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Esther Matolycz
Identität und Legitimation
Administriert Pflege sich in die Unsichtbarkeit

Die Schere geht auseinander, wenn von Pflege die Rede ist. Einerseits gibt es die Nähe zum Alltagshandeln, andererseits die – bekannte – Verwissenschaftlichung.

Die mediale Berichterstattung lässt zwar nicht aus, dass für die Pflege nun (auch) akademisch ausgebildet wird, tut das aber gern unter Bezugnahme auf fortschreitende Technisierung und die, damit einhergehend, benötigten Wissensbestände.

Was fehlt, ist das Zusammenspiel von „Identität, Legitimation und Handeln“ (Cassier-Woidasky, 2011, S. 163). Denn: fragt man, was Pflege nun ganz genau ist, fallen die Antworten entweder unterschiedlich aus – oder sie fehlen. Und das ist ein Problem.

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Was ist Pflege? Das lässt sich so leicht nicht beantworten.

Ähnlich ergeht es der Pädagogik, und das ist insofern interessant, als sie in vielen Fällen gerade dort unterrepräsentiert ist, wo man sie vermuten würde. Für Schule ist, beispielsweise, der schulpsychologische Dienst zuständig, da gibt es keinen Zweifel. Warum aber liegt das nicht in den Händen von Pädagog*innen?

Und warum ist, umgekehrt, auch im Alltagsverständnis völlig klar, dass jemand, der Krisen erlebt, professionelle Hilfe suchen muss, und zwar bei Psychotherapeut*innen?

Niemand käme da auf die Idee, einen guten Freund zum Reden zu empfehlen. Weil gute Freund*innen nicht professionell handeln, weil sie dafür nicht ausgebildet sind, weil das eben in kompetente Hände muss. Mit dem Pädagogischen dagegen ist’s wieder so eine Sache. Elementarpädagog*innen leisten viel, und freilich sind sie unersetzbar. Aber immer noch sieht die Alltagsmeinung anders aus: mit Kindern spielen, das kann jeder oder jede mit viel Herz und etwas Hausverstand.

 

Diese Haltung kennt man auch in der Pflege. Zwar ist die Akademisierung in halbwegs trockenen Tüchern, aber die mediale Darstellung verwechselt noch immer (24-Stunden-)Betreuung mit Pflege oder findet Worte der Bewunderung für die hochtechnisierten Bereiche der Medizin, in denen auch Pflege ihren Platz hat – weshalb man nun auch akademisch dafür ausbildet. Kommen hingegen Unterstützungsleistungen (samt Empowerment) zur Sprache, ist der Weg zur aufopfernden, geduldig-freundlichen Zuwendung schnell wieder offen. Die braucht zwar viel und ist wertvoll, vor allem aber – das klingt dabei durch – guten Willen.

 

Was Pflege nun genau ist, das ist so vielumfassend, dass es sich eben nicht so einfach sagen lässt. Das bleibt nicht folgenlos.

Autonomes Handeln einzelner Berufsgruppen ist in dem Ausmaß möglich, in dem es ihnen gelingt, alleinige Zuständigkeit zu behaupten. Eine Berufsgruppe muss also glaubhaft machen, dass sie etwas leistet, das nur sie leisten kann (Abbott, 1988, S. 59f).

In einzelnen Bereichen der Pflege steht das auch in der Alltagsmeinung außer Frage. Allerdings tatsächlich (fast) nur dort, wo es ums Technische geht. Denn dass der Laie, die Laiin, sich weder an den Operationstisch stellen noch intensivmedizinische Gerätschaften bedienen kann, ist klar.

Anders sieht’s schon mit Alltagsgestaltung (beispielsweise im Umfeld der dringendst benötigten) gerontologisch-geriatrischen Pflege aus, oder mit Beratungsleistungen oder Caring.

Etwas wie Fürsorge ist so schwer zu fassen und in einen professionellen Rahmen zu bringen, dass am Ende oft nur Sich-Kümmern ankommt – und damit wieder etwas, das in der Nähe dessen landet, was (auch) mit Herz und Hausverstand zu bewerkstelligen wäre.

 

In den vergangenen Jahrzehnten hat Pflege nun unterschiedliche Versuche unternommen, ihr Handeln erstens von dem der Lai*innen abzugrenzen und es zweitens der Unsichtbarkeit zu entheben. Alle waren und sind wichtig, aber nicht alle tun ihrer Autonomisierung und Anerkennung gut – beziehungsweise nicht in jedem Ausmaß.

Prozesshaftes Handeln ist wichtig, und der Prozess des Diagnostizierens auch. Ebenso Standardisierung, ebenso die (hier unlängst angesprochene) Dokumentation. Verselbständigt sich die Sache aber, muss Pflege sich – zu Recht – fragen lassen, ob das der Autonomisierung nun zuträglich war.

 

Vor allem muss Pflege sich Gedanken um ihre Zuständigkeitsbehauptung machen, will sie der Vormachtstellung der sie umgebenden Wissenschaften entkommen. Im Wesentlichen sind das die Medizin, Psychologie, Soziologie und Pädagogik.

Pflege hat von vielem ein Stück, hat aber Schwierigkeiten, etwas für sich allein zu beanspruchen. Die Abgrenzung zur Medizin wird mit zunehmender Medizinalisierung des Fachs schwieriger. Je mehr medizinnahe Kompetenzen (im Sinne von Befugnissen) der Pflege zugehören, desto größer wird die Schnittstelle, desto kleiner das „Eigene“.

 

Im Wettstreit der Zuständigkeiten sind Pädagogik und Psychologie überall dort zugegen, wo es um Beratung, überhaupt um die psychosozialen Anteile von Pflege geht; sogar die Kommunikationswissenschaft mischt sozusagen mit, ebenso die Soziologie, sobald man es beispielsweise mit demografischen Entwicklungen zu tun hat.

Um wieder den Blick auf die Psychotherapie zu tun: die ist von Medizin (nämlich: Psychiatrie) und Psychologie (da sogar besonders deutlich) derart abgegrenzt, dass kaum Fragen offenbleiben. Dabei steht ihr auch zu, was Professionen eigentlich zukommt: nämlich, im ihr eigenen Bereich durchaus zur Unsichtbarkeit ihres Tuns zu stehen.

Auch hier ist der Vergleich mit der Pflege interessant: das Bemühen nach maximaler Transparenz und Nachvollziehbarkeit endet letztlich in massenhafter Administration, die wiederum im Alltagsverständnis auch allein als solche ankommt („die Pflege dokumentiert nur noch“). Diese Administration geschieht im täglichen Pflegehandeln wie im Management, dessen zunehmende Bedeutung durchaus auch als Versuch, der Vormachtstellung der Medizin zu entkommen, gedeutet werden kann (vgl. Freidson, 1979)

 

Es fehlt also, wie aus dem Diskurs der vergangenen Jahrzehnte hervorgeht, die einheitliche Definition, die alle Bereiche der Pflege verbindet und sie auf eine gemeinsame Grundlage stellt. Daraus wiederum könnte das erfolgreiche Behaupten exklusiver Zuständigkeit entstehen.

Will eine Berufsgruppe Autonomie, braucht sie tatsächlich eine eigene Sprache und eigene Begrifflichkeit, und zwar als Grundlage für wissenschaftliche Problembearbeitung; unterbleibt das, so schwächt es ihre Rolle (vgl. Stichweh, 2013, S. 283f).

Nun gibt es diese Bemühungen in der Pflege, allerdings auch die Gefahr, dass sie sich selbst in die Unsichtbarkeit administriert.

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Literatur

Literatur

 

Abbott, A. (1988). The System of Professions. An Essay on the Division of

Expert Labor. Chicago und London: The University of Chicago Press

 

Cassier-Woidasky, A.-K. (2011). Professionsentwicklung in der Pflege und neue Formen der Arbeitsteilung im Gesundheitswesen: Hindernisse und Möglichkeiten patientenorientierter Versorgungsgestaltung aus professionssoziologischer Sicht. In: U. Bauer et al. (Hg.). Zur Kritik schwarz-gelber Gesundheitspolitik. Mit Beiträgen von Bernard Braun, Anne-Kathrin Cassier-Woidasky, Thomas Gerlinger, Jens Holst, Hartmut Reiners, Michael Simon und Rolf Schmucker. Hamburg: Argument-Verlag, S. 163-184

Freidson, E. (1979). Der Ärtzestand. Berufs- und wissenschaftssoziologische Durchleuchtung einer Profession. Deutsche Übersetzung von Hannelore Nuffer. Herausgegeben von Johann Jürgen Rohde und Wolfgang Schoene. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag

 

Remmers, H. (2011). Pflegewissenschaft als transdisziplinäres Konstrukt. Wissenschaftssystematische Überlegungen – Eine Einleitung. In: H. Remmers (Hg.). Pflegewissenschaft im interdisziplinären Dialog. Eine Forschungsbilanz. Göttingen: Osnabrück: V&R, S. 7-47

 

Stichweh, R. (2013). Wissenschaft, Universität, Profession. Soziologogische Analysen: Bielefeld, transcript Verlag

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