beitragen. Dies sind auch Maßnahmen, welche von den Träger*innen in Eigenregie gesetzt werden könnten.

Es wäre auch begrüßenswert, wenn hier von Seiten des Gesetzgebers Mindeststandards in der personellen Ausstattung vorgegeben würden. Allerdings ist hier für mich in Österreich keine entsprechend wirksame berufspolitische Interessenvertretung etabliert. Deshalb wäre es denkbar, dass die Initiierung einer Pflegekammer einige positive Akzente setzen könnte. Dass dies ein sehr komplexes Thema mit sehr vielen, zu berücksichtigenden Faktoren darstellt, ist mir durchaus bewusst, dennoch sollte man sich durchaus in diese Richtung Gedanken machen.

Ein weiterer dringender Schritt, um dem derzeitigen Personal- und Nachwuchsmangel entgegenzuwirken, wäre eine breit aufgestellte Medienkampagne, um auch die vielen positiven Seiten des Pflegeberufes wieder in der Öffentlichkeit hervorzuheben.

Die Pflege bietet Arbeitsplatzsicherheit, es ist möglich, in unterschiedlichsten Bereichen innerhalb von Krankenhäusern (Station, Ambulanz, Anästhesie, Intensiv, OP, Tagesklinik, etc.) oder außerhalb (Pflegeheim, Sozialsprengel, Betreuung von Menschen mit Behinderung, psychosoziale Dienste, Rehabilitationszentren, Community Nursing, etc.) tätig zu werden, und es ist sehr einfach, sich von einen in den anderen Bereich verändern.

Auch gibt es sehr viele Spezialisierungsmöglichkeiten wie Wundmanagement, Diabetesberatung, Herzinsuffizienzberatung, Intensivpflege, Breast Care Nurse, Case und Care Management, etc. In diesem Zusammenhang wäre es auch attraktiv, wenn diverse Spezialisierungen mit einer Kompetenzerweiterung einhergehen würden. Warum sollte ein Wundmanager nicht debridieren dürfen, warum sollte ein Abschluss in „diabetes care“ nicht zur Verordnung von Antidiabetika befähigen? Hier würden sich viele Möglichkeiten bieten, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, wenn der Gesetzgeber an dieser Stelle bereit wäre, den Weg für die rechtlichen Voraussetzungen zu ebnen.

Bei den meisten Träger*innen werden Teilzeitmodelle jedweden Ausmaßes angeboten, junge Mütter können in geringem Ausmaß ihren Dienst wieder aufnehmen, es gibt die Möglichkeit von Sabbaticals, Altersteilzeit, es können Überstunden angespart um dann in einem Stück wieder abgebaut werden, und noch einiges mehr.

Die Bezahlung ist vielleicht ausbaufähig, aber von einer Unterbezahlung ist man meiner Ansicht nach weit entfernt: der Wiener Gesundheitsverbund etwa bietet ein Einstiegsgehalt für DGKP auf Normalstation von 2906 Euro zuzüglich 150 Euro Erschwernisabgeltung = 3056 Euro (Link: Job – Details – Wiener Gesundheitsverbund – Jobportal 25.2.2022). Dabei sind Anrechnungen, Nacht- und Wochenendzulagen noch nicht berücksichtigt.

Natürlich ist die Tätigkeit eine gleichermaßen fordernde wie auch verantwortungsvolle und ist daher auch adäquat zu entlohnen, dennoch kann nicht behauptet werden, dass das Lohnniveau in der Pflege viel zu tief angesiedelt ist.

Ein weiterer Weg, um dem Personalmangel entgegenzuwirken, könnte eine Reform der Pflegeausbildungen im Sinne eines modularen Systems sein. So wäre vorstellbar, dass man nach 1,5 Jahren Ausbildung den Status einer „Pflegefachkraft“ erlangt hätte, welcher von den Kompetenzen her in Richtung Pflegeassistenz/-fachassistenz angelegt sein könnte. Nach weiteren 1,5 Jahren wäre der Abschluss des gehobenen Dienstes möglich, und wer die Voraussetzungen erfüllt (Reifeprüfung oder andere Form der Studienberechtigungsprüfung) hätte dann noch die Möglichkeit, sich innerhalb eines halben Jahres die wissenschaftlichen Kompetenzen anzueignen und einen akademischen Grad zu erlangen.

Der Vorteil dabei wäre, dass nach Erreichen der jeweiligen Ausbildungsstufe die Qualifikation für das Arbeiten in der Pflege erlangt wäre, und, sollten Auszubildende dann aus der Ausbildung ausscheiden, diese dennoch in der Pflege tätig werden könnten und somit nicht komplett für den Pflegeberuf wegfallen würden.

Es ist mir bewusst, dass die hier gezeichneten Lösungsszenarien nicht ohne weiteres umzusetzen sind. Allerdings ist es aus meiner Sicht unabdingbar, dass alle Beteiligten und Verantwortungsträger*innen zeitnahe Überlegungen in die eine oder andere Richtung anstellen, da sich diese Situation ansonsten mehr und mehr verschärfen und wir von einer Misere in eine Katastrophe geraten könnten. Und das gilt es mit aller Kraft zu verhindern.

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Zur Person

Christian Federer ist seit über 25 Jahren im Gesundheits- und Pflegebereich tätig, davon ca. 20 Jahre im klinischen Bereich und mehr als 10 Jahre in der Funktion als Stationsleitung von unterschiedlichen Abteilungen. Derzeit ist Herr Federer als stellvertretende Pflegedienstleitung der Wohn- und Pflegeheime der Stadt Hall in Tirol tätig.

 

Herr Federer verfügt außerdem über Ausbildungen in den Bereichen Qualitäts-, Prozess- und Risikomanagement, sowie in Betriebswirtschaft und Pflegemanagement.

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