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Sabine Ruppert, Patrik Heindl
Kommt in der Pflegewelt der assistierte Suizid vor?
Was tun wir, wenn wir DOCH gefragt werden?

Dieser Artikel ist auf zwei Ausgaben geteilt. Im pflegenetz.magazin 03/22 wird der zweite Teil erscheinen.

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Wir beginnen mit einer fiktiven Geschichte unseren Artikel, die vielleicht doch nicht so fiktiv ist?

„Ich schaue auf die Uhr: es ist 05:33 und bin überrascht, dass die Morgenrunde so problemlos und rasch abläuft. Heute hatten wir wirklich einen relativen ruhigen Nachtdienst. Nur ein Patient wurde aufgenommen, kein Patient ist verstorben. Aber bei zwei Patienten glaube ich nicht, dass sie noch nach Hause gehen werden. Ich gehe zum Stützpunkt und beginne mit der Dokumentation, als es im Zimmer 4 läutet. Ich sage zu meiner Kollegin, das ist wie verhext. Denn jetzt habe ich gerade an die zwei Patienten gedacht, weil es ihnen immer schlechter geht, und jetzt läuten sie, hoffentlich ist nichts. Ich stehe auf und gehe rasch in Richtung Zimmer, weil ich selber jetzt ein ungutes Gefühl habe. Dabei gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf, was passiert sein kann. Ich glaube fest daran, dass Vorahnungen manchmal richtig sind oder ist es nur Zufall? Oder sind mir die Nachdienste schon zu viel und ich werde paranoid? Ich öffne die Türe und gehe ins Zimmer hinein. Es ist warm und stickig, eine kleine Lampe am Nachttisch spendet ein schwaches Licht, am Fenster steht Frau K.. Sie dreht sich zu mir und sagt „Entschuldigung das ich geläutet habe“.

Ich mache einen schnellen Blick zu der anderen Patientin, die in der Decke eingerollt ist und im Bett liegt und tief schläft. Hier ist alles in Ordnung. In der Zwischenzeit bin ich bei Frau K. angekommen.

PP: “Was ist los Frau K., können Sie nicht schlafen?“

Frau K.: “Nein ich kann nicht mehr schlafen, ich bin schon ausgeschlafen.“

PP: “Was brauchen sie denn?“

Frau K.: “Eigentlich, also, irgendwie ….. nein ich habe alles Danke.“

PP: “Haben Sie Schmerzen Frau K., soll ich Ihnen die Morgentabletten schon geben?“

Frau K.: “Nein, nein ich habe keine Schmerzen.“

PP: “Okay, wenn sie keine Schmerzen haben und sonst nichts brauchen, gehe ich wieder, ist das in Ordnung? Wenn Sie doch noch etwas brauchen, melden sie sich.“

Ich drehe mich um und gehe Richtung Tür. Frau K. wird etwas unruhig und sagt ganz leise:

Frau K.: “Hätten Sie vielleicht kurz Zeit und können Sie sich zu mir setzen?“

PP: “Sicherlich, was ist denn los?“

Frau K.: “Schauen Sie, ich weiß nicht, wen ich fragen kann, aber Sie sind immer so lieb und lustig und Sie wissen ja so viel. Ich weiß, dass ich nicht mehr lange Leben werde, das wissen alle oder nicht?“

PP: “Ja, also Sie haben schon eine sehr schwere Erkrankung. Ich weiß nicht genau, was Ihnen gesagt worden ist. Aber bei der Visite heute können sie das ja noch einmal besprechen.“

Frau K.: “Nein, das will ich nicht. Ich will auch nicht, dass Sie mir sagen, wie lange ich noch zu leben habe. Das kann ja keiner und ich sehe und spüre es ja auch, dass es mir jeden Tag etwas schlechter geht.“

PP: “Ja, ich verstehe und ich soll einfach ein bisschen da sein?“

Frau K.: “Ja, das auch. Aber schauen Sie, ich habe alles geregelt – das Testament geschrieben und den letzten Sommer habe ich mit den Enkelkindern sehr genossen. Ich habe nichts mehr vor!“

Frau K. macht eine längere Pause bevor sie weiterredet.

Frau K.: “Ich wollte Sie fragen, ob Sie mich beim assistierten Suizid begleiten? Können Sie mir erklären, wie genau das funktioniert? Kann ich das hier auf der Station machen oder muss ich da woanders hin? Haben Sie bei so etwas schon mitgemacht? Wie war das? Können meine Angehörigen da sein? Ist das Gift, was man da bekommt, bitter? Oder ist das eine Infusion? Brauchen wer einen Arzt überhaupt? ……….????“

 

Aus Frau K. sprudelten die Fragen nur so heraus, als wäre ein Damm gebrochen. Als sie die letzte Frage gestellt hat, sieht sie mich fragend an.

PP: “Äääähhhhh, das ist jetzt sehr überraschend für mich Frau K.. Ich weiß nicht genau, ob das hier möglich ist.“

Frau K.: “Aber das stimmt doch, dass assistierter Suizid möglich ist?“

PP: “Ja, das stimmt schon, aber bei uns auf der Station wurde so etwas noch nicht gemacht. Vielleicht sollten Sie wirklich bei der Visite mit einem Arzt darüber reden.“

Frau K.: “Das habe ich schon versucht, mit Ärzten darüber zu reden, aber die wollen so etwas gar nicht hören. Man hat das Gefühl, dass jede Person, die man danach fragt, dann beleidigt ist. Aber ich brauche Hilfe. Ich kann das nicht alleine machen. Ich möchte das ordentlich machen.“

PP: “Ja, ich verstehe schon und ich bin nicht beleidigt. Aber ich gebe ehrlich zu, ich weiß nicht sehr viel darüber. Einen oder sogar zwei Ärzte braucht man sicher und bei uns wird das sicher nicht gehen, glaube ich zumindest. Warum wollen Sie denn das überhaupt machen?“

Frau K.: “Das ist mein Wunsch, meine Entscheidung. Ich weiß, dass ich sterben werde, und ich möchte bestimmen, wann und wie, wenn es möglich ist. Wenn ich morgen einen Herzinfarkt bekomme, ist es auch schön. Aber ich will den kompletten Verfall von mir nicht miterleben und ich will auch nicht, dass das andere mitansehen müssen. Ich will das alles nicht.“

PP: “Ja, aber so weit sind Sie nicht, das muss ja nicht so passieren“

Frau K.: “Ja sicher, das stimmt schon. Können Sie mir das garantieren?“

PP: “Nein, das kann ich nicht. Es wird wahrscheinlich langsam immer schlechter.“

Frau K.: “Schauen Sie, ich weiß das, dass das was ich verlange, eine sehr große Bürde ist. Aber es ist nicht Ihre Entscheidung, es ist meine. Ich habe immer meine eigenen Entscheidungen getroffen, das soll auch so bleiben. Aber ich kann es nicht alleine. Sie sind der Profi hier, deswegen frage ich Sie.“

 

Wir sitzen beide einige Minuten schweigend nebeneinander, Frau K. hält meine Hand oder halte ich Ihre?

PP: “Okay Frau K., ich werde versuchen mehr Informationen zu bekommen und werde Sie dann darüber informieren. Sie müssen mir aber schon ein paar Tage Zeit geben. Ist das in Ordnung für Sie?“

Frau K.: “Ja sicher, das verstehe ich und es muss ja nicht morgen sein, ich möchte vorbereitet sein für den Fall der Fälle. Auf meine erste Frage haben sie mir noch keine Antwort gegeben.“

 

Ich weiß genau, welche Frage Sie meint. Sie hat sie nicht vergessen und ich auch nicht, dennoch sage ich:

PP: “Welche meinen Sie?“

Frau K.: “Ob Sie mich beim assistierten Suizid begleiten können, egal wo und wie, das wäre mir ein großes Anliegen.“

PP: “Frau K., ich bin ehrlich zu Ihnen. Ich kann es noch nicht sagen, ich habe mich mit diesem Thema noch zu wenig beschäftigt. Ich weiß es nicht. Ich sage nicht nein und nicht ja, ich muss darüber nachdenken. Ich verstehe Ihren Wunsch. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn erfüllen kann. Bitte, seien Sie jetzt nicht böse oder enttäuscht, ja?“

Frau K.: “Nein, bin ich nicht. Ich bin dankbar, dass sie mir zugehört haben und dass Sie darüber nachdenken. So und jetzt gehen Sie nach Hause schlafen, ich habe sie lange genug aufgehalten.“

 

Ich stehe auf und gehe wieder zurück ins Dienstzimmer und schreibe meine Dokumentation zu Ende. Ich bin noch völlig in meinen Gedanken gefangen zu dem Gespräch mit Frau K. , als die Tagdienstmannschaft eintrudelt und mich eine Kollegin wegen eines Diensttausches fragt.“

So oder ähnlich könnte in Zukunft eine Situation im Pflegealltag ablaufen. Aufgrund der Gesetzesänderung und des Sterbeverfügungsregistergesetzes werden betroffene Menschen Pflegepersonen fragen, wie assistierter Suizid abläuft, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, aber auch, ob die Pflegeperson dabei sein möchte. Die Pflegepersonen müssen dann auf Basis ihrer fachlichen und ethischen Kompetenzen, aber auch ihrer eigenen persönlichen Werte und Normen Antwort geben, aber sich auch entscheiden. In manchen Einrichtungen kann ihnen aufgrund von strengen Richtlinien diese Entscheidung abgenommen werden, aber in vielen pflegerischen Kontexten nicht.

Das Sterbeverfügungsgesetz erwähnt leider mit keinem Wort die Pflege bzw. die Rolle der Pflegepersonen. Personen, die einen assistierten Suizid vollziehen möchten, müssen zwei ärztliche Personen finden, wovon eine Person ein Palliativmediziner sein muss. Diese müssen aufklären über das Medikament. Ebenso müssen sie auf palliative Versorgungsmöglichkeiten, Möglichkeiten einer Errichtung einer Patientenverfügung sowie Hinweise auf Angebote für ein psychotherapeutisches Gespräch sowie suizidpräventiver Beratung hinweisen. Einer der beiden – wer genau, regelt das Gesetz leider nicht – schreibt das Rezept für das tödliche Medikament. Sollten Zweifel entstehen, dass die sterbewillige Person an einer psychischen Störung leiden sollte, muss ein Psychiater oder Psychotherapeut oder klinische Psychologen hinzugezogen werden. Die sterbewillige Person muss dann eine Apotheke finden, die das Medikament ausgibt, und das Medikament bis zur Einnahme sicher verwahren. Das Gesetz gibt keine Auskunft darüber, wer beim Suizid anwesend ist und unterstützen darf oder wer die Angehörigen begleitet. Aus Studien aus Ländern, wo assistierter Suizid schon länger praktiziert wird, wissen wir, dass Pflegepersonen immer eine Rolle in dieser Situation spielen – dies beginnt meist schon mit der Anfrage bzw. dem Äußern des Wunsches.

Diese Fallgeschichte zeigt das Pflege heute eine mehrdimensionale hochkomplexe Beziehungsarbeit ist. Wir möchten mit diesem Artikel und der fiktiven Fallgeschichte kurz darstellen, welche Herausforderungen für Pflegepersonen in der Praxis entstehen können. Speziell in der Thematik des assistierten Suizids müssen wir uns als Pflege noch einige Gedanken machen. Eine genaue Darstellung der möglichen Rolle der Pflegepersonen und der daraus resultierenden erforderlichen fachlichen und ethischen Kompetenzen werden wir in einem nächsten Artikel beschreiben.

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Zur Person

Dr. Patrik Heindl, Pflegewissenschafter

Lektor (Schwerpunkt Intensive Care, Palliative Care & End-of-life-decisions)

Mag. Sabine Ruppert, Pflegewissenschafterin

Zertifizierte Ethikberaterin im Gesundheitswesen, Lektorin (Schwerpunkt Ethik, Palliative Care & End-of-life-decisions)

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